Mykene, im Bürgerkrieg

Auf dem Burgberg wenige Touristen. In der Ferne das Meer bis zum Horizont. Vor uns die argivische Ebene. Über der einsamen Akropolis der Atriden erhebt sich, ewiger Zeuge des zerbröckelnden Gesteins, der Berg des Propheten Ilias. Christlicher Schatten auf heidnischer Kultur. Und zwei graue Esel am Fuße der mykenischen Burg. Terrassenförmig angelegte Felder. Rotes Ackerland auf den abfallenden Hängen ringsum.

Verdorrte Natur. Gegend für Schwarzweißfilm. Ins Negativ sich ätzende Ausdünstungen der entkräfteten Erde. Und ich laufe durch die mykenischen Wehranlagen, auf Wegen, von Gottesfingern in die Erde gekrallt. Spuren von Todeskrämpfen. Über mir der zugedeckte Himmel von Berlin. Auch hier dachte man an ein tausendjähriges Reich, erinnerte ich mich. Kaum Zufall, dass Hans mir zuraunt: Hier, in Mykene, muss ich ständig an Himmler denken. Seltsam, nicht? In Delfi war es anders, man spürte mehr Harmonie. Hier aber ... - Das macht die Landschaft, antworte ich, und diese Riesenquader, aus denen das Schloss gebaut wurde, dieses Tor mit den Löwen, insgesamt sechs Meter hoch, und natürlich der vor unserem inneren Auge ablaufende Film. Ich ging zu den Gräbern. Hier lagen sie bestattet in 16 Fuß Tiefe, bis Schliemann sie fand, die mykenischen Könige und Königinnen. Eine mächtige Dynastie, uns erhalten im Grenzgebiet zwischen zerstörter Wirklichkeit und Dichtung ... und Traum, hättest du gesagt...

Hier wird sie offenbar die verdrängte Geschichte des modernen Griechentums und die alte Tradition des Verdrängens, angefangen bei Homer. Ideologische Waschungen. Zu nah, wahrscheinlich, fünf Jahrhunderte nur, war Homer dem Geschehen in Argolis, da ausgeplündert wurde die üppige Kultur des minoischen Matriarchats durch die neuen Kalkulierer, die mykenischen Könige. (Fünf Jahrhunderte nur. Da sollten wir froh sein, wandest du ein, betontest das wir.) Die Macht ging von Kreta auf Mykene über, und goldne Masken bedeckten von da an die Gesichter der toten mykenischen Könige. Goldne Totenmasken. Bei Homer also nichts darüber: Artemis, die große weibliche Naturgottheit, Iphigenie, die Geburts- und Fruchtbarkeitsgöttin, Helena, die verderbenbringende Todesgöttin. Alles in Vergessenheit geraten, wie der Mantel im bekannten Gedicht von Ritsos? Im Bewußtsein der Alten im klassischen Griechenland hatte die unbewußte Umwertung stattgefunden. (Ich höre dich schon lachen, alles Asche aus deinem Gehirn, hältst du mir vor.) Nur die Widersprüche ungetilgt. Das mütterliche, frauliche Element, beispielsweise der Artemis, wich zurück unter dem Einfluß der Apolloreligion. Verschwand fast völlig mit den Jahrhunderten. Neben den jugendlichen Apollo trat die jungfräuliche Artemis, die die Ehe haßt (ja,ja, der Zynismus der Ideologie, fuhrst du mir zwischen die Gedanken, das Gegenteil von dem behaupten, was einem nicht nützt, bis es verwandelt ist und in den eignen Kram paßt), "Opferschlächterin" heißt Artemis bei Homer, doch der Ursprung dieser Deutung ist unbekannt, denn Artemis wurde als Beschützerin der Jugend und der Frauen, ja, als Entbindungsgöttin verehrt. Bezeichnend auch, daß Artemis bei Homer als Schwester des Apollo erscheint und daß doch die Seite ihres Wesens, welche im Epos am deutlichsten hervortritt, die der Todesgöttin der alten Naturreligion ist.

Hotel „Grand Bretagne“

Unweit der mykenischen Burg. Ordinäres Schlachthaus. Wie müd ich bin. Gefangen in Luft. Im ältesten, schäbigsten Hotel von Nauplia. Zieh dich aus, bevor die Zeit zerrinnt. Hier übernachtet, geträumt, gestorben, sehend Agamemnons letzten Schritt zum Tod. Mich vor dem Sonnenaufgang, weil nie der neue Tag beginnt.
1 Vom Fenster die ausfahrenden Boote
2 mich interessieren Ruinen Wracks
3 nicht Gestorbene und Hellseher
Ohne Fluch und ohne Sinn. Im Radio Theresias Kassandra / und der Ministerpräsident Griechenlands.

Wir wohnen im Grande Bretagne, einem alten, schäbigen Hotel am Meer. Gegenüber der Kai. Es ist windig. Wir sind durch Argolis gefahren, karge Landschaft, nur vereinzelt Vegetation, Olivenbäume, Pinien, Sträucher. Schafherden, die hinter den zahlreichen Hügeln verschwinden. Wenig Wasser hier. Ich muss an die Filme von Cacojannis denken. Elektra zum Beispiel. Schwarzbetuchte Frauen auf staubigen Feldern, kaum vorstellbar, dass sie fruchtbar sind. Die Felder nicht und nicht die Frauen mit Gesichtern wie in Holz geschnitzt. Das Murmeln des Chores, apokryphe Formeln, die verlöschen, als murmelte die Erde selbst. „Viel Unheil hat für Griechenland und für dein Haus/ die Schwester deiner Mutter, Helena, gestiftet!“, und ein wenig später finde ich beim Durchblättern des Buchs, als wäre er nicht von dieser Welt, den Satz: “Im Hafen von Nauplia hörte ich einen, der von Troja gekommen.”

© Asteris Kutulas, 1984