Briefwechsel über Leonard Cohen

hallo m.,
ich betreue eine größere produktion, die nächstes jahr stattfinden soll, gewidmet manos chatzidakis, einem ziemlich bekannten griechischen komponisten, der vor einigen jahren gestorben ist. bei diesem konzert geht es auch darum, aus griechischen liedvorlagen sangbare englische texte zu machen. namhafte bands sollen diese versionen im herodes-attikus-theater aufführen. gert hof soll bühnen- und licht-design machen. michael kamen – der musikalische produzent, direx und bandleader dieser produktion –, mit dem ich mich schon zwei mal getroffen habe, hatte über dieses vorhaben auch mit seinem freund leonard cohen gesprochen und bat mich, mit dessen büro kontakt aufzunehmen, um die sache unter dach und fach zu bringen.
also rief ich die nummer, die er mir gegeben hatte, an und ließ auf dem anrufbeantworter meinen namen, und bat, von cohens sekretariat zurückgerufen zu werden. nach etwa zehn minuten klingelte mein telefon und eine sonore, weiche stimme fragte „asteris?“ ich sagte „yes?“ darauf die stimme: „here is leonard cohen.“ er war es tatsächlich persönlich.
jedenfalls habe ich mich mit ihm etwa eine halbe stunde unterhalten. über alles mögliche. nicht über das projekt. er sagte mir zum beispiel: "i am working very, very slow. i need a lot of time ..." und einige andere solcher sachen.
ich geniesse die energie, die von solchen menschen ausgeht. es ist niederschmetternd (und tröstend zugleich), aber es gibt die "auserwählten", die uns diesen "zipfel" zeigen, der das leben ist, der uns vor dem alltagstod bewahrt. hinzu kommt, dass ich nicht nur ein fan seiner musik bin, sondern dass einige seiner songs in einem bestimmten abschnitt meines lebens eine für mich außerordentliche rolle gespielt haben. tankfüllungen voll sehnsucht für einen todgeweihten, eines in den untiefen der seele sich verlierenden. das schicksal spielt oft seltsame spiele, meinst du nicht auch?
asteris

Hallo Asteris,
seine Stimme ist im Laufe der Jahre noch dunkler geworden ... „Here is Leonard Cohen.“ Ich erinnere mich genau ... nachdem ich am Telefon einige Erklärungen auf Englisch gestammelt hatte, sagte er: "Why don't you come here?"
1969, Leonard Cohen war zum ersten Mal in Deutschland on Tour. Karsten Jahnke, der Veranstalter, hatte mir auf meine Anfrage am Telefon tatsächlich das Hotel verraten, in dem mein Idol abgestiegen war. Unglaublich! Den Mut anzurufen hatte ich aber erst am Tag nach dem Konzert.
Natürlich bin ich hingegangen, mit klopfenden Herzen, und obwohl ich frisch vermählt war. Ich war besessen von dieser hypnotischen Stimme seit ich 1962 zum ersten Mal im Radio "Suzanne" gehört hatte. Von den Texten, die ebenso dunkel waren wie die Stimme des Sängers. Ein Wahnsinn, wie man da am Radio klebte. – Platten gab es erst Jahre später. Sei gegrüßt, M.

hi m.,
ganz starkes foto, das du damals von cohen gemacht hast. wer ist der andere junge mann auf dem bett hinter ichm? jetzt schuldest du mir einen bericht über deine damalige begegnung.
gruss, asteris

Hi Asteris,
ich habe es Dir in groben Zügen doch damals in Hamburg erzählt ... aber okay... für den Fall das sich einige fragen: "Und was geschah dann?" Nur fahre ich am Wochenende nach Berlin. Vor nächster Woche wird es wohl nichts mit der Fortsetzung – in Häppchen. Grüß Dich, M.

m.,
ich habe noch immer nichts erfahren über einen zweiten jungen mann, der, lyrik lesend, im bett liegt, nichts über eine leichte verletzung leonards zwischen linkem nasenflügel und unterem augenlid, nichts über das eigentliche, das unaussprechbare und ausgesprochene, nichts über zu- und abneigung und auch nichts über dich und ihn ... warum kommunizieren wir, wenn du das nicht preisgibst? die "groben züge" interessieren doch keinen. wenn’s sein muss, verpack die wahrheit (oder das, was du augenscheinlich als wahrheit fürchtest) in eine traumerzählung. aber habe mut.
asteris

Hi Asteris,
Du kriegst die Fortsetzung – und vielleicht sogar eine erfundene, denn ich bin im Augenblick dabei, mich im Prosaschreiben zu üben.
Gruß, M.

hallo m.,
was heisst „sogar eine erfundene“ – es ist doch eh alles erfunden, was wir hier schreiben, oder? stell dir vor, es wäre alles wahr. nicht auszudenken. und das ist noch das beste daran. denn schau dich doch um. was siehst du? lauter wahre geschichten, geschrieben von illusionisten, kaputten, huren, bayerischen landtagskandidaten, eitlen gecken und einfühlsamen abstraktionisten, apokalyptisierenden galoppreitern, großspurigen kleinverbrechern des geistes, verhinderten ejakulationisten, neidvollen kleinbürgern. alles individualisten, unterwegs in sachen sinnsuche, zusammengewürfelt und vermixt, in erwartung auf die erleuchtung, die segnung, die offenbarung. manchmal amüsant, meistens ermüdend.
etwas erfunden-wahres über deine beziehung mit leonard cohen wäre doch wenigstens etwas substantielles aus der abteilung klatsch und tratsch. und ich kenne nichts besseres.
asteris

hi m.,
michael kamen ist plötzlich und unerwartet gestorben. er war ein großartiger musiker. lass uns einen scotch auf ihn trinken … unser projekt ist jedenfalls auch begraben – und damit die vielleicht einzige chance, leonard cohen persönlich kennenzulernen …
sei gegrüßt, asteris

© Asteris Kutulas & Madonna, 2003