Familie Kavafis

I
1872, zwei Jahre nach dem Tod des Vaters von Konstantin Kavafis, zogen die Mutter, die aus einer reichen konstantinopolitischen Familie stammte, und ihre Kinder nach England, wo sie bis zu ihrer Rückkehr 1878 von der Rendite der zugrunde gegangenen Familienfirma lebten. 1882 mußten sie Ägypten erneut verlassen und kamen in Istanbul beim Großvater unter. Nach seiner Rückkehr im Oktober 1885 verließ Kavafis Alexandria nur noch für kurze Reisen (1897 Paris und London, 1901 und 1903 Athen). Er studierte Geschichte und Literatur, mußte aber 1889, da die Familie inzwischen verarmt war, eine Arbeit als Schreiber im Amt für Wasserwirtschaft in der englischen Kolonialverwaltung annehmen. Die politischen Unruhen von 1882 hatten zur Besetzung Ägyptens durch England geführt, das der nicht-arabischen Bevölkerung, die sich aus Juden, Griechen, Italiener, Armenier und Franzosen zusammensetzte, die Posten in seinem Verwaltungsapparat übertrug. Neben diesem Beruf, den er bis 1922 ausführte, betätigte er sich zwischen 1894 und 1902 erfolgreich als Makler an der Baumwollbörse der berühmten Hafenstadt.
Alexandria wurde der Ort seiner poetischen Inspiration: "Ich habe mich an Alexandria gewöhnt", schreibt Kavafis 1907, "und vielleicht würde ich hier bleiben, auch wenn ich reich wäre. Trotzdem macht sie mich traurig. Wie schwer, welche Last ist mir diese kleine Stadt – welch Fehlen von Freiheit. Ich würde hier bleiben, weil sie für mich wie eine Heimat ist... Aber wie sehr bräuchte ein Mensch wie ich – ein so von anderen verschiedener - die große Stadt. London zum Beispiel." Sein Leben in Alexandria, der pulsierenden, von einer babylonischen Polyphonie geprägten, einer völlig verkommenen, Stadt, verlief ruhig, in bürgerlichen Verhältnissen – unterbrochen nur durch „poetische“ Skandale – mit dem einzigen Ziel, gültige und verdichtete Aussagen über die Welt zu machen, die seiner Meinung nach dem Verfall entgegenstrebte. Denn allerdings: Das griechische Alexandria gehörte der Vergangenheit an. Um ihn herum brodelte eine Masse aus sich proletarisierenden oder gerade proletarisierten arabischen Bauern, nomadisierenden Viehtreibern, zahllosen Kleinhändlern und Gewerbetreibenden, reichen Händlern und Spekulanten, englischen Offizieren der Besatzungsarmee, armen griechischen Intellektuellen, aristokratischen Familien, Matrosen aus aller Herren Länder, tausenden Prostituierten und gescheiterten Existenzen.
Er selbst lebte – im Halbdunkel seiner Wohnung auf der berühmten Rue Lepsius –, umgeben von den inzwischen vergilbten und zerschlissenen Überbleibsel seiner aristokratischen Kindheit. Der Lärm der Straße drang aber unüberhörbar zu ihm durch oder ergab sich ihm, dem Trubel der warmen ägyptischen Nächte. Sein poetisches Material dagegen – zumindest das der "historischen" Gedichte – reifte in den Bibliotheken. Die Bücher, vor allem die Geschichtsbücher, waren für ihn das elementarste Werkzeug, jedes Buch ein Schrank, in dessen Fächern man alles finden konnte, was man brauchte. Er "machte" seine Gedichte, feilte an ihnen herum, entfernte jeden Schmuck und Zierat; am meisten interessierte ihn das Funktionale. Die Genauigkeit des poetischen Ausdrucks. Auch das ein grundlegender Unterschied zur dichterischen Praxis in Griechenland.
Zu diesem Bild eines auf sich beschränkten und auf sich beschränkenden Dichters paßt ausgezeichnet, daß uns Kavafis, obwohl er ausdauernd und viel an seinen Gedichten arbeitete – oder gerade deshalb –, nur 154 autorisierte Gedichte hinterlassen hat. Seine ersten Texte schrieb er mit 23 Jahren. Er hat sie, wie so viele andere, verworfen. Das erste von ihm nicht verworfene Gedicht stammt aus dem Jahre 1896 und heißt „Mauern“. Darin reimt er "Schicksal" auf "Mauern" – was im Griechischen lautlich dasselbe ist –, wahrscheinlich um seine geistige Isolation innerhalb der kulturellen Szene Alexandrias kenntlich zu machen. Die allgemeine Anerkennung seiner dichterischen Leistung erfolgte erst nach seinem Tod:

Aber nie hörte ich einen Laut, nie die Maurer arbeiten.
Unmerklich hat man mich eingesperrt außerhalb der Welt.

Zwischen 1896 und 1933 veröffentlichte Kavafis im Durchschnitt etwa vier Gedichte pro Jahr, die er in einer Auflage von hundert oder zweihundert Stück lose drucken ließ und sie Freunden oder Bekannten, die seine Arbeit schätzten, schenkte.
Neben den "historischen" und "erotischen" Gedichten gibt es in Kavafis' Werk noch eine dritte Gruppe, die Tagebuchcharakter haben, Situationen aus dem Alltagsleben festhalten mit zum Teil "didaktischen Ton". Das Detail spielt aber in allen seinen Gedichten eine ausschlaggebende Rolle: flüchtige Blicke, geflüsterte Worte, Bilder von Gestorbenen, haftengebliebene Visionen, ein Stuhl am Eingang des Cafes, alte verstaubte Bücher, unwesentliche Erwähnungen, seidene Kleider, das Vierdrachmenstück von Orofernes. Und das Entscheidende: Kavafis tilgte mit den Jahren jede Spur von Lyrismus aus seinen Gedichten, was zu einer einfachen, transparenten Sprache führte, die die unpathetische Dichtung späterer Dichtergenerationen vorbereitete.
Für Ritsos etwa, der ihm 1963 seinen Gedichtband „12 Gedichte für Kavafis“ widmete, könnten die archetypische Behandlung von Zuständen und Personen und ihre Verknüpfung mit der Gegenwart, wichtige Anstösse für die eigene Poetik gewesen sein. Ritsos' Ästhetik des "geronnen Augenblicks" in den Gedichten der sechziger Jahre (z.B. „Zeugenaussagen“) verdanken viel dem gleichsam poetischen Festhalten einer dramatischen Szene in Kavafis' Dichtung.
Das griechische Publikum lernte Kavafis erst 1935 kennen, als zwei Jahre nach seinem Tod sein Erbe Alekos Sengopulos, die gesammelten 154 Gedichte erstmals in Buchform herausgab. Die Ausgabe wurde mit dem Geld aus der Hinterlassenschaft des Dichters bezahlt. Der tote Kavafis finanzierte also selbst sein erstes Buch in Griechenland, das aber zweifellos den Beginn einer immer größeren Anerkennung markierte und zudem einer eigenen Aussage, in der er von sich als von einer dritten Person spricht, prophetische Gabe verlieh:
"Ich teile nicht die Meinung derer, die behaupten, daß das Werk von Kavafis, dadurch, daß es seine Eigenart besitzt und keiner bekannten Schule angehört, für immer nur eine Sache für Spezialisten bleiben wird, die keine Nachahmer findet ... Kavafis ist meiner Meinung nach ein sehr moderner Dichter, ein Dichter der kommenden Generationen. Außer ihrem historischen, psychologischen und philosophischen Wert, sind es folgende Elemente seiner Dichtung, die erst durch die Generationen der Zukunft richtig anerkannt werden können: die Kargheit seines Stils, der zuweilen lakonisch wird, sein ausgewogener Enthusiasmus, der eine geistige Ergriffenheit offenbart, seine treffenden Bilder, die Ergebnis einer aristokratischen Natürlichkeit sind, seine leichte Ironie. Denn die zukünftigen Generationen werden durch den Fortschritt neuer Entdeckungen und die Feinheit ihres Denkens gekennzeichnet sein. Die seltenen Dichter wie Kavafis werden dann einen bedeutenden Platz in einer Welt einnehmen, die mehr denkt, als die heutige. Eingedenk dieser Überlegungen bin ich davon überzeugt, daß sein Werk nicht einfach in den Bibliotheken eingeschlossen bleiben wird, als ein historisches Überbleibsel der griechischen literarischen Tradition."

II
Kavafis setzte sich über einen sehr langen Zeitraum seines Lebens mit seiner Familiengeschichte auseinander und verwendete sehr viel Energie und Geduld auf die Studien bezüglich seiner Herkunft und seiner Vorfahren. Er beschäftigte sich mit dieser Thematik mindestens von 1882 bis 1911, ließ dann aber das zusammengetragene Material als unfertiges Dokument liegen, möglicherweise, weil er es zu einem späteren Zeitpunkt vervollständigen und vielleicht veröffentlichen wollte. Gegen letztere Hypothese spricht allerdings, dass Kavafis Informationen über sein Privatleben grundsätzlich nicht einmal an Bekannte und Freunde, geschweige denn an Dritte weitergegeben hätte. Insofern gleichen die gesammelten Notizen über seine Familiengeschichte eher einem Zettelkasten, den er womöglich später, nach 1911, wenn alle gewünschten Informationen beisammen gewesen wären, aus einem inneren Bedürfnis heraus, vervollständigt und geordnet hätte. Dazu kam es nicht. Das unfertige Manuskript der „Genealogie“ erschien 1948 in der Zeitschrift „Nea Hestia“ und 1983, zusammen mit allen anderen Angaben, in dem Buch von Karajannis, das mir als Arbeitsgrundlage diente.

Kavafis’ Notate offenbaren viel von der psychischen Verfassung des Menschen Kavafis. Bezeichnend sind die innige Beziehung zu seiner Mutter, die distanzierte Sicht auf den Vater und die fast beschwörerische und charakteristische Feststellung: „Aber meine Familie stammt aus Byzanz“. Bezeichnend ist außerdem der Satz, er kenne die türkische Bedeutung seines Namens nicht. Einige Kavafologen haben daraus den Schluß gezogen, Kavafis hätte dies aus einem Anflug von Eitelkeit heraus behauptet, da Kavafis im Türkischen „Schuhmacher mit nur gering entwickelten Fähigkeiten“ bedeute und im allgemeineren Sprachgebrauch auch Synonym für „unfertiger, niederer Mensch“ sei.

© Asteris Kutulas, Berlin & Malmö, Oktober 1996-2001

Konstantin Kavafis, Familie Kavafis, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2002


Hier ein Textbeispiel aus Kavafis' "Über meine Familie":

Die Kavafisse stammen aus Konstantinopel ab, das sie jedoch vom Anfang des 19. Jahrhunderts an verließen, so daß es dort seit 1855 kein Kavafis-Haus mehr gab. Später nahm man sogar an, sie seien alexandrinischer Herkunft. Von 1845 an ließen sie sich in Alexandria nieder, wo sie zu den Mitbegründern der Alexandrinischen Griechischen Gemeinde gehörten. Die Beziehungen der Familie zu Alexandria sind jedoch älter als 1845. Ein Verwandter der Familie war nämlich um 1800 Geistlicher beim Patriarchat von Alexandria. Das erste Haus, in das die Familie 1850 einzog, gibt es noch. Es liegt am Ende des Mochamet-Ali-Platzes, kurz bevor er in die Franken-Straße mündet. Es war ein Haus mit 14 Zimmern und gehörte der Familie Tsitsinia. Einige alteingesessene Alexandriner nannten es Okella (Haus oder Gebäude) Kavafis. Der Mohamet-Ali-Platz sowie vor allem die Franken- und die Anastasi-Straße, die jetzt zu den eher bescheidenen Gegenden Alexadrias zählen, galten damals als fürstlich.
Aber die Familie ist byzantinischer Herkunft. Das schließe ich aus meinen Recherchen, die bis ins Jahr 1740 zurückreichen.
Die Kavafisse besaßen Häuser und Gärten in Psomathia.
In Balukli gibt es Familiengräber aus der Zeit zwischen 1800 und 1850.
Der erste aus der Familie, von dem ich etwas mit Belegbares weiß, ist Petros (etwa 1753 - etwa 1820). Obwohl er Konstantinopolite war, verbrachte er einen Großteil seines Lebens in Filipoupolis, wo er auch Verwandte hatte, wahrscheinlich mütterlicherseits. In Konstantinopel gehörte er zu den bedeutenden Händlern, und hatte ein Volksehrenamt im Ökumenischen Patriarchat. Er und später sein Sohn Ioannis waren Kirchenvorsteher der Kirche des Heiligen Konstantin in Psomathia und im Vorstand der dortigen griechischen Gemeinde. Ihre Freunde, Nachbarn und ebenfalls Mitglieder im Kirchenvorstand und später Verwandte aus der Heirat des Georgios (Ioannis) Kavafis und der Maria Thoma, waren Ikpliktsis und seine Kinder, die Begründer der reichen und angesehenen Ioanidis-Familie, die während des gesamten 19. Jahrhunderts sich hervortat zwischen den Griechen in London. Die Ioanidis- und die Kavafis-Familie wurden auch Geschäftspartner im Handelssektor um 1830. Sie hatten einen Laden, der Waren aus England nach Konstantinopel importierte. Ioannis Kavafis (1782-1842) war Direktor in Konstantinopel. Ikpliktsis in Manchester.
Die Kavafis-Familie war Erbauer oder Mit-Erbauer der Kirche des Heiligen Konstantin in Psomathia. Das sagte mir, wenn ich mich nicht irre, Giorgakis Fotiadis (mein Großvater mütterlicherseits), als ich sehr jung war. In einem alten Geschichtsbuch fand ich die Information, daß am 15. Juni 1782 zwei Kirchen in Psomathia niederbrannten. Das deckt sich mit dem von mir Gehörtem über den Aufbau der Kirche des Heiligen Konstantin. Denn als Giorgakis Fotiadis mir das erzählte, sprach er nicht über sehr alte Zeiten, sondern von solchen von vor zehn oder fünfzehn Jahren vor seiner Geburt (im Oktober 1800).
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts sind einige Mitglieder der Kavafis-Familie nach Italien gezogen. Ihre Nachfahren lebten bis 1884 in Mailand und trugen den Titel des Comte oder Marqouise. Ich hatte um 1886 gehört, daß sie enge Bande zu der sehr reichen Industriellenfamilie Sessa von Milano hatten. Ich kann aber nicht genau herausfinden, wie sich dieser italienische Zweig mit der Genealogie meines Hauses verbindet.

Konstantin Kavafis, um 1905