0N THE ROAD WITH GERT (1998 bis 2012)

Gert liebte Architekturbücher, Thüringer Bratwurst, Musikhören, Kaffeetrinken, deutsche Lyrik, Zigarettenrauchen, Weissagungen, Formel-1-Rennen, abgefahrene Freaks und guten Kuchen. Vor allem mit gutem Kuchen konnte man bei ihm viel erreichen. Und mit Demut.

Gert mochte keine Partys, keine Geflügelgerichte oder Meeresfrüchte, keine leeren Versprechen, Anbiederei, kein Mittelmaß, keine Tierquälerei.

Gert war ein unglücklicher, sehr einsamer Mensch. Ein liebevoller Zyniker. Ein Eremit, sich und alle anderen um sich herum treibend, weiter, immer weiter. Er hatte einst die Nacht geschaut und war seitdem auf der Flucht vor ihr. Gern gab er seinem Affen Zucker.

Die Band Rammstein gehörte zu Gert wie der Schatten zum Licht. Was für ein Name auch: RAMMSTEIN – der hätte übrigens eine Idee von Gert sein können, der nicht nur Wassertrinker war, sondern auch ein Schöpfer von Worten, gemacht mit Hammer und Amboss.

Gert liebte schwarze Sachen (und schwarze Schafe). Er ging immer in Schwarz. Ich vermute, dass er einen geräumigen Kleiderschrank hatte, in dem stets fünfzig schwarze Hemden zugriffsbereit hingen. Vielleicht stand Gert ja auch keine andere Farbe. Aber das konnte ich wohl kaum je erfahren, da Gert niemanden, der das herauszufinden imstande gewesen wäre, an sich herangelassen hätte. Unsere chinesischen Partner schenkten ihm in Peking einen grünen Militärmantel, „damit der Künstler bei minus 25 Grad nicht friert“. Gert liebte diesen Mantel, fand aber dessen grüne Farbe unerträglich. Der Versuch, das gute Stück schwarz zu färben, schlug fehl. Der Mantel war nicht mehr zu gebrauchen und musste entsorgt werden. Große Trauer bei Gert.

Gert war ein exzessiver (manchmal gnadenlos exzessiver) Mensch – nicht nur in seiner Lebenshaltung, sondern auch in seinem Denken. Er brauchte „Verrückte“ um sich herum, die bereit waren, sich auf seine Obsession fürs „Licht“ einzulassen. Kaum bekannt dagegen wurde sein Engagement für den Schutz von vom Aussterben bedrohten Tieren, den er mit seinem Freund Till Lindemann teilte.


Postscriptum - Tagebuchnotizen

November 1999. Im Washingtoner Holocaust Museum soll Gert für die „Mauthausen-Kantate“ von Mikis Theodorakis, gesungen von Maria Farantouri, Licht und Bühne machen. Eine Benefiz-Veranstaltung. Die Möglichkeiten vor Ort sind spärlich. Er bittet mich, 100 große Kerzen zu besorgen – für die Seelen der Ermordeten, sagt er. Gert ordnet die Kerzen auf der Bühne. Das Konzert findet in dieser Atmosphäre statt, wie in einem Kirchenschiff. Ein Requiem für die Opfer des Nationalsozialismus.


Januar 2000. Wir treten mit Regierungsstellen in Dubai in Verhandlungen über eine außergewöhnliche Produktion in der Wüste des Emirates. Gert ist in seinem Element, entwirft eine „Light City“: Helikopter, mit Scheinwerfern bestückt; kilometerlange Straßen aus rotem Pyro; eine mehrere Hektar große Fahne der Arabischen Emirate aus Licht; 200 Jeeps mit Searchlights – ein arabisches Märchen, aber ein sehr modernes, wie Dubai auch. Wir übernachten im Burj Al Arab. Ohne Schlips kommen wir abends nicht ins Hotelrestaurant mit dem riesigen Aquarium. Ich habe Gert noch immer nicht gefragt, ob er je einen Schlips getragen hat.


Februar 2000. Wir besuchen das Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Christoph Heubner, ein guter Freund und ein wunderbarer Lyriker, der das deutsch-polnische Jugendforum Auschwitz leitet, zeigt uns die Gedenkstätte. Seine detaillierten und kenntnisreichen Berichte gehen uns unter die Haut. Gert ist besessen von der Idee, in Auschwitz-Birkenau einen Memorial-Event zu machen. Für ihn eine Art Lebensaufgabe. In einem Brief an das Auschwitz-Komitee schreibt er: „Es ist von eminenter Bedeutung für die Gegenwart und die kommenden Generationen, das Konzentrationslager Auschwitz, als Synonym für das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, im Bewusstsein der jungen Generation geographisch klar zu lokalisieren und die Zeugnisse jener Zeit visuell identifizierbar zu machen. Diese Todesstätte von Millionen unschuldiger Opfer vieler Nationalitäten verlangt nach einem außergewöhnlichen Signal ...“ Das entscheidende Kriterium bei der ästhetischen Umsetzung einer Installation in Birkenau müsse die Wahrung der Würde der Opfer und ihrer Hinterbliebenen sein. Gert nennt seinen ersten Konzeptentwurf „Nie wieder Auschwitz!“ und spricht von einer Spurensicherung.


Dezember 2000. Gert inszeniert die Theodorakis-Oper „Die Metamorphosen des Dionysos“ am Griechischen Nationaltheater. Es geht um den letzten Tag im Leben des Dichters Kostas Karyotakis, der 1928 Selbstmord verübte. Die Szenen der Oper überraschen durch surreale Zeiteindrücke, historische Verkürzungen und schonungslose Abrechnungen. Eine bittere Satire auf die Auswüchse und die Suggestion der Macht, aber auch auf das Verhältnis von Kunst und Politik. Gert kommt nach Athen und weiß vom ersten Augenblick an, wie die Oper auszusehen hat. Er schafft schnelle Abläufe, spannende Bilder, spielfilmhaft, ganz anders als bei herkömmlichen Opern-Aufführungen.


Oktober 2001. Mit dem Anschlag vom 9. September sind einige unserer wichtigsten Projekte im Nahen und Mittleren Osten zunichte, und nicht nur dort. Das ist ziemlich hart. Wir reisen nach New York, machen uns ein Bild vom Ort der Zerstörung. Gert ist tief berührt, er entwirft ein „amerikanisches Licht-Requiem“ an der Brooklyn-Brücke. Zwei Jahre zuvor noch trug Gert einen bizarren, strohgeflochtenen Hut durch Chinatown, probierte dickrandige Sonnenbrillen, behängte sich mit Elvis- und Feuerbohnenketten und wurde ehrfuchtsvoll gefragt, ob er einer der Getreuen des Dalai Lama sei, der zu dieser Zeit im Central Park sprach. Gert lächelte damals, ohne zu antworten, als die Welt noch anders war, als sein Sohn Wanja über den Broadway jagte und ihm John Lennons schwarzer Engel begegnete.


Februar 2003. Wieder in Auschwitz. Reden mit der Museumsleitung und dem Internationalen Auschwitz-Komitee. Beide sind mit Gerts Idee grundsätzlich einverstanden. Wir wissen, dass noch niemals in Auschwitz-Birkenau irgendeine Veranstaltung stattfinden durfte und dass es ein politisch brisantes Unterfangen ist. Nun liegt die Entscheidung bei der polnischen Regierung.
Gert schreibt in seinem Konzeptentwurf, dass das Medium Licht im Konzentrationslager Auschwitz eine besondere Rolle spielte. Der Suchscheinwerfer, Todesinstrumentarium der SS, diente zur Eingrenzung des Lagers, zur Bewachung und zur Verfolgung flüchtender Häftlinge. Der Flüchtende, der von einem Suchscheinwerfer dem Schutz der Nacht entrissen wurde, war dem Tod anheim gegeben. Gert will mit 200 Großraumscheinwerfern diese Bedrohung und den Terror visualisieren und nachempfinden lassen, denn die menschliche Sprache sei zu arm, um das Grauen nachvollziehbar zu machen, dem die Opfer ausgesetzt waren. Gert spricht von der Stille als einem wesentlichen Bestandteil der Dramaturgie. Er möchte außergewöhnliche, emotionale und eindringliche Metaphern zum Gedenken an den Holocaust erschaffen - Bilder, die in Verbindung mit der Musik vor allem Jugendliche ansprechen. Das ist ihm besonders wichtig.


Juli 2003. In Zypern fällt die „Mauer“; die Grenze zwischen Zypern und dem türkisch-besetzten Nord-Zypern wird nach 30 Jahren wieder geöffnet. Zülfü Livaneli, der bedeutendste türkische Komponist und Liedermacher, und Maria Farantouri aus Griechenland geben an der „grünen Linie“ ein Benefiz-Konzert, mit dem dieser historische Moment gefeiert werden soll. Gert bekommt eine Einladung, das Bühnen- und Lichtdesign zu machen. Wir fliegen sofort nach Zypern, und Gert arbeitet Tag und Nacht. Die Techniker vor Ort sind zunächst überfordert mit dem Know-how und dem künstlerischen Anspruch, den es für Gert durchzusetzen gilt. Stundenlang erklärt er ihnen wieder und wieder geduldig, worauf es ankommt. Die Leute sind bald euphorisiert. Das Konzert wird zu einem unglaublichen Erlebnis. Die Verse von Hikmet wehen über den Platz: „Und kein Schnee mehr, kein Wind, doch schneit es in der Nacht.“ Griechen und Türken vereint.


März 2004. Eine Bekannte fragt Gert, ob er sich vorstellen könnte, eine Inszenierung am Schloss Ludwig II. in Bayern zu machen. Wir fahren hin und sehen uns die Landschaft an. Es liegt Schnee, der See ist zugefroren. Gert beginnt sofort, Ideen zu entwickeln. Ein „Lichtschloss“ soll über dem Forggensee und Neuschwanstein entstehen und letzteres über einen Lichtbogen mit dem neuen Musicaltheater verbinden. Die Devise (oder Parole) ist: Natur, Romantik, Faszination. Ein Denkmal für König Ludwig II. und Richard Wagner. Gert denkt an den „Ring der Nibelungen“; ihm gehen assoziative Bilder durch den Kopf: „Lichtburg des Parzival“ oder „Der Lichtschwan des Lohengrin“ oder „Gralswunder aus Licht und Feuer“. Eines unserer Zukunfts-Projekte.


November 2004. Phillipshalle Düsseldorf. Gert macht Licht- und Stagedesign für Motörhead. Das Ganze wird aufgezeichnet und soll nächstes Jahr auf DVD erscheinen. Diese Band ist ein Naturereignis. Mörderisch laut, ungeschminkt, krachig, straight. Gert fühlt sich „zu Hause“. Lammy, nach dem Konzert mit einem nassen Handtuch über der Schulter, scheint glücklich zu sein. Die Nacht wird kurz.


Januar 2005. Mitten in den Vorbereitungen des Events zur 1.200-Jahr-Feier von Magdeburg erfahren wir, dass wir aus Budget-Gründen auf Licht-Equipment ganz verzichten müssen. Jetzt gibt es wenigstens Klarheit. „Ich komme nicht weiter, ich verbrenne“, hatte mir Gert einige Tage zuvor gesagt. Das Schlimmste für ihn: wenn mitten in der Arbeit Entscheidungsprozesse stocken. Er entschließt sich, einen reinen Feuerwerks-Event zu machen, aber mit seinen eigenen ästhetischen Kriterien. „Ich werde ein ganz anderes Feuerwerk hervorzaubern“, sagt er. „Denn ich bin ja kein Feuerwerker ...“ Er hört sich tagelang Musik an: Gesualdo, Hildegard von Bingen, Telemann, Vivaldi, Puccini, Carl Orff und Hanns Eisler. Er würde gern einen Ausschnitt aus Eislers „Kuhle-Wampe-Suite“ von 1928 nehmen, aber die Verantwortlichen wollen keine Ostalgie-Diskussion riskieren. Überhaupt, die richtige Musik finden: für die eigene Inspiration, für die Menschen – damit ihr Herz berührt wird –, für die Show, die Auftraggeber. Aber eigentlich doch nur für die Menschen. Einer der wichtigsten Momente in der Entstehungsphase seiner Events. „Die Musik ist die Mutter“, sagt er immer.


April 2005. Opening Gala des neuen Kongresszentrums CCN Ost in Nürnberg. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber eröffnet mit dem Satz „Es werde Licht!“ die Show von Gert. Zwei Tage davor, während des Aufbaus, springt im mit rotem Samt ausstaffierten Büro eine Maus über Gerts Aufzeichnungen. Eine Viertelstunde später der Anruf von einer Frau, die vorgibt, sich auf Weissagungen zu verstehen. Sie lässt ausrichten, dass Gert innerhalb der nächsten sechs Monate mit großen Schwierigkeiten zu rechnen habe, unausweichlichen, etwas deute darauf hin, dass jemand dem Künstler schaden wolle, dass er dieses Übel zwar nicht abwenden, jedoch dadurch mildern könne, dass er fortan einen schwarzen Stein in seiner rechten Jackentasche trage, als Handschmeichler. Auch das Anzünden von Räucherstäbchen in Fenstern, die nach Süden gehen, könne Heilsames bewirken. Zwei Tage später werden aus dem Produktionsbüro verschiedene Dinge entwendet, darunter Gerts Arbeitsbuch mit Notizen für die nächsten Projekte. Gert tut sich schwer damit, sich für Patchouli- oder Ylang-Ylang-Duft zu entscheiden.


Juli 2005. Einladung in den Vatikan. Anlass ist die geplante Aufführung eines Requiems, gewidmet den Opfern des internationalen Terrorismus, im Petersdom. In diesem Bauwerk mit der gewaltigen Kuppel kann man den „Puls der Geschichte“ regelrecht spüren, bis ins eigene Mark. Gert, eigentlich Bauhaus-Fan, ist überwältigt. Er will die Architektur dieser zu Stein erstarrten Musik mit seiner Kunst untermalen, sie in neuem Licht lebendig werden lassen. Am zweiten Tag unseres Aufenthalts gehen in der Londoner U-Bahn die Bomben hoch. El Quaida droht Italien mit dem nächsten Anschlag. Alle Veranstaltungen im Vatikan werden abgesagt. Wir fliegen zurück mit dem Gefühl, dass noch etwas offen bleibt.


September 2005. Ein heiß-schwüles Neu-Delhi. Gert ist Gastredner beim Kongress der indischen Lichtdesigner. Der stellvertretende indische Tourismusminister stellt ihn vor, dann spricht Gert. Das Publikum ist begeistert, hängt regelrecht an seinen Lippen. Dann werden ihm Fragen gestellt. Eine Frau meldet sich zu Wort, wendet sich an die etwa 600 indischen Lichtdesigner im Saal und sagt ihnen: „Wie könnt ihr Gert Hof Fragen stellen. Er ist ein Gott des Lichts. Und einem Gott stellt man keine Fragen“. Lauter Applaus.
Am nächsten Tag Einladung zum Taj Mahal. Eine übersinnliche Schönheit, eine geheimnisvolle Energie geht von diesem Ort aus. „Das ist was für mich“, sagt Gert. „Hier will ich was machen“. Ein weiterer Plan für die Zukunft. Ein anderer Kontinent, ein geheimnisvolles Land, eine andere Welt, Menschen mit anderem Blick und anderem Denken. Ich sah viel Armut, Furcht, Bescheidenheit. Schreinde Ungerechtigkeit. Wann hat das Elend der Menschen ein Ende?


Februar 2006. Udo Lindenberg und Gert, der UFOnaut und der Lichtpapst. Ich frage mich: Warum hat es das nicht eher gegeben? Warum musste der deutsche Altrocker Linde seinen 60. Geburtstag abwarten, um sich mit dem Schwarzen Mann zu vereinen? Jetzt jedenfalls haben sie sich gefunden und werden die Welt verändern.


März 2006. Begegnung mit Reinhold Messner, dem Bezwinger aller Achttausender, dem Bezwinger des inneren Schweinehunds. Gert ist ein großer Fan von Messner, kennt all seine Bücher. Der Verrückte und der andere Verrückte. Folgerichtig geht es um nichts Geringeres als um einen Event am Nordpol. Na dann: Gute Nacht!

© Asteris Koutoulas


Unsere Gert-Hof/Asteris-Kutulas-Shows:
42 Special- & Mega-Events zwischen 1999 und 2010

Die Orte (insgesamt 29):
Atlantic City, Antwerpen, Arnhem, Athen (mehrmals), Berlin (mehrmals), Bozen, Budapest, Dortmund, Dresden (mehrmals), Düsseldorf, Ferropolis (bei Dessau), Gallipoli, Hamburg (mehrmals), Ischgl, Jerusalem, Lviv, Magdeburg (mehrmals), Malta, Moskau, München, Muscat, Nicosia, Nürnberg, Peking, Piräus, Poznan, Sofia, Vilnius (mehrmals), Washington

Die Länder (insgesamt 19):
Belgien, Bulgarien, China, Deutschland, Griechenland, Holland, Israel, Italien, Litauen, Malta, Oesterreich, Oman, Polen, Russland, Türkei, Ukraine, Ungarn, USA, Zypern

Live-Zuschauer bei allen 42 Shows:
ca. 11.500.000

TV-Zuschauer (kumulativ bei den 42 Shows):
ca. 8,4 Milliarden

Gesamtlänge aller Shows zusammen:
ca. 750 Minuten

Beteiligte bei den 42 Events:
ca. 8.000 (Kreative, technisches Personal, freie Mitarbeiter etc.)

Lichtsysteme bei allen Events (kumulativ):
ca. 26.000, davon 2.700 Großraumscheinwerfer (Space Canons, Falcons oder Syncrolites)