Gedanken eines griechischen Negers

Erwiderung auf Michael Thulin (1988/89)

(Das Projekt "Bizarre Städte" entsprang einem elementaren Freiheitsbedürfnis: sich nämlich nicht von vergreisten, kleinbürgerlichen und ungebildeten Herren vorschreiben zu lassen, was man zu denken, zu lesen, abzubilden und wie man zu leben hat. Die BS waren keine Publikation von oder für Dissidenten, ja, ich würde sagen, nicht mal von Oppositionellen im landläufigen Verständnis, sondern eher Ausdruck eines anarchischen Lebensgefühls gegenüber der uns damals umgebenden kulturellen Wirklichkeit und deren opportunistischer und größtenteils dümmlicher Repräsentanten, die da alle Ebenen des öffentlichen Lebens der DDR abweideten und in einigen Fällen ihre Machtgelüste und/oder ihren Kleingartenfrieden auslebten: Verlagsmenschen, Zeitschriftenredakteure, Kulturfunktionäre, Schallplatten- und Rundfunkproduzenten, Fernsehreporter, Festival- und Konzertveranstalter, Abteilungsleiter, Sekretäre, Jugendklubbetreiber etc. etc. (Ich will nicht alle in einen Topf werfen – die Wirklichkeit war viel komplexer und diffiziler, es gab auch großartige Ausnahmen, aber einige Zuspitzungen seien mir gestattet.) Die meisten von ihnen übten sich in Selbstzensur, zwangen ihre Befindlichkeiten anderen auf, und die Gespräche, Argumentationen und Diskussionen, die da liefen, waren oft dermaßen absurd und abwegig, dass man den Eindruck hatte, da sprachen keine erwachsenen Menschen ... (Ihr Hauptsatz war: „Das verstehen unsere Menschen nicht ... Diese Zeile geht nicht ...“ und anderer solcher Unsinn.) Was im Namen des für alle Zeiten staatlich verordneten „wissenschaftlichen Kommunismus“ und der „historisch-materialistischen Dialektik“ dahergesagt, besprochen und vor allem ernst genommen wurde, war der Stoff unserer Albträume und provozierte bei uns eine enorm kreative Frustration. Vor allem die Schutz-Behauptung der dafür verantwortlichen Kulturfunktionäre, es gäbe gar keine guten nicht-veröffentlichten Texte in der DDR, ignorierte eine ganze Generation von Autoren, die seit Ende der siebziger Jahre Publikationsverbot hatten und – eine Gesetzeslücke ausnutzend – in Lyrik-Grafikeditionen, später in selbstverlegten Zeitschriften bis zu 99 Exemplaren ihre Werke publizierten. Das taten auch wir mit den BS, und es war ungemein erfrischend, den Grafiker Horst Hussel während der Arbeit an einem unserer Hefte hin und wieder sagen zu hören: „Frechheit siegt“ oder mich mit Volker Brauns Frage konfrontiert zu sehen: „Warum unterschreibst du dein Vorwort zu den BS eigentlich mit Asteris Kutulas? Unterschreib einfach mit: Ein Neger“. Nicht nur die Staatsgewalt in Gestalt zweier Herren der Staatssicherheit – was wir allerdings erwartet hatten – kam auf mich zu, sondern auch Sascha Anderson, der Papst, Mentor und Mäzen der untergründlerischen Prenzlauer-Berg-Szene, der mich aufforderte, meinen „Bizarre-Städte“-Unsinn doch zu lassen. Der direkte Angriff „im Namen der Szene“ kam aber Ende 1988 von Klaus Michael (damals noch „Michael Thulin“), der in einem sehr fragwürdigen Pamphlet die apolitische „Reinheit“ der Szene gegen die „politisierenden“ BS zu verteidigen versuchte. Das war ganz im Sinne von Anderson, der später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, sich zu DDR-Zeiten aber immer mehr zu einem unumstrittenen Herrscher des „Untergrunds“ stilisiert hatte. Im folgenden meine Erwiderung auf Michael Thulins Kritik in der selbstverlegten Zeitschrift Liane:)


Erwiderung auf eine unseriöse Kritik (Eine Streitschrift)

Zunächst muss betont werden, dass ich Michael Thulins allgemeinen Frust verstehe und seine theoretischen Prämissen akzeptiere, obwohl sie die meinen nicht sind. Allerdings erhoffte ich mir eine kritische Würdigung oder eine würdige Kritik (je nach dem) der ersten drei Bücher der „Bizarren Städte“ (weiter: BS), weil, wie in meinen Vorworten festgehalten, das Projekt für uns ein Experiment war. Aber auch weil Thulin vom „Unvermögen“ seiner zwei Kollegen Peter Wawerzinek und Olaf Nicolai, die drei Bücher „richtig“ einzuordnen, ausgeht, also von einer Behauptung, die nur durch eine fundierte Analyse der Bücher aufrecht erhalten werden könnte. Und schließlich erwartete ich bei der Beurteilung der Produktion der drei Bücher und der Arbeit der Autoren, Grafiker und Fotografen eine gewisse Sensibilität, besonders wenn man bedenkt, auf welch unsicherem Terrain sich der autonome Literaturbetrieb in der DDR bewegen muss.

Ich spreche nicht von weniger, sondern von fairer, ernsthafter Kritik. Doch Thulins Behauptungen und Unterstellungen werden de facto durch die in den letzten drei Monaten fertig gestellten vier neuen BS-Bücher (Sonderheft 1 und 2, Dresden-Heft, Band 4) widerlegt. Diese Art der Entgegnung entspricht mir – einem „Macher“ – mehr, als mich theoretisierend ins Weltgeschehen einzubringen. Trotzdem möchte ich Thulins „Kritik“ (die mich an T.S. Eliots Feststellung erinnerte, die meisten Kritiker bemühten sich nur um Vernebelung, indem sie u.a. behaupten, der einzige Unterschied zwischen ihnen und den anderen bestehe darin, dass sie selber nette Menschen und die andern recht zweifelhaften Rufes seien) zum Anlass nehmen, ein paar allgemeine Bemerkungen zu der Geisteshaltung zu machen, die sich dahinter verbirgt.

Wegen der Vernebelung, die Thulins „kritischer“ Methode eigen ist, meint man, einen Krimi zu lesen, der in London spielt und in dem die Polizei mit einer extra dafür konstruierten Maschine Nebel produziert, um darin zu verschwinden und nicht als Verbrecher entlarvt zu werden - was es tatsächlich gegeben haben soll. Wachtmeister Thulin geht wie folgt vor: Er unterscheidet nicht fein säuberlich zwischen den drei Heften als fertigen Produkten – für die der Herausgeber ohne weiteres belangt werden kann – und den beizeiten geführten Gesprächen: Den sich verändernden, widersprechenden und in sich unstimmigen verbalen Aussagen zwischen März und April 1988 – die, ihrer Natur gemäß, nichts Apodiktisches besaßen – verschiedener am Projekt beteiligter Autoren und Grafiker, den Herausgeber mit eingeschlossen.

Thulin macht nicht einmal den Versuch, Licht in diese düstere Affäre zu bringen und lässt im Dunkeln, worauf er seine >Dekonstruktionen< stützt: auf die drei Hefte (die darin versammelten Texte), auf Gespräche, auf eine Diskussion, auf Gerüchte? Die Verwirrung beginnt bereits bei den Begriffen; so geht – nach Thulin – ein Gespenst in der Gesellschaft um, das (allerdings – nach Thulin – gescheiterte) Gespenst der >Aufklärung<. Was er darunter versteht (Landläufiges, Weltläufiges, Prenzelbergläufiges?), verschweigt der Meister. Zudem bleibt Thulin die Erklärung schuldig, wie sein Wahn-Gebilde, obwohl (fast) tot, noch so viel Unheil unter den Lebenden anrichten kann, aber wahrscheinlich will er uns vor Nekrophilie schützen, vor solch verwerflichem Gedankengut: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen ...“

Also warnt Wachtmeister Thulin vor dem Grufti Immanuel Kant und deutet – nach durch ihn heimlich begangenem Mord – auf die Leiche: Diese >Aufklärung ist gescheitert.< (Der Widerspruch wird deutlich, wenn Thulin selbst als ein „restlos Aufgeklärter“ auftritt, so dass man die Horkheimer/Adorno-Feststellung: „Aufklärung ist totalitär wie nur irgendein System" leicht auf sein eigenes Gedankengebäude anwenden kann.) Ähnlich konfus, ohne ihrer Begrifflichkeit Herr zu werden, verwendet er auch andere Wörter, zum Beispiel >Selbstverständnis<, >Lebensweise<; und wenn er gar das bittere Ende der BS prophezeit, greift er zum Polizistenjargon: >wenn es je so etwas wie ein authentisches Gesicht (des Editionsunternehmens BS; A.K.) gegeben hat, – sieht man einmal von der Aufmachung ab –, dann ist ihm der Boden unter den Füßen entzogen<, um zu beweisen, dass nicht nur Lügen, sondern auch Gesichter kurze Beine haben, was aber Thulins wachendem Auge nicht entgeht, genauso wenig wie der Umstand, dass sich hinter einer ordinären >Aufmachung< ein >authentisches Gesicht< verbergen kann.

Der Sinn jeder seriösen Kritik – und gerade einer Gegenkritik, die anhand des besprochenen Gegenstandes die andere Meinung postuliert! – hätte für mich darin bestanden, die Texte (hier: in den BS), den inneren Zusammenhang jedes Heftes, die inhaltliche Klammer des gesamten Projekts etc. zu untersuchen. Aber nicht für Thulin: kein Wort über die Autoren, kein Wort über die Struktur der Beiträge, über die formale und inhaltliche Entwicklung von Band 1 bis Band 3, nichts über Art und Prinzip der Edition. Sind es überhaupt die BS, für die sich Thulin interessiert? Denn, seltsam genug, er argumentiert „politisch“ und nicht literarisch, obwohl er nicht müde wird zu behaupten, ihm ginge es nur um „Literatur“.

Zunächst „beweist“ er, wie beschränkt die beiden Kritiker (Peter Wawerzinek und Olaf Nicolai) sind, die sich bislang zu dem Projekt geäußert haben. Dann zeigt Thulin, auf welch verlorenem Posten die BS stehen, mit einem Hinweis auf das gegenüberliegende leuchtende Ufer der „ariadnefabrik“ (die ich übrigens schätze) und der anderen von ihm gelobten Zeitschriften. Und zu guter Letzt entlarvt er den Herausgeber als >Manager<, der die Autoren nur beim Denken und Arbeiten stört. Man gewinnt den Eindruck, liest man Thulins Untersuchungsbericht, dass der Herausgeber - dem es >um das Verteilen (sic!) und Verlegen von Literatur (geht), wenn die anderen (die schutzlosen Autoren! A.K.) von ihren eigenen Problemen sprechen< wollen – aus dem nicht-öffentlichen Verkehr gezogen werden muss.

Dabei muss man nur einen Blick in die BS werfen, um zu sehen, dass sie zumindest eins erreicht haben, was Legitimation genug für ihr Bestehen (das Bestehen jeder beliebigen literarischen Zeitschrift) ist: Es sind im Auftrag der Redaktion Texte, Grafiken und Fotos entstanden: so der längste Text, den Frank Lanzendörfer, angeregt auch von Johannes Jansen, je geschrieben hat: die 25seitige aus Gedichten, Fotos und Zeichnungen bestehende Collage „garuna, ich bin!“, genauso wie der im 4. Band abgedruckte Text „zwischen hoffnung und resignation“, weiterhin Peter Böthigs „kleiner versuch über den schaden“, Walsdorfs „frauen ohne unterleib“, Kathrin Schmidts „der um die Ecke einbog“, Janovskis „photobiographischer versuch über die szene“, Jansens grafisch-poetischer Beitrag „Fang“, Kerstin Hensels „Anschläge über das Literaturinstitut“, Uwe Lummitschs „Zwiesprache“, Kunz’ „Messer im Kopf“, Menschings „Die Stadt“, Adloffs „Bemerkung“, Schwarz’ „Splittersammlung“ etc.etc. Ganz abgesehen von den Grafiken, Zeichnungen, den beiden Kassetteneditionen, der Grafikmappe mit dem dafür geschriebenen Text von Elmar Jansen und natürlich den Erstveröffentlichungen von fast allen Texten (darunter immerhin Brauns „Freizeitpark“ und „Schiff im Land“, Endlers „Bubi Blazezaks gedenkend“, Papenfuß’ „remembering cerstin“, Czechowskis „Das Zwingende“ und „Tag im Februar“, Menschings „Wetterbericht“). Das alles ist Thulin keine Erwähnung wert. Viel wichtiger scheint ihm dagegen, diese gesamte Produktion auf den Begriff der >kulturpolitischen Pauke< zu reduzieren – tatsächlich: >inhaltlich ist damit leider noch nicht viel gesagt< (sic!) –, was ihm zumindest ermöglicht, den Herausgeber ob seines anti-literarischen Verhaltens zu rügen.

Da Thulin es ist, der von Wawerzinek und Nicolai eine durchdachtere Kritik des Experiments BS verlangt, erwartet man diese verständlicherweise von ihm; vergebens: Nach „politischen“ Unter-die-Gürtellinie-Schlägen gegen Olaf Nicolai – auf dessen harmlosen Satz hin: „der verlust von gesellschaftlichem interesse an kunst führt zu elitären zirkeln, die in der folge selbst ein mangelndes interesse an bestimmten gesellschaftlichen prozessen sich zueignen“ sich Thulin zur Behauptung hinreißen lässt, hier spräche ein Shdanow (sogar ein Seferis, ein Eliot und ein Enzensberger, denen man schwerlich Stalinismus vorwerfen kann, hätten diesem Satz zugestimmt!) – und gegen Peter Wawerzinek – der aufgefordert wird, seine nächste Kritik doch im „Sonntag“ zu veröffentlichen – (deutlich in beiden Fällen ein Angriff auf der Ebene der (im weitesten Sinne) politischen Diffamierung) sieht sich Thulin dem Dilemma gegenüber, behaupten zu müssen, dass die Autoren, Maler und Fotografen (wie Faktor, Wendisch, Brinkmann, Fries, Burchert, Hussel, Wenzel, Stürmer-Alex etc.) sich vom Herausgeber haben einwickeln und benutzen lassen. Er kommt nicht auf die Idee (und will nicht sehen), dass diese – im Gegenteil – mit ihrer Mitarbeit einen Versuch unterstützt haben, der ihnen wichtig war. Thulin hat für deren Mittun eine gewichtige Erklärung parat: Sie alle seien dem Herausgeber >auf den Leim< gegangen, >geblendet von der gediegenen Aufmachung.< Doch Wachtmeister Thulin eilt herbei, die hier versammelte getäuschte Autorenschaft der DDR vor dem gerissenen Griechen zu warnen und dessen Treiben ein Ende zu setzen! Denn: in den BS >geht (es) um allerlei, bloß nicht um Literatur.<

Ich habe es eher so empfunden: Für die meisten Autoren von BS war es wichtig, dass „Literatur“ im Verständnis des Herausgebers mit Mündigkeit und Freiheit, mit Phantasie und Toleranz zusammenhängt. Literatur in BS hatte und hat nichts mit Engstirnigkeit und Borniertheit zu tun, die den eigenen Literaturbegriff als alleinigen Maßstab anerkannt wissen und die „Literatur an sich“ damit in Beschlag nehmen will. Der Herausgeber hält es mit Bloch, mit einem jener von Thulin verabscheuten und für tot erklärten Aufklärer: Literatur hat allemal mit Utopie zu tun, die Thulin – daraus mache ich ihm keinen Vorwurf, ich lese es nur aus seinem Text heraus – völlig fehlt. Anliegen der BS ist zum einen, Voreingenommenheit und Verhärtung, Isolation und fehlende Gesprächsbereitschaft zwischen Autoren abzubauen, zwischen ihnen zu über-setzen, „Aussagen zur Zeit“ zu dokumentieren, und sich zum andern gegen die „industrielle“ Ver-Wertung von „Idealen“, ausgedrückt in der offiziellen Doktrin der Interessenvertretung des ganzen Volkes durch die monopolistisch geführten Massenmedien (als wäre das möglich!) zu wehren. Die vor einem Jahr fertiggestellten drei Bände – in denen (erstmals so breit) wenigstens Ko-Existenz möglich war – haben die Grundlage für Kommunikation (noch nicht: Dialog) geschaffen, die in den nächsten Büchern in Form von Interviews und neuen Konzepten angestrebt wird. Das steht (mehr oder minder deutlich) in den Vorworten.

Aber Thulins „kritische“ Methode ist nicht in erster Linie durch die frappierenden Unterlassungen gekennzeichnet, die ich angedeutet habe, auch nicht nur durch die versuchte Vernebelung seines eigentlichen Anliegens, worauf ich noch zurückkomme, sondern durch die eklatante Unfähigkeit, auch nur eine einzige stimmige Argumentationskette aufzubauen. Ich möchte das an einem Beispiel erläutern, und zwar an einem wichtigen Punkt seiner „Kritik“: >Das Anliegen der BS ist, wie die Vorworte zeigen, zunächst einmal ein kulturpolitisches: Veränderung der Druck- und Veröffentlichungspraxis, eine Autorenzeitschrift. Glasnost, um Kutulas zu zitieren. Aus diesem Grunde geht es den Heften weder um die darin versammelten Autoren, noch um die Individualität und spezifische Qualität der einzelnen Beiträge. Autoren und Beiträge sind Makulatur, sie sind heranzitiert und versammelt zur Demonstration eines Beweises ...< Wie die Vorworte zeigen? Thulin zitiert? Aber vergebens sucht man in meinen Vorworten die Worte >Glasnost<, >Autorenzeitschrift<; auch keine Spur von dem in Thulins Augen unzüchtigen Anliegen, die Druck- und Veröffentlichungspraxis zu verändern, geschweige denn die Forderung danach (meine diesbezügliche Meinung steht hier nicht zur Debatte). Also aus diesen – nicht vorhandenen – Gründen unterstellt Thulin dem Herausgeber ein Verhalten, das, wenn es ruchbar würde, sein moralisches und damit faktisches Aus bedeutete. Ich will es bei diesem Beispiel belassen. (Angesichts der pejorativen Belastung dieser Begriffe, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, Thulin sei gegen Glasnost, gegen eine Liberalisierung und Demokratisierung der Druck- und Veröffentlichungspraxis etc., wenn ich sehe, wie blind er um sich schlägt, als wolle er nicht argumentieren, sondern provozieren – den BS so eine Art politische Plattformbildung unterstellend).

Obwohl, wie gesagt, das Wort „Autorenzeitschrift“ in keinem der Vorworte auftaucht – weil die ersten drei Bände der BS diesem Namen nicht gerecht würden –, möchte ich jenes Prinzip (das auch eine solche Zeitschrift charakterisieren würde) erläutern, das von Anfang an die editorische Praxis der Redaktion bestimmte: Ziel war, ein Forum für das Schreiben und Denken von verschiedenen Autoren zu schaffen, eine offene Konzeption nach allen Seiten hin zu vertreten (sich nur verweigernd dem „rechten“ und „linken“ Opportunismus) – all das geleitet von einem elementaren Respekt vor dem Autor/Künstler und seiner Produktion. Eine Zeitschrift also, die sich als unabhängiges Blatt/Medium für das geschriebene und gedachte/gesprochene Wort ihrer Autoren versteht – und die so auch von den verschiedensten Autoren angenommen und befördert wurde.

Während einer Lesung in der Akademie der Künste berichtete Christa Wolf über Gespräche, die sie mit Franz Fühmann (wenn ich mich recht entsinne) darüber geführt hatte, was sie gemeinsam geschrieben, welche Themen sie angepackt hätten, wäre ihnen eine Spalte in einer Wochen- oder Tageszeitung angeboten worden. In einem Land, das sich leisten kann, auf solche Angebote nicht zu reagieren, ja, sie gar nicht wahrzunehmen, ist es, gelinde gesagt, unverantwortlich, so blauäugig für andere Elfenbeintürme (oder Gefängnisse?) in die Landschaft stellen zu wollen, in denen man sich Ende des 20. Jahrhunderts als Schriftsteller eh nur selbstkasteien kann. Ich habe nichts dagegen, wenn Thulin für sich einen solchen Turm errichtet – ich werde der letzte sein, der ihn daran hindert.

Der Standpunkt, den Thulin angreift – die eher provokativ gestellte Forderung während zweier Lesungen (nicht nach >Institutionalisierung<, sondern:) nach einer unabhängigen, ausschließlich von Autoren herausgegebenen Publikation, was Thulin wohlweislich verschweigt, also eine Forderung, die so in der DDR, soweit mir bekannt, noch nicht gestellt wurde –, hat nicht nur nichts mit dem konkreten Projekt zu tun und wird in keinem der drei Bücher vertreten, er ist auch als verbaler Standpunkt seit fast einem Jahr nicht mehr im Gespräch. Das Weiterbestehen von BS hing für die Redaktion von der Bewahrung des autonomen Charakters des Projekts ab. Das Interessante an Thulins Kritik ist die a priori mitgemeinte Diffamierung des Begriffs „Institution“, interessant, weil sie einerseits vom demokratischen Impetus der BS absieht (es würde zu weit führen und es ist nicht unser Thema darzustellen, wie die BS produziert wurden), weswegen überhaupt viele der Autoren sich am Projekt beteiligt haben, und andererseits von der dogmatischen Praxis auch jeder nichtoffiziellen „Institution“, die es in der imaginären „Szene“ (ich weiß, ein ungenauer Begriff), die Thulin beschützen möchte, in vielerlei Gestalt gab und zum Teil noch gibt, und von der auch die von ihm genannten Zeitschriften (genauso wie die BS) gar nicht frei sein können, was Adolf Endler in seiner Besprechung des Buches „Sprache & Antwort“ als Gefahr für einige dieser Blätter auswies, „ins schwiemelige Abseits des Sektiererhaften und Dumpf-Provinziellen“ zu geraten.

Thulins Demagogie erreicht in dieser Hinsicht einen (ungewollten) Höhepunkt: Einerseits wirft er den BS vor, ein fatales Öffentlichkeitsverständnis zu haben, andererseits übersieht er geflissentlich, dass eine repräsentative Auswahl aus „mikado“ in einer Auflage von mehreren Tausend als Taschenbuch bei Luchterhand vertrieben wird; einerseits behauptet er, die von ihm gelobten Zeitschriften wendeten sich vor allem >an den Kreis ihrer Autoren< und der unmittelbar Interessierten (>Mehr möchte man nicht ...<), andererseits verschweigt er, dass eine Reihe von Gesprächen aus dem „schaden“ in der Collection S. Fischer veröffentlicht wurden (das von Egmont Hesse herausgegebene Buch „sprache & antwort“); einerseits regt sich Thulin auf, weil BS versucht haben, neue – unabhängige – Freiräume und Möglichkeiten für Kommunikation zu schaffen, andererseits stört es ihn überhaupt nicht, dass „ariadnefabrik“, „schaden“ etc. in westlichen Gazetten wie „Niemandsland“ sowie die literarische, musikalische und künstlerische „Avantgarde-Szene" drüben genauso wie neuerdings auf hiesigen Veranstaltungen vereinnahmt und vermarktet werden (was nicht in jedem Fall im Sinne der Künstler ist, aber es geht mir um die Tendenz); Thulin reicht es einerseits, dass während eines Gesprächs das verbale Angebot gemacht wird, man möge sich doch überlegen, ob in der DDR ein oder mehrere Publikationsorgane möglich wären, die selbständig von Autoren herausgegeben werden, um diesen Gedanken als >Schwachsinn< und als >nebulöse Globalforderung< abzutun, entdeckt aber andererseits keine >konzeptionelle Unaufrichtigkeit< im Ver-Öffentlichen jener von ihm hochgelobten (angeblich) öffentlichkeitsabstinenten Literatur beim Aufbau-Verlag, in „Sinn und Form“, sogar im Verlag Neues Leben etc., also einer Literatur, die seinem Verständnis zufolge für einen erlauchten Kreis von Auserwählten geschrieben wurde – eine Ansicht, der ich nicht folgen kann. (Papenfuß’ Band „dreizehntanz“ z.B. war nicht nur längst „fällig“, er gehört außerdem zu den herausragenden Veröffentlichungen der letzten Zeit.) Und, so viel ich weiß, gibt es auch keine abstrakte „Zeitschrift“, unabhängig von ihren Texten und der Intention der Autoren!

Thulin übersieht schließlich, dass die meisten der von ihm doktrinär vereinnahmten Autoren eine mehr oder minder konträre Haltung zu seiner Position erkennen lassen. Ich bezweifle, dass Reiner Schedlinski, Egmont Hesse, Andreas Koziol, Ulrich Zieger etc., die Thulin in Beschlag nimmt, einen Anwalt wie ihn brauchen, besonders wenn ich an theoretische Texte von Hesse und Schedlinski denke. Da halte ich mich lieber an ihre Bücher und Schriften – und nicht an die Karikatur, die Thulin von ihnen zeichnet. Immerhin plädiert Schedlinski in einem Brief an den Verlag Neues Leben für die größte Öffentlichkeit literarischer und essayistischer Texte, wenn er auf deren Publikation in der Tages- und Wochenpresse der westlichen Kulturlandschaft (seit einigen Jahren auch der Sowjetunion) als einen normalen geistigen Zustand aufmerksam macht. Und die Herausgeber der Zeitschrift „mikado“ (Uwe Kolbe, Lothar Trolle, Bernd Wagner) beschreiben im Vorwort des äußerst aufschlußreichen Buches „Mikado oder Der Kaiser ist nackt“ den gesellschaftlichen Kontext, der sie zum editorischen Selbsthelfertum geführt hat: „Es bedurfte etlicher Winter der Depression, einer Bibliothek voll ungedruckter Texte und schließlich des Zurückgewiesenwerdens einer gesamten Schriftstellergeneration, bevor der Blick überhaupt in eine solche Richtung gehen konnte“. Der für sie wichtige Ansatz – „Wir suchten die Brisanz der Gegenwart in der Sprache, diesseits und jenseits des Vokabulars der Macht und der Anpassung“ – könnte genauso für die BS gelten.

Ich habe den Eindruck, dass es Thulin nicht darum gegangen ist, darzustellen, was in den BS versucht wurde, diesen Versuch mit anderen zu vergleichen und anschließend zu werten, sondern die Tatsache, dass etwas versucht wurde, von vornherein zu verurteilen, weil es nicht mit seiner bornierten Konzeption übereinstimmt. (: Eine Methode, die er mit der hierzulande weit verbreiteten orthodoxen Literatursoziologie gemein hat:) Das treibt dann in seinem Text absonderliche Blüten: >Literatur wird (in den BS; A.K.) lediglich benutzt, um ein außer ihrer Produktionssphäre liegendes Ziel – nämlich die Veränderung der Institution Kunst – zu bewirken<. Um Gottes willen! Und weiter: >Kunst ... wird durch dieses Anliegen instrumentalisiert und mit einer genau umrissenen Funktion belegt: als Mittel der Aufklärung und Durchsetzung kulturpolitischer Zwecke< ... Kein Kommentar.

Thulins „Gegen-Kritik“ stellt die Daseinsberechtigung der BS in Frage, und zwar nicht aufgrund einer ernsthaften Auseinandersetzung – man sucht vergebens den Willen dazu und die dafür erforderliche analytische Genauigkeit –, sondern durch eine moralische Denunziation: Was er in seinem Beitrag angreift ist – schlicht und einfach und kaum kaschiert – die Integrität des Herausgebers und der Redaktion, also die Grundlage für solche Editionsarbeit außerhalb der „zentralisierten Öffentlichkeit“ (Böthig). In der DDR ist es scheinbar gang und gäbe, so etwas zu tun, indem man den Herausgeber der Zusammenarbeit mit der Stasi, der FDJ, oder, wie bei Thulin (etwas abgeschwächter!, danke!), mit dem Schriftstellerverband und den Verlagen bezichtigt. Aber die Zeit, für die Thulin streitet, ist längst vorbei, der Zug, auf den er wartet, abgefahren.

Diese Erwiderung, das merke ich jetzt, war mir wichtig, um auf jenes „kulturpolitische Terrain“ hinzuweisen, auf dem sich Thulin bewegt. Sie sollte auch zeigen, worum es ihm eigentlich geht: nämlich nicht um eine Kritik der literarisch-editorischen Arbeit, sondern um eine Kritik der Gesinnung (was sich u.a. hinter der ganzen Aufklärungs-Diskussion verbirgt, die einer gesonderten Erwiderung bedürfte). Die ideologische Brille hat Thulin die Sicht auf BS getrübt, und die beiden Besprechungen von Nicolai und Wawerzinek waren ihm ein willkommener Vorwand, seine ideologischen Vorbehalte gegen die Haltung, die er als Grundlage für das Projekt BS vermutet, auszuspielen. Mir ist klar, dass es zwei und mehr „Sprachen“ gibt, dass gewisse Differenzen bestehen. Darüber kann man sich einigen. Doch das ist ein anderes Thema.

© Asteris Kutulas, Eggersdorf, 12.-14. Februar 1989

Anmerkung: Die in > < eingefaßten Wörter bzw. Sätze entstammen Michael Thulins (alias Klaus Michael) Feder.


Hier der Text von Olaf Nicolai über die „Bizarren Städte“ und die intellektuellen Befindlichkeiten der Prenzlberg-Szenisten aus dem Jahre 1988:

olaf nicolai
randbemerkungen zur publikation der „bizarren städte“

jeder diskurs referiert die logik des ihm vorausgehenden systems, auch wenn er die destruktion derselben zum ziel hat. das verhältnis zur geschichte ist somit ein zweifaches: zum einen resultat, zum anderen beginn. insofern kann kritik nicht nur eine funktion des textes den verhältnissen gegenüber sein, sondern ist ebenso als eine notwendigkeit auf sich selbst bezogen zu bestimmen. zu letzterem beizutragen, ist sinn dieser bemerkungen.

1
vor dem hintergrund der vorhandenen (oder zum teil schon nicht mehr vorhandenen), im eigenverlag erscheinenden publikationen erscheint „bizarre städte“ als ein versuch, dort gebildete strukturen aufzugreifen und in neue zusammenhänge zu setzen. es zeigt sich so, daß die monadenhafte produzentengemeinschaft, die durch die geringe auflangenhöhe nur geringe wirkungsmöglichkeiten hatte, nur bedingt eine alternative sein kann. zum anderen scheinen die neuen formen der eigen-edition modellcharakter angenommen zu haben, der jeden neuen versuch prägt. bleibt die frage, wie beides zusammengeht.
(zu bedenken wäre auch, daß die geringe auflagenhöhe bewußt genutzt wurde – so erhielten die publikationen unikatcharakter, der sie so zu einem sammlungswürdigen kunstwerk werden ließ. somit war eine wichtige voraussetzung für die weitere existenz der hefte und zum teil auch für die ihrer macher gegeben. die spezifische form der samo-stad editionen ist nicht nur reaktion auf fehlende veröffentlichungsmöglichkeiten (was sie zuerst waren), sondern sie verfestigte sich in dem maße, in dem deutlich wurde, daß es gerade diese form ist, die eine gewisse aufmerksamkeit und lukrativität sicherte. dies scheint mir vor allem für die späteren phasen wichtig. (die hefte erwiesen sich letztendlich auch als eine art marktlücke.) hier wäre auch die frage zu stellen, ob die ausdehnung der wirkungsmöglichkeiten durch erhöhte auflagen noch in betracht gezogen worden ist. der verlust von gesellschaftlichem interesse an kunst führt zu elitären zirkeln, die in der folge ein mangelndes interesse an bestimmten gesellschaftlichen prozessen sich zueignen. der verlust der gesellschaftlichen funktion von kunst als folge des interessenverlustes der gesellschaft an den möglichen funktionen der kunst in ihr. (1)

2
gerade die beibehaltung des „kunstwerkcharakters“ beim projekt „bizarre städte“ (vor allem beim ersten heft) widerspricht so eigentlich der intention, mittels neuer reproduktionstechniken (computer) und neuer vervielfältigungsqualität (einheitliches papier), buchform) die nachteile der bisherigen hefte zugunsten einer produktiven kommunikation zu überwinden.
auch wird das unterfangen, viele verschiedene poetiken und medien zu vereinen, tendenziell in frage gestellt durch das bloße nebenbeinander“stellen“ von zueinander beziehungslosen arbeiten.
der neue anspruch muß auch eine neue form zeitigen. eine schon vorhandene nur größer und zahlreicher nur aufzulegen, kann wie der versuch wirken, einen trend kommerziell zu verwerten.
eine kontinuierliche redaktionelle arbeit, thematische hefte, dialog zwischen ihnen über die beiträge, in einer hohen auflagenhöhe angemessenen form – das wären denkbare wege. (2)

3
obige kritik wäre verfehlt, würde man der behauptung glauben schenken, daß dies ein einmaliges pilotprojekt sein würde, um so durch spätere legalisierung zu einer autorenzeitschrift zu gelangen. ich tue dies nicht. zum einen ist es schwer vorstellbar, daß all die, die diese arbeit investiert haben und daß alle, die daran beteiligt sind, beruhigt nach hause gehen, wenn sie erfahren haben, daß sich eben keine institution finden läßt, wie man hoffte – man hat’s ja mal versucht. dieses projekt wird weitergehen, oder andere werden daraus hervorgehen.
zum anderen ist es naiv, sich wieder bedingungslos an die gnade der institutionen auszuliefern, nachdem gerade aus dieser situation heraus das projekt entstanden ist. dieses verhalten der institutionen jetzt wiederum zu einer bedingung für das gelingen selbst zu machen, halte ich, wenn es in der beabsichtigten unausschließlichkeit geschieht, für falsch.
um der logik des diskurses zu entgehen, um über seine grenzen hinauszugelangen, muß man im sinne dieser logik alogisch verfahren. der bittsteller wartet immer vor den toren der paläste, in denen entschieden wird – über ihn. so besetzen diese immer nur die zuschauerplätze um die arena „geschichte“ herum.

4
eine weiterführung des projektes würde nicht nur bei ablehnung, sondern auch bei legalisierung sinnvoll sein. denn diese eine zeitschrift kann sicher kaum alle angebote bewältigen, noch die verschiedenen bedürfnisse befriedigen, die bei der beteiligung so unterschiedlicher medien wie literatur, musik, grafik da sind. die stau-situation könnte diese eine zeitschrift nicht bewältigen. mehr andere hefte wären denkbar – vielleicht auch konkurrenz als stimulus. außerdem besteht die gefahr, daß mit der legalisierung einer edition andere leichter zu deplacieren sind.

5
all das deutet an, daß die „bizarren städte“ auf eine andere, notwendige veränderung hinweisen, die zu verdrängen nur um den preis des verlustes an authentizität gelingen dürfte.
es geht doch weniger um das problem, ob sich nun ein verlag finden läßt, der dieses projekt mittragen möchte (vielleicht um daraus eine attraktive kunst-presse zu kreieren), sondern es geht doch wohl eher um die veränderung von regelungen, die die reproduktion und distribution von produkten wie literatur, bilder etc. für den produzenten festzuschreiben und sogar in die produktion selbst hineinwirken (bsp. selbstzensur). dies ist nicht nur ein problem der auf dem gebiet der kunst tätigen, sondern betrifft auch wissenschaftler und theoretiker.
der dialog um eine demokratisierung der austausch- und kommunikationsmöglichkeiten muß geführt werden. das ist nicht nur folgerichtig in einer gesellschaft, die sich als „ziel“ einen zustand vorstellt, in dem die freie entwicklung des einzelnen die voraussetzung für die aller ist, sondern es ist für ihre entwicklung unabdingbar. (3)

6
die stadt war einst sinnbild für human, nach dem diktat der vernunft gestalteten raum, der freiheit verhieß. die tatsächliche entwicklung wandelte dieses bild um in das des molochs. heute kursiert das gleichnis vom labyrinth als ort mystischer zukunftsvisionen, die glauben, der rationalität entsagen zu müssen.
„bizarre städte“ – diese metapher verheißt eine erfahrung, die das „entweder/oder“ zugunsten des „und“ überwindet. hoffnung, die der illusion entsagt. daß der gegenwärtige zustand dies gezeitigt hat, zeigt an, daß er die bedingungen für seine veränderung hervorgebracht hat. die metapher ist klüger als ihr autor (so heiner müller) – ich hoffe, daß wir die erfahrung, die die metapher von den „bizarren städten“ (die metapher für einen bewohnbaren raum) verheißt, machen werden können.

(1) der begriff der gesellschaft wird sicher bei einer analyse dieses prozesses aufgelöst werden müssen, denn er verschleiert mehr als er offenbart – täuscht ein homogenes gebäude vor, wo somit nur „in“ oder „out“ denkbar sind. es würde um die untersuchung der einzelnen strukturen und der elemente gehen, die dieses system konstituieren, um die betrachtung ihrer funktion, reproduktion und produktion, um schichtenanalyse, um macht und repräsentation – kurz um die genaue analyse dessen, was ist.

(2) gleichzeitige arbeit in arbeitsgruppen mit verschiedenen editionen zum beispiel ebenso. dadurch wäre auch die belastung einzelner weg, größere vielfalt und flexibilität möglich.

(3) der begriff des „ziels“ ist trügerisch. dieser zustand ist weniger ziel (es geht nicht um technologische konzepte, deren kehrseite der fatalismus ist) als vielmehr ständig einzuforderndes. eine vielzahl von problemen sind ohne das einbringen der kreativität des einzelnen (was wiederum eine entwicklungsmöglichkeit voraussetzt) heute gar nicht mehr lösbar. insofern ist diese forderung nicht einem wunschdenken verpflichtet, sondern der aus den gegebenheiten resultierenden notwendigkeit.

(dieser text ist die zweite fassung einer kritik zu „bizarre städte“, die auf bitten von hans brinkmann entstand.)

olaf nicolai märz/juni’88