Karyotakis, der Dichter, sein Ende und Mikis


Kostas Karyotakis (1896-1928) besuchte in Athen und in der kretischen Stadt Chania die Schule und studierte zwischen 1913 und 1917 Jura in Athen. Er veröffentlichte ab 1913 Gedichte in verschiedenen Zeitschriften. Sein soziales Engagement führte 1928 zu einer Zwangsversetzung in die Provinzstadt Preveza, was einer Verbannung gleichkam und ihn in den Selbstmord trieb. Seine drei Gedichtbände: „Der Schmerz des Menschen und der Dinge" (1919), „Trauerlos" (1921) und „Elegien und Satiren" (1927).

Aus seinem Abschiedsbrief vom 21.8.1928: „Es ist an der Zeit, dass ich meine Tragödie offenbare. Mein größter Fehler bestand in meiner zügellosen Neugier, in meiner ungesunden Phantasie und in meinem Versuch, alle Gefühle ergründen zu wollen, ohne die meisten selbst empfinden zu können ... Jede Wirklichkeit ist mir zuwider. Mich beherrschte der Taumel des Gefährlichen. Und die Gefahr, da sie mir nun gegenübersteht, nehme ich offenen Herzens an. Ich bezahle für all jene, die wie ich in ihrem Leben all ihre Ideale verloren, Opfer ihrer Selbstzweifel wurden und ihre Existenz nur noch als Spiel ohne Substanz empfanden. Ich sehe sie mit den Jahrhunderten immer mehr werden. An sie wende ich mich. Nachdem ich alle Freuden genossen habe, bin ich nun bereit für einen ehrlosen Tod. Ich bedaure meine unglücklichen Eltern, ich bedaure meine Brüder. Aber ich gehe erhobenen Hauptes [...] K. Karyotakis

P.S. Und, um den Ton zu wechseln: Allen, die schwimmen können, rate ich, sich nicht im Meer ertränken zu wollen. Letzte Nacht rang ich zehn Stunden mit den Wellen [...] Sollte es irgendwann Gelegenheit dazu geben, werde ich die Eindrücke eines Ertrinkenden aufschreiben."


KOSTAS KARYOTAKIS
oder
DIE METAMORPHOSEN DES DIONYSOS
Szenen-Beschreibung der Theodorakis-Oper

Grundsätzliches zu den Figuren
Der „Dichter“, wie alle anderen Personen der Oper, werden vom Autor als Karikatur ihrer selbst behandelt. Mit Ironie, ja Sarkasmus überhäuft, eher Abziehbilder als realistische Figuren.

Zwei Figuren stammen aus der Antike:
- Dionysos verkörpert den Gott des Weines, aber auch des Revoluzzers. Er „führt“ quasi durch die Oper. Er ist ein romantisierender Widerständler. Symbolisiert – und das verbindet ihn mit dem Dichter – das anarchische Element, das nicht vernichtet werden kann (er ist ja ein unsterblicher Halbgott), obwohl dies alle „absolutistischen Regierungen“ versuchen. - Phädra liebt den Dichter. In der antiken Überlieferung bringt sie sich aus ungestillter Liebeslust selbst um. Sie ist also auch das antike Pendant zum Dichter. In der Oper symbolisiert sie auch in gewisser Weise – aber eher am Rande – das antike Griechenland.

Zwei Figuren stammen aus den 80er Jahren, aus der Zeit also, da die Oper entstand:
- Reporter ist der moderne sensationsgeile Reporter, wie wir ihn kennen und lieben, aber es unterläuft ihm ab und zu auch eine richtige Frage. - Punentes/Staatssekretär ist der moderne machthungrige Politiker, dem es nicht um sein Land, sondern allein um seine Gelüste geht.

Zwei/vier Figuren sind Gestalten aus der konkreten neueren griechischen Geschichte und symbolisieren die permanente Fremdherrschaft Griechenlands in den letzten beiden Jahrhunderten:
- König Otto/Königin Amalia (bayrische Habsburg-Dynastie 1850) - König Paul/Königin Friederike (dänische Glücksburg-Dynastie 1948) Uninteressiert am Volk, uninteressiert an Griechenland, machtversessen, oligarchisch. Gründen ihre Macht auf der Dummheit der Massen, die sich bereitwillig von solch arroganten Machthabern regieren lassen.

Erster Akt
Die persönliche Ebene der Desillusionierung. Der private Grund des Selbstmords. Die Lebensunfähigkeit/ das Scheitern des Intellektuellen.

Zweiter Akt
Die gesellschaftlich-geschichtliche Ebene der Desillusionierung. Der soziale Grund des Selbstmords. Die Lebensunfähigkeit/ das Scheitern des gesellschaftlichen Ganzen.

ERSTER AKT

  1. Szene
    Der düstere Seelenzustand des Dichters kurz vor dem Selbstmord & der düstere Seelenzustand der Romiosini (Griechenlands). Die Arien der beiden sind zwei dunkle Gedichte von Karyotakis aus dem Jahre 1922. Die Schwermut des Dichters verbindet sich mit dem katastrophalen Zustand Griechenlands.

  2. Szene
    Der Reporter berichtet, dass sich der Dichter, schwafelnd und völlig der Realität enthoben, umbringen will. Der weinerliche selbstmitleidige Intellektuelle einerseits und die exhibitionistische Gesellschaft in Gestalt der Presse andererseits, der es gleichgültig ist, ob die „intellektuelle Welt“ umkommt.

  3. Szene
    Der Dichter erklärt, warum er in den Tod gehen will, der Reporter singt einen sarkastischen Text über die „Staatsbeamten“ (Karyotakis-Text aus dem Jahr 1925). Die Beschränktheit der „gewöhnlichen“ Menschen macht aus der Gesellschaft eine Landschaft von „Huren und Alpträumen“, in der kein Platz ist für Idealisten. Dionysos kommt und fordert den Dichter auf, aus seinem Schmerz Gedichte zu machen.

  4. Szene
    Auftritt Phädra, die hofft, dass ihre Liebe zum Dichter stärker sei als dessen Pessimismus. „Liebe“ kommt ins Spiel – als Prinzip Hoffnung, das in der nächsten Szene zerschlagen wird.

  5. Szene
    Phädra, Dichter, Reporter, Romiosini und zum ersten Mal Punentes, der Staatssekretär. Der Dichter liebt nicht die Frau aus Fleisch und Knochen (Phädra), sondern die für ihn unerreichbare Romiosini (Griechenland), die aber „luftgeschwängert“ wird vom Staatssekretär Punentes. Der Dichter will sich nicht umbringen aus einer persönlichen Not heraus, sondern weil sich seine „geliebte Heimat“ Romiosini in einem schrecklichen Zustand befindet. Er ist lebensunfähig, dem realen Leben nicht gewachsen.

  6. Szene
    Höhenflug des Dichters; er behauptet, seine Visionen würden die Menschheit leiten und dass er der produktive Keil der Geschichte wäre. Die Gegenthese des Staatssekretärs: Alles Unsinn, der Intellektuelle solle sich der Realität stellen, die das Gegenteil beweise. Der Dichter nimmt die Herausforderung an (und geht damit in den nächsten zwei Szenen baden).

  7. Szene
    Die Probe aufs Exempel: der Holocaust (Judentransporte der SS) – Theodorakis wählt wohl das eindriglichste Scheitern der sog. „intellektuellen Zivilisation“, den schlagendsten Beweis ihres Scheiterns.

  8. Szene
    Völliges Versagen des Dichters gegenüber der Realität der Juden-Deportation zuerst durch die Lüge und dann durch die Wahrheit, die ihrer Wahrhaftigkeit beraubt ist.

Der Dichter muss sein Scheitern in der realen Welt erkennen, seine Unfähigkeit, auch nur das Geringste verändern zu können. Eine Anklage gegen die Elfenbeinturmmentalität der sogenannten intellektuelen Elite.

  1. Szene
    Der erste Akt endet mit einem Duett Romiosini und Dichter, das aus zwei Karyotakis-Gedichten von 1920 besteht, Trauer und Einsamkeit ausdrückend. Theodorakis schließt den Kreis zum Anfang der Oper mit einer ähnlichen düsteren Stimmung der beiden Protagonisten. Das Schicksal Griechenlands ist das Schicksal des Dichters geworden und umgekehrt.

ZWEITER AKT

  1. Szene (1850)
    Dionysos tritt auf, gekleidet wie im mythischen Märchen, und spricht – sich seiner Ahnen und Familie zu erinnern – zum nicht anwesenden Dichter. Er wundert sich über die Verkommenheit Griechenlands, als sei dessen Situation noch nie zuvor in der Geschichte so bedrückend und aussichtslos gewesen. Er ist im Jahr 1850 angekommen. Ein Bayernkönig regiert in Athen.
    Soldaten, bunt gekleidet – als dienten sie Misch-Regierungen – kommen auf die Bühne. Der Bayernkönig und seine Gemahlin werden auf Thronsesseln herein getragen. Eine Ansammlung von griechischen LandarbeiterInnen, europäisch gekleideten Höflingen und Hofdamen. Ein Offizier in Fustanella.

  2. Szene
    Die Soldaten singen ein tragikkomisches Lied über Kameraden Michalis, der immer nach Hause gewollt hatte, schließlich in der Schlacht tödlich getroffen wurde und für den sich nicht einmal ein passender Sarg gefunden hatte.

  3. Szene
    Es folgen Ausrufe: Kommunisten, ab nach Sibirien; jetzt herrscht hier Bayern! Ein Offizier beginnt eine Unterhaltung mit dem Königspaar über die Widerständler. Die Meinungen reichen von: umbringen bis: kompromittieren.
    Die Bauern singen und tanzen wie blöde, umringen den König speichelleckerisch. Der König „liebt“ die niederen Chargen, sie sind ihm der Mist, der seinen Thron erblühen lässt. Die Bauern in naiver Ergebenheit; Treueschwüre durchsetzt mit fröhlichem Gesang und Tänzelei. Hochrufe auf den König!
    Offizier und König beraten, was mit Dionysos geschehen soll. Der König will Dionysos’ Kopf. Dionysos wird schließlich von den Soldaten festgenommen und zum König gebracht. Er ist stolz und aufmüpfig. Man will ihn „kaufen“, ihm wird ein Ministerposten angeboten.
    Zeitsprung: Soldaten der linken Befreiungsarmee aus dem 2.Weltkrieg stürmen herein, reden den Dionysos mit Genosse an, der der Schlacht vom Dezember 1944 zwischen Griechen und Briten beiwohnen soll.

  4. Szene
    Dionysos, allein geblieben, sinniert darüber, dass alles immer wieder von vorn beginnt und Griechenland immer von fremden Mächten beherrscht sein wird – wenn er, als Gott, nicht eingreift. Er will als Partisan in die Schlacht ziehen, da er als Gott ja nicht tödlich verwundbar ist. Nur die „Macht-Pyramide“ könne ihn einzementieren.
    Halbdunkel. Romiosini, jugendlich, tritt auf. Sie richtet tragisch-lyrische Worte an Dionysos, die wie eine Todesahnung klingen, im Wechselgesang im Dionysos, der voraussieht, dass er in der Schlacht fallen wird, aber auch dazu auffordert, die Bayern zu verjagen. Romiosini und Dionysos verlassen die Bühne.

  5. Szene
    Phädra tritt auf. Sie singt von ihrer verlorenen Jugend und berichtet dann von Dionysos, der zu einem Treffen mit dem Dichter ans Meer, zur Amvrakikosbucht geht. Sie verliert einige Worte über Griechenlands verfahrene Situation: „Die Farce wird zur Tragödie. Und die Tragödie zur Farce ...“

  6. Szene (Zwischenwelt)
    Dionysos, wieder nachdenklich, besinnt sich auf den Mythos, auf seine Vorfahren, spricht den Dichter an. Zwischen den beiden entspinnt sich ein Dialog, wobei der Dichter Fragen stellt und Dionysos antwortet. Sie sprechen in Bildern (fast wie in Rätseln). Dionysos spricht von Griechenland wie von einer Wüste und gebraucht die Metapher der „Macht-Pyramide“. Der Dichter einerseits noch ungläubig, als wolle er fragen: Ist es wirklich so schlimm?, verkündet aber gleich darauf, dass es in diesem Griechenland keinen Dichter mehr gäbe.
    Alle umringen den Dichter: Romiosini, der Reporter, Dionysos, Staatssekretär Punentes springt wenig später hinzu. Der Dichter verabschiedet sich in den Tod. Die anderen sprechen Geleitworte, je nachdem, wessen Geistes Kind sie sind. Der Staatssekretär voller Hohn.

  7. Szene
    Dionysos gebietet Schweigen. Auf Romiosini soll gehört werden. Ein zutiefst lyrischer Wechselgesang zwischen ihr und demVolk: über den Sonnenuntergang am Abend, der das Lebensende des Dichters andeutet, über die Schönheit jenes Abends, über die Dichter, die zu Sternen werden und damit Leit-Figuren, über das Verblühen der Natur. Romiosini und Volk ziehen ab.

  8. Szene (1948)
    Wieder Soldaten, diesmal in der Kleidung aus der Zeit des Bürgerkriegs 1948, wieder der Offizier und wieder ein Königspaar – diesmal Paul und Friederike – auf seinen Thronsänften. Die Situation von früher wiederholt sich, nur mit anderen Gesichtern in den Königsgewändern. Ähnliche Worte wie damals fallen: Ab nach Sibierien! Es herrscht die Glücksburg-Demokratie! usw.
    Wieder wird Dionysos herbeigeschafft, wieder ist er aufmüpfig und etwas satanisch. Seine Hinrichtung wird verlangt. Ein Disput entspinnt sich: soll er nun hingerichtet werden oder ins Gefängnis ...
    Dichter ruft plötzlich: Das Volk soll entscheiden! Die Königin ist perplex. Der König, selbstsicher, befürwortet den Vorschlag des Dichters. Das Volk hält Einzug und bejubelt abermals den König, singt ein Lied, voll von Andeutungen.
    Dichter geht auf das Volk zu und versucht, es auf andere Gedanken zu bringen, indem er ihm von einer Vision spricht.
    Offizier braust auf, bezeichnet den Dichter als Aufrührer. Wieder entspinnt sich ein Disput, diesmal darüber, wie mit dem Dichter zu verfahren sei. Der König, wieder selbstsicher genug, meint, das Volk solle entscheiden. Das Volk ergeht sich in dümmlichen Phrasen.
    Offizier sieht plötzlich Romiosini nahen. Die Königin wundert sich, dass diese noch immer lebt. Der König will sich aus dem Staube machen, die Königin schließt sich an und meint, die Geschichte wird schon eine gute Lösung bringen. Dem Dichter wird prophezeit, dass das Volk ihn verhöhnen werde. Der Offizier stachtelt das Volk auf. Es graut ihm vor Romiosini. Alle ziehen ab.

  9. Szene (1980)
    Phädra und Dionysos sind schon auf der Bühne. Romiosini tritt auf und spricht von der Vergangenheit, von den Menschen, die früher sangen und tanzten.
    Dionysos, träumerisch, teilt ihre Erinnerungen, ebenso Phädra. Das Gespräch dreht sich bald schon um die Dezemberschlacht 1944 zwischen Engländer und griechische Partisanen, um die getöteten jungen Leute. Romiosini spricht wieder davon, dass alles sich immerfort wiederholte bis ... Es wird gerätselt, bis wann ...
    Reporter: ... bis zur „Wende“ (von 1981, der sozialdemokratischen Machtergreifung durch Andreas Papandreou). Romiosini verdutzt. Alle reden durcheinander, auch Punentes ist wieder da und spricht über sich selbst, über seine Aufgabe, die Meinungen je nach Situation zu manipulieren.
    Romiosini berichtet über Punentes, der sie als Wind (Schirocco) umgarnte und sich in sie einschlich, sie mit falschen Visionen erfüllte – genauso wie auch das dumme Volk. Wortspiele folgen, die sich um den Akt der Luftschwängerung drehen. Man stellt fest, dass sich Griechenland in eine Wüste verwandelt hat.

  10. Szene
    Der Dichter stimmt einen pessimistischen Gesang an, sich abwechselnd mit Romiosini und Dionysos, als nähmen sie Abschied von der Welt. Obgleich der Dichter doch wieder an die Kraft des Liedes, der Dichtung glaubt. In den Schluss-Satz stimmt sogar Punentes mit ein: „Traum vom Traum? Sehnsüchte des Windes“.

  11. Szene (1928/1980)
    Am Meer. Wieder die Amvrakakikosbucht wie am Anfang. Wieder das Jahr 1928 am Tag des Selbstmordes.
    Reporter sieht ein Boot kommen. Dichter, Phädra, Romiosini und Reporter mutmaßen über das Boot. Im Boot eine schwarze Gestalt, ein Engel.
    Volk, nach der heutigen Mode gekleidet, eilt heran. Alles gerät in Aufruhr. Es wird darüber gerätselt, ob der Engel ein Götterbote sei. Das Volk schaut den Engel entgeistert an. Es muss ihm erstmal gesagt werden, dass das einer ist, der die Zukunft sehen kann. Dionysos fordert den Engel auf, zu sprechen.
    Engel grüßt den Gott und sagt, er wolle versuchen, den Tod des Dichters zu verhindern. Die Umstehenden sind beeindruckt. Der Engel spricht in Metaphern über die Zukunft. Irritation ringsum.
    Dichter beginnt wieder seinen resignativen Gesang, Romiosini stimmt kurz ein. Das Volk stimmt ein.
    Engel prophezeit den Untergang. Der Dichter fragt interessiert, was denn aus den Menschen werde. Der Engel prophezeit, dass das Volk sich erheben werde. Das Volk beginnt zu jubeln. Dionysos pessimistisch. Das Volk reagiert befremdet. Es verlangt eine Erklärung. Der Engel weigert sich, weiter die Zukunft voraus zu sagen. Er will den Dichter retten.
    Dichter will sein Leben für die Wahrheit geben. Er spricht abermals davon, dass die Lieder neu aufblühen werden. Verwirrung herrscht ringsum. Der Engel verkündet das Ende allen Lebens und weist Dionysos an, die Erde zu verlassen, sogar der Tod der Götter wird prophezeit. Untergangsstimmung.
    Dichter greift nach einer Pistole und setzt sie sich auf die Brust. Das Volk will ihn vom Selbstmord abhalten. Alle meinen: Mit dir tötest du das Leben! Daraufhin zielt der Dichter ins Publikum und sagt: Halt! Ich erschieße die Zukunft ...

ENDE

© Asteris Kutulas, 2001


Mit Karyotakis beschäftigte ich mich aus Anlaß der Karyotakis-Oper von Mikis Theodorakis:
Mikis Theodorakis, Die Metamorphosen des Dionysos. Libretto & andere Texte, Mit neun Collagen und einem Text von Ina Kutulas, Herausgegeben, übersetzt und mit einem Essay von Asteris Kutulas; Romiosini Verlag, Köln 1995

Im Libretto der Oper las ich das Karyotakis-Gedicht "Bäume" von Karyotakis:

Bäume

Meine Bäume, Bäume, blattlos in der Dezembernacht,
rechts und links der dunklen, tiefen Allee,
einer neben dem andern gehn wir,
einen neben dem andern - so wird der Tag uns finden.
O einsame, traurige Elemente.

Morgen und übermorgen noch bin ich euer Begleiter und Freund,
euer Geheimnis will ich erfahren,
und wenn das frische Laub hervorbricht,
halt ich mich abseits, daß ihr euch des Lichts erfreu’n könnt.

Und da es die Natur so will, o Bäume, daß ich hinter allem zurück bleib,
hinter dem Traurigen, Fröhlichen
- ich werd euch deswegen nicht weniger lieben, auch nicht, wenn ihr mir längst weit voraus seid.

© Übertragen von Asteris & Ina Kutulas


„Die Metamorphosen des Dionysos“, die erste Oper von Mikis Theodorakis aus dem Jahr 1985 – es folgten 1990 „Medea“, 1993 „Elektra“, 1996 „Antigone“ und 2001 „Lysistrate“ –, ist inhaltlich eine freie Variation und eine eigenwillige Lesart griechischer Geschichte. Sie ist zugleich eine Parabel auf die Auswüchse und die Suggestion der Macht, aber auch auf das Verhältnis zwischen Kunst und Politik.

Im Mittelpunkt steht der Selbstmord des Beamten und Dichters Kostas Karyotakis, dessen Gedichte Theodorakis für die Oper vertont hat. In das Libretto, das der Komponist selbst schrieb, sind verschiedene Karyotakis-Texte sowie zwei Fragmente aus dem Gedicht „Das gute Volk“ von Kostas Varnalis (1884-1974) eingeflossen.

Ausgangs- und Endpunkt der Oper ist der Selbstmord des Dichters Kostas Karyotakis, dessen Gedichte in der Oper als Arien präsentiert werden und sich durch das ganze Werk ziehen. Umrahmt werden sie von Theodorakis-Texten, so dass eine Collage aus Dichterversen und eigenen Texten entsteht – aus melodischen und grotesken Passagen, die zugleich das wesentliche Strukturmerkmal der Oper darstellt – den Gegensatz zwischen den Arien, den vertonten „tragischen“ Karyotakis-Gedichten, und den musikalischen Farcen, der Musik zu den „sarkastischen“ Theodorakis-Texten.

© Asteris Kutulas

Aus den drei Gedichtbänden von Karyotakis – „Der Schmerz des Menschen und der Dinge“ (1919), „Trauerlos“ (1921) und „Elegien und Satiren“ (1927) – vertonte Theodorakis 1983 eine Reihe von Texten, die zu einem Liederzyklus wurden. 1985 komponierte er eine in jener Fassung verworfene opera buffa „Karyotakis“, die wenig später in die zweiaktige Oper „Die Metamorphosen des Dionysos (Kostas Karyotakis)“ einging. Die Oper hatte 1986 Premiere im Opernhaus von Bilbao. Die von mir produzierte Aufnahme dokumentiert die kammermusikalische Fassung der Oper, die von Henning Schmiedt angefertigt wurde. Hier einige Gedichte von Kostas Karyotakis:

Staatsbeamte

Alle Beamten brauchen sich auf und sind Schnee von gestern
gleich den Zeitungsspalten, immer zwo, immer zwo im Büro.
(Werden wohl Elektrische sein - der Staat und der Tod - und nach Verschleiß jedesmal generalüberholt.)

Sie sitzen auf Stühlen, bekritzeln
unschuldig weißes Papier, ohne Anlaß.
"Mit diesem Schreiben geben wir uns die Ehre“, versichern sie.

Und ihnen bleibt allein die Ehre,
steigen sie abends um acht
wie mechanisch die Straßen rauf.

Holen sich Eßkastanien, denken an die Gesetze,
denken an die Devisen, heben die Schultern ergeben,
die Beamten, die armen.

© Übertragen von Asteris & Ina Kutulas

Dein Leben ...

Dein Leben erzähltest du mir,
von der verlorenen Jugend,
von unsrer Liebe, die ihr Ende
beweint.
Als aber Wut aufblitzte
in deinen Augen,
schien eine fröhliche Sonne zum
offenen Fenster herein.

Straße

Paläste und Türme
weiten sich jetzt.
Es weinen
meine Erinnerungen,
und meine Augen weinen.

Tödliche Nacht
schnürt mich ein.
In mir nehmen zu
unsägliche Schmerzen.

Mich sahen, an mir zogen vorbei
alle, die ich liebe.
Allein blieb ich,
und einsam geh ich.

Wie steil der Anstieg
des öden Weges!
Ich dreh mich um,
schau nach meinem Traum:

Geradeso sichtbar
die weißen Bilder.
Die Blüten, Lächeln
in den Wintern.

Vom Wind bewegt wurden
Lilien und Hände.
Sonnen die Gesichter,
Sterne die Augen.

Zwischen allem
auch die Liebe:
Ein Mädchen, es schämt sich
beim ersten Kuß.

Und immer mehr weiten sich
Türme, Paläste.
Es weinen meine Erinnerungen,
und meine Augen weinen...

Michalis

Sie holten Michalis zur Armee.
Stolz ging er los und schön,
mit Maris auch und Panajotis.
Er konnte nicht mal lernen das „Schultert-das-Gewehr“.
Immer murmelte er: "Herr Offizier,
laßt mich nach Hause gehn“.

Im nächsten Jahr, im Krankenhaus,
schaute er stumm zum Himmel.
Er heftete auf einen Punkt, in der Ferne,
den verklärten und sanften Blick,
als wollte er sagen und bitten:
„Laßt mich nach Hause gehn“.

Und Michalis starb als Soldat.
Ein paar Kameraden begleiteten ihn,
auch Maris und Panajotis.
Über ihm schloß sich das Grab, und doch, ein Bein blieb draußen:
Er war ein bißchen zu lang, der arme.

© Übertragen von Asteris & Ina Kutulas