Arthur Schopenhauer bittet Thomas Mann zum Tee ...


In seiner Rede „Die Kunst des Romans“ (1939) verweist Thomas Mann auf die ästhetische Erkenntnisart, die ihm die Schopenhauersche Philosophie für die eigene künstlerische Aneignung der Welt bietet. Nicht nur, dass Mann „Die Welt als Wille und Vorstellung“ als „Künstlerphilosophie par excellence“ empfunden hat, angenommen hat er sie vor allem als Möglichkeit der persönlichen Wahrheitsschöpfung. Die erkenntnistheoretische Methode der Schopenhauerschen Ästhetik gewinnt vor allem deshalb Manns großes Interesse, weil sie seiner Meinung nach die Totalität der bürgerlichen Wirklichkeit auch unter den Bedingungen der „prosaischen Zustände“, der vereinzelten Einzelnen und der verlorenen Illusionen widerspiegelt. Das, um zum einen die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit der Welt geistig zu überwinden und zum anderen, um die „Sachlichkeit“ und die „Objektivität“ als Weltanschauung im Bewusstsein zu verankern.

Die ästhetische Erkenntnisart und die künstlerische Aneignung der Wirklichkeit treffen sich in den weltanschaulich-theoretischen Prämissen des bürgerlichen Schriftstellers Anfang des 20. Jahrhunderts: In dem Interesse Manns für eine autonome Entwicklung der Kunst in der Sphäre des Geistes, der „primären Wirklichkeit“, sowie für eine „sachliche“ Weltsicht des bürgerlichen Künstlers, der keine Ideale mehr hat. Die Verabsolutierung der Kunst bei Schopenhauer als prädestiniert für die Erkenntnis des „Wesentlichen“, der „Idee“ führt zu einem „klassenlosen“, „überideologischen“ Standpunkt: „Denn in dem Augenblicke (des künstlerischen Aktes – d. Verf.), wo wir vom Wollen losgerissen uns dem reinen willenlosen Erkennen hingegeben haben, sind wir gleichsam in eine andere Welt getreten, wo alles, was unsern Willen bewegt und dadurch uns so heftig erschüttert, nicht mehr ist. Jenes Freiwerden der Erkenntnis hebt uns aus dem allen ebensosehr und ganz heraus wie der Schlaf und der Traum: Glück und Unglück sind verschwunden; ... wir sind nur noch da als das e i n e Weltauge ..., wodurch aller Unterschied der Individualität so gänzlich verschwindet, daß es alsdann einerlei ist, ob das schauende Auge einem mächtigen König oder einem gepeinigten Bettler angehört“ (A.Schopenhauer). Somit entfällt die noch bei Schiller, Hölderlin und Hegel problematische Idealisierung der Wirklichkeit und übrig bleibt ein schonungsloser Realismus innerhalb der bürgerlichen Weltanschauung mit ausgeprägtem Traditions- und Sendungsbewusstsein. Das ist auch der Punkt, an dem die Philosophie zum Vehikel wird und einer bedrohten, aber existierenden Innerlichkeit als Selbstschutz dient. Dieser Standpunkt kennzeichnet den Weg von den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) zum „Dr. Faustus“ (1947), dem letzten Roman Thomas Manns: „’Verfall’ das kann Verfeinerung, Vertiefung, Veredlung bedeuten; es braucht nichts mit Tod und Ende zu tun zu haben, sondern kann Steigerung, Erhöhung, Vervollkommnung des Lebens sein“ (T.Mann).

Diese in ihrer Konsequenz historische Sicht ermöglicht es Mann – die Ahistorizität der Schopenhauerschen Philosophie überwindend –, die geschichtliche Entwicklung der Kunstgattungen zu analysieren und dazustellen. Im direkten Gegensatz zur „Theorie des Romans“ vertritt er die Auffassung, dass der Roman nicht, wie von Lukács verlangt, abzulösen sei, sondern im Gegenteil, Lew Tolstoi sei „einer der Fälle, die uns in Versuchung bringen, das von der Schulästhetik behauptete Verhältnis von Roman und Epos umzukehren und den Roman nicht als eine Verfallsform des Epos aufzufassen, sondern in dem Epos eine primitive Vorform des Romans zu sehen“. Der Realist Thomas Mann muss die „Bürgerlichkeit des Romans überhaupt“, seinen „eingeborenen Demokratismus“ als Attribut einer Kunstform, die den „Inhalt“ der bürgerlichen Wirklichkeit vertilgt und so zum „Gefäß der modernen Seele“ wird, vor jeder Denunziation schützen. Mann behauptet den Standpunkt des bürgerlichen Humanismus, indem er in die geistige Wirklichkeit exiliert. Diese Flucht in das „Ewig-Homerische der Vergangenheitsschöpfung“, in das „Unverlierbar-Menschliche“ eröffnet ihm den Blick auch in die Zukunft, für die er den „pessimistischen Humanismus“ Schopenhauers beansprucht, der – so Mann – „sehr Zukünftiges im Bereich der Gesinnung darstellt“.

© Asteris Kutulas, Leipzig 1984


19.5.81, Leipzig
Lese Biografie Schopenhauers von Dr. O. F. Damm (Reclam jun. Leipzig, 1912)
„Sehen und Erfahren ist so nützlich als Lesen und Lernen ...“ (177) interessante Begegnungen Schopenhauers:
- Zacharias Werner / Jugend - Auseinandersetzung mit Goethe bezüglich der Farbenlehre - Hegel / Uni Berlin - Begegnungen auch mit Brockhaus, Ludwig Tieck, Chamisso, Alexander von Humboldt, Elisabeth Ney - Berührung mit Richard Wagner - seine Mutter: Johanna Schopenhauer (Autorin, Salon...) - seine Lieblingslektüre: „Wilhelm Meister“ von Goethe, „Don Quichote“ von Cervantes, „Die Verlobte“ von Manzoni, „Tristram Skandy“ von Lawrence Stern, alles mögliche von Swift, Fielding, Rousseau („Emile“), Voltaire, Victor Hugo, Dumas, Sue - beeinflußt ihn stark: Kant, Buddha und Platon

Schopenhauers Einteilung d. Menschen:
- 5/6 von Natur aus Pech gehabt - 1/6 vorzügliche Menschen (die im Alter zu Misanthropen werden) „Ehe ist Krieg und Mangel“ – fast alle echten Philosophen seien ledig geblieben. (103) „Schon in früher Jugend habe ich an mir bemerkt, daß, während ich alle Anderen nach äußeren Gütern streben sah, ich mich nicht darauf zu richten hätte, weil ich einen Schatz in mir trug, der unendlich mehr Werth hatte als alle äußeren Güter, und daß es nur darauf ankäme, diesen Schatz zu heben, wozu geistige Ausbildung und volle Muße, mithin Unabhängigkeit die ersten Bedingungen wären ... meine Sorgfalt auf die Erhaltung meiner selbst und meiner Freiheit zu richten, nicht auf irgendein äußeres Gut.“ (201) Diese Aussage könnte ungefähr so von mir stammen... - zu Schopenhauer in den letzten Tagen gelesen: Theodor Schwarz „Sein, Mensch und Gesellschaft“ mit zwei Arbeiten über Schopenhauer und Nietzsche, Frankfurt/M. 1973, sowie Walter Wolf, Kritik der Vernunft, Weimar 1947 - Schopenhauers Werke literarisch verwertet durch Wilhelm Raabe in „Abu Telfan“, „Die Leute aus dem Walde“, „Schnüdder....“ und besonders „Stopfkucken“, „Ein Frühling“; Schopenhauer als handelnde Person in „Eulenpfingsten“. - beschäftige mich auch mit Marx’ „Zur Judenfrage“; in Verbindung mit „Die entfremdete Arbeit“ (Ökonomisch-philosophische Manuskripte) komme ich langsam dem Phänomen der Entfremdung bei - und noch was viel Wesentlicheres – im Passus über Menschenrechte wird der Egoismus in denselben gezeigt! / hier ist es zu fassen, das Problem des Nicht-freien-Reiseverkehrs der Bürger der DDR, zum Reisen ist „Freiheit“ notwendig und wo nimmt man die her?! - Schopenhauer hörte während des Studiums Vorlesungen bei Fichte & Schleiermacher, kam in Weimar in Berührung mit Wieland - wichtig für das Erfassen seiner Philosophie: 1. Band „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Anhang: „Kriterien der Kantischen Philosophie“) sowie 2. Band „Parerga u. Paralipomena“(siehe auch Kapitel „Über das Sehen u. die Farben“) / „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom unzureichenden Grunde“
A.K.