Aufzeichnungen eines Taugenichts-Germanisten

(Ich habe hier einige meiner zahllosen Notizen und Gedankenfetzen aus der Zeit meines Germanistik-Studiums in einer Auswahl zusammengefasst, die ein Puzzle von Eindrücken aus jenen Jahren ergeben, die für mich unglaublich intensiv und sehr spannungsreich verliefen. Diese Notizen sollen die ständige Suche, Naivität, Unverfrorenheit und Lust offenbaren, die mein Leben damals prägten und einen ausschnitthaften Blick in die „Welt eines Germanistikstudenten“ ermöglichen.)


25.10.79
Die Zeit ist so schnell vergangen, wie im Fluge. Ein rasanter Start. Nun bin ich Germanistik-Student. Alle Tage lernen, lesen, lernen, lesen ad infinitum. Die Deutsche Bücherei: meine zweite Heimat, Wohnung, ein Bett dort wäre gut. Das Studium ist mein Element. Hoffentlich bleibt es das auch.
Vergangenes Wochenende war ich in Weimar beim Zwiebelmarkt. Der Zug kam um vier Uhr früh im Weimarer Hauptbahnhof an. Die Fahrt über mußte ich stehen, weil er überfüllt war – ich zwischen den Aussteigern der Gesellschaft, den Rockern, Intellektuellen und Sehnsuchtsvollen. Es herrschte eine unwahrscheinliche Kälte. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen die Hundertschaften der Polizei mit Hunden Spalier. Das Willkommen der Staatsmacht, aus reiner Vorsorge, damit wir wissen, wer die Kontrolle hat.
Ich hoffte, Tati zu finden. Doch sie war mit Bettina Wegner bereits nach Halle-Neustadt gefahren, wohin auch ich mich am Sonnabend begab. Dort tauchte dann Peter auf. Allerdings war Tati inzwischen wieder nach Leipzig getrampt und suchte mich. Das Konzert mit Wegner in Halle war melancholisch, voller Trauer. Ich übernachtete in irgendeinem Zelt der zugereisten Wegner-Fans. Nach dem Konzert, irgendwann mal spät nachts, bot mir ein abgefahrener Freak an, mit seiner Freundin zu schlafen. Was diese Leute zusammenführt und zusammenhält sind Illusion, Träume, Selbstbetrug, Mode, Hass, Inkonsequenz. In Halle-Neustadt waren Werkstatt-Tage der Jungen Gemeinde. Unter dem Dach der Kirche läßt es sich gut opponieren.

23.12.79
Der Wievielte ist denn nun heute? Diese Frage stelle ich mir jeden Tag, und ich kann nicht glauben, in welch rasantem Tempo die Wochen verfliegen. Selbstbetrug. Nachdenken – Zeit der Rechenschaft, als ob ich Dir etwas oder wenig verraten kann. Ach ja, Festival ist und damit kam auch die Erinnerung an meine Einsamkeit zurück. Schade, daß sich Gedanken ohne Anmeldung einstellen. Rufe ich sie denn – wie das Gedächtnis, das mich nicht fragt nach Einstellung und Passion. Wie Dich und all die anderen. Verständnis ... All das fällt mir so schwer ... Literatur als Rettungsanker.

31.3.80
Die Sonne rettet mich immer wieder, obwohl meine Naivität immer wieder versucht, mir Fallen zu stellen. Dann stürze ich jedes Mal ins Bodenlose – mit dem Kopf zuerst. Und vielleicht rettet mich das jedes Mal (dieses Stürzen + Sonne), weil man doch mit dem Kopf denkt.
Immer: Zeichen von Kontinuität mit Sinn. Denn, nur dann lernt der Mensch und das ist zwingend. Habe in letzter Zeit schöne Briefe bekommen.
S... Es gibt Menschen, die mir viel bedeuten und denen ich niemals wehtun möchte und es vielleicht doch mit jedem Wort tun muss, weil ich nicht lügen kann ...
P... So, jetzt weißt du über mich bestens bescheid, ist jetzt schon nach Mitternacht. Lass mal hören, was Du zur Zeit treibst.
Ich ... Und ... Die Tropfen meiner vergessen geglaubten Gedanken versickern langsam und sinnlos in Erde.

5.4.80
Du. Vermeintliche Stille. Du. Die sich in meinem Verstand bewegend, erinnernd versucht, mich abzulenken. Um dich zu berühren, muß ich dich verletzen. Um dich zu verstehen, muß ich mich bezwingen. So, wie die Tränen bitter die Wange hinuntergleiten, gleich einer suchenden Lupe, die verlöschende Spur der Einsamkeit hinterlassend, sehe ich dich mir zulächeln.
Schrei. Aufschrei. Beschrei ihn doch. Er ist nur – das Glück. (Dieser schmutzige Bastard der Einbildung.) Aufschrei deines Magens und der deiner Beine gegen das Eintreten in die Alltäglichkeit. Und der deiner Geschlechtsorgane, die ihre Identität verloren. Sumpf deiner Erinnerung. Essen. Aufessen. Iß doch – diene Gemütlichkeit Gabel – dein Stumpfsinn Maul. Du bist doch ... der glücklichste Mensch.

1.6.80
Die mich glücklich machen, wissen es nicht.

13.6.80
Jeder Germanist soll ein verkappter, ein gescheiterter Lyriker sein. Bei mir stimmt das zu 100%. Griechenland rückt näher. Verlorenes Lachen. Sucht deine Lippen. Flüchtig. Insektengleich mit leichten Flügeln. Ein saurer Geschmack. Berührt. Deine Lippen. Versucht. Deine Augen. Versucht, versucht. Und erstickt an einem Tropfen. Versinkt darin. Wie die Selbstverständlichkeit deiner Unruhe.

14.6.80
Heute Sprachtheorie-Klausur geschrieben.
Hatten Besuch in Dresden. Habe mich wieder einmal unmöglich (d.h. sehr gereizt und nervös) verhalten.
Außerdem mich von Poris verabschiedet. Noch immer keine Nachricht aus Österreich. Habe versprochen, Paola Santos (die sehr traurig war) zu schreiben. Für die kleine Portugiesin will ich eine Schallplatte mitbringen.

23.6.80
Prüfungsvorbereitung von morgens bis abends. Die Germanistik treibt mich in den Lyrismus.

29.7.1980, Dresden
Schluß. So fühle ich mich auch. Das erste Studienjahr der Germanistik ist vorbei. Am Freitag wartete ich auf die Straßenbahn, um zum Bahnhof zu fahren – und für einen Augenblick war ich traurig bis tief in die Seele. So, nur ganz kurz, fühlte ich, wie ich an diesem Leben hänge (Literatur, Literatur, Literatur). Auf eine bestimmte Art und Weise hat mir Leipzig viel gegeben – die Spannung, das Studium, die Leute. Nur aufpassen, daß mir das alles nicht über den Kopf wächst. Leider komme ich noch nach einem Jahr nicht mit allen Leuten aus meiner Seminargruppe zurecht: „Richtig“ kenne ich niemanden. Das liegt auch an meiner Überheblichkeit – Literatur ist alles ... Aber mit Sprachwissenschaft hab ich nicht viel am Hut. Meiner Meinung nach ist das zu einfach: auswendig lernen und sich auf Arbeiten vorbereiten! Jetzt sind Ferien ... Schluß.

10.9.80, Athen
„Fänger im Roggen“ von Salinger gelesen: ein großes Erlebnis – ich habe gelacht, mir kamen die Tränen. Es entsprach mir sehr. Amerika muß irre sein. Eine verrückte, sinnlose, alles absorbierende Welt. Pavlos und Rodula waren zu Besuch und haben mir die Brecht-Platte von Thanos Mikrutsikos geschenkt.
Ich müßte langsam anfangen, etwas zu schreiben. Mir ist irgendwie alles egal – einerseits, andererseits bin ich schrecklich arbeitsbesessen. Salinger-Einfluß. Ich fühle mich wohl und zugleich deprimiert und mache mir selbst Vorwürfe. Ich kann mich auf nichts richtig konzentrieren und es ausdauernd betreiben – fühle, daß ich eine langwierige Krise durchmache – so unsicher, so sicher, voll von Kram, leer Punkt Punkt Punkt, Musik ist was Schönes und Kerzen und Liebe, außerdem die kühle Feuchtigkeit der Träne und das erloschene Licht und italienisch ...

16.9.80, Athen
Heute fahre ich ab. Erwartung, Hoffnung – verflogene Traurigkeit ...
Im Zug: „Vielleicht“ – das Wort gefällt mir sehr. Nicht, daß ich es „kenne“, aber ich mag es. Schon wieder. All diese Zeit, vergangen (was sehr wichtig ist), hinter den hohen Wolken vereint, trotzen, ohne Sinn; zum Teil verwest, wer weiß. Blicke aus blaßgrünen Augen, versuchen deine Stirn zu berühren. Hinter alldem groß, überlebensgroß der Baum, unter dem du jeden Morgen mit kühlem Quellwasser in Berührung kommst.

1.10.80, Berlin
Shakespeares „Zähmung der Widerspenstigen“ im Berliner Ensemble gesehen. Oder auch: mehr zu wissen als andere, sich in die Lüfte erheben, auskosten das miese Leben und all diejenigen hintergehen, die uns umgehen und nicht wissen, wer wir sind. Ja, ja, nur so kann das Glück für uns Glück bedeuten.

3.10.80
Habe mich gestern mit Christina länger unterhalten – über „Wahrheit in der Kunst“, z.B.: Sind die blauen Pferde Marcs „wahr“? Nicht als Erscheinung, aber als Wesenheit bestimmt. Die Frage nach der Wahrheit kann nur dialektisch (... also nicht philosophisch?; sic!) gestellt werden. (Brecht wies mit seiner Methode nach, daß die Dimension von Kunst letztendlich auch rationalistisch erfaßt werden kann.) Die Frage ist nur, ob das Kunstwerk (als Kriterium) seine Epoche überdauert, also den Kulminationspunkt jeglicher Kunst, die Sinnfrage des Lebens, in Anbetracht eines oder mehrerer Aspekte beantworten/erläutern kann. Dialektik ist dabei die Methode, alle subjektiven Faktoren, die eine Rolle spielen beim Produktionsprozeß der Kunst zu untersuchen, ohne dabei im mechanistischen Sinne (Abbild = Abgebildetes) zu verfahren.

17.10.80
Carl Sternheims „Bürger Schippel“ gesehen.
Sonnabend mit M. verbracht, die mich nach Dresden begleitete (eigenartiger Mensch; über sie muß ich mal nachdenken). Sektfrühstück: schöne Sache; wenn man sich lieben würde: noch schöner.
„Woyzek“ mit Klaus Kinsky gesehen. Ja, so kann man Büchner für heute, für die Gegenwart erschließen. Wichtig, daß eine fast wörtliche Textkonsequenz eingehalten wurde. Sonntag: „Lina Braake“ von Bernhard Sinkel gesehen.

16.11.80
Intensive Zeit, weil ich viel schaffe. Vielleicht nicht fachlich, aber immerhin: - Filmklassiker gesehen: Eisenstein „Que viva Mexiko“, Bergmann „Das siebente Siegel“, den Sowjetthriller „Marathonlauf im Herbst“
- im Dresdner Theater: Lessings „Nathan der Weise“ Außerdem Übersetzungen von Ritsos’ „Makronissos“ und „Romiossini“ abgeschlossen.

25.11.80, Leipzig
Letzte Woche gesehen: von Schicht „Lieder des Thyll Ulenspiegel“, von Karls Enkel das „Mühsam“-Programm, Brigade Feuerstein „Spektakulum“, Schwarze Pumpe, Gruppe „Neue Musik“ Weimar usw.
Fertig: Einleitung zu Ritsos. Bernd und Annette haben mir letzte Woche beim Maschineabschreiben geholfen (Ritsos-Biografie und Geschichte Griechenlands).
Während der Sprachgeschichts-Vorlesung: Der Gedanke wird immer stärker (wie damals mit Frankreich), nach dem Studium an die Baikal Amur Magistrale (BAM) zu fahren – für 1 bis 2 Jahre: meine „Armeeausbildung“ ... Ich bin von dieser Idee begeistert, ich muß sie nur nähren, denn ich bin von ihrer radikalen Richtigkeit überzeugt.
Immer wieder in der Diskussion: „Volksverbundenheit der Kunst“. Was soll das sein? Was „Wahrheit“. Auch in Dresden: Prof. Meyer. Sinnbestimmung

5.1.81
Nachdem ich das Böll-Buch verschlungen hatte, heute die Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Schlöndorff gesehen.

14.1.81, Berlin
Konsumiere ein Stück nach dem andern: im Berliner Ensemble: „Hofmeister“ von J.M.R. Lenz in der legendären Bearbeitung von Brecht, „Jegor Bulytschow und die anderen“ von Maxim Gorki, „Der große Frieden“ von Volker Braun.
- das Schreiendste & das Unbegreiflichste: 1. meine Abgestumpftheit
2. A. u. A. wollen sich scheiden lassen
- mein Ideal: der Ort, wo ich innehalten, sein konnte, wo Wärme war und sogar Liebe – wie soll ich das verstehen?

20.1.81
Letzte Woche Flauberts „Madame Bovary“ und Turgenjews „Vorabend“ ausgelesen; außerdem Verfilmung von „Franziska Linkerhand“ (Brigitte Reimann) und „Unser kurzes Leben“ von Lothar Warneke gesehen. Gestern „Die Überfahrt“ von Anna Seghers beendet. Aber jetzt bin ich beim bislang Allerbesten: Dostojwskis „Schuld und Sühne“. Völlig verrücktes Buch. Stadtkneipe, Student & Beamter: Gespräch über Zukunft (Motiv des Vertrauens): Man braucht einen Menschen, einen Platz im Leben. Parallel zu Dostojewski studiere ich Bakunins Anarchismus-Analyse... und lese nebenbei Trifonow.
Überhaupt wird mir jetzt klar, woher die Sowjet-Literatur kommt: Problem des Gewissens, „Sittengesetz in uns“ (Kant) – alles beginnt mit Dostojewski. Siehe 1960 Tendrjakow: „Das Gericht“ (Gewissen)
- oder Aitmatow: „Weißer Dampfer“ - oder Rasputin: „Leb und vergiß nicht“ & „Matjora“ - oder vieles von Schukschin Beim Lesen von „Woher sie kommen, wohin sie gehen...“ (Seghers-Essay) zu Schiller und Dostojewski, kam mir in den Sinn: Dostojewski-Konferenz (Ausgangspunkt für schonungslose Kritik) auch für DDR relevant (wann endet endlich die Formalismus-Debatte/das Dogma?).
Die eigentliche Errungenschaft bei Dostojewski in „Idiot“ & „Gebrüder Karamassow“: neue Romanstruktur entwickelt / polyphone Struktur (Werk: Modell der Welt! / keine bloße Wiederspiegelung).
Die großen Individuen (Haupthelden) verschwinden ... Goethes „Faust“ führt zu Dr. Faustus und einer zweiten Hauptfigur bei Thomas Mann. Oder bei Dostojewski selbst: Gebrüder Karamassow (3 und 1 unehelicher Sohn). Der Idiot (Menschen gehören zusammen, aber tragische Zeit).
1949 der Wendepunkt bei Dostojewski. Seine Beinah-Hinrichtung. Epilepsie. (Prof. Roland Opitz steht absolut „im Stoff“ ... kann mich begeistern für das Düstere, Melancholische und Kraftvolle bei Dostojewski.)
Grund für die Todesstrafe Dostojewskis, die in Verbannung in Sibirien umgewandelt wurde: Belinskis Brief an Gogol, den Dostojewski vor Anhängern Petraschewzis vorlas. Unter Gogols Einfluß entstand bereits 1946 auch sein Erstlingswerk „Die armen Leute“ – nach E.T.A. Hoffmanns „Der Doppelgänger“ (das doppelte Wesen/ der bürgerliche Intellektuelle/ Entfremdung/ die doppelte Existenz ... kritischer Realismus). Dostojewski lehnt das Bürgertum bereits ab, bevor es bevor dieses richtig an die Macht kommt! / vor ihm schon Gogol 1842 („Tote Seelen“). Reisen durch Westeuropa: Kennenlernen des europäischen Kapitalismus

24.1.81, Dresden
Mit Andonis das Stück „Jutta oder die Kinder von Damutz“ von Helmut Betz im Kleinen Haus gesehen.

25.1.81, Dresden
„Wie es euch gefällt“ von Shakespeare im Großen Haus. Zur Zeit meine Fächer: Althochdeutsch (Prof. Große), Weltliteratur/ Englische Literatur (Prof. Seehase), Sprachgeschichte (Dr. Weber), Literatur des 19. Jahrhunderts (Dr. Albus & Prof. Richter), Geschichte der deutschen Sprache (Dr. Weber), Lexikologie (Dr. Fleischer), Klassizismus und Moderne/ Goethe (Dr. Träger), Lexikologie (Dr. Barz), Englisch (Dr. Middell), Dramatik (Dr. Träger), Heinrich-Heine-Seminar, Marxismus-Leninismus, Geschichte der Ästhetik (Prof. Uhlig), Politische Ökönomie.

20.2.81, Leipzig
Gestern nach Unterhaltung mit Stübi im Casino den Film „Emilia Galotti“ von Martin Hellberg gesehen.

24.2.81, Leipzig
Lese Maxie Wanders „Tagebücher und Briefe“: bin tief beeindruckt.
Am Wochenende viel unternommen: Das Stück „Arno Prinz von Wolkenstein“ von Rudi Strahl und „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller gesehen. Strahl langweilig, Schiller herausragend. Stendhals „Rot und Schwarz“ ausgelesen.
Und immer wieder Maxie Wander: „Ich bin glücklich, ich bin am Ende.“ (45)
„Wir wissen nicht, was wir haben, erst wenn die Wände zittern und der Boden unter unseren Füßen wankt, wenn diese Welt einzustürzen droht, ahnen wir, was Leben bedeutet ...“ (43) „Und wenn ich die Menschen sehe in den Straßen von Berlin, in ihrer blinden Hast. Was ist los mit ihnen, frage ich mich, haben sie nichts begriffen? Natürlich nicht, wie sollen sie ...“ (44) „Haben wollen, aber unfähig sein zu geben – das ist das Dilemma!“ „Und heute erzeugen wir das alles in eigener Fabrikation: Wohlstand, Sattheit und auch Indolenz? Da stimmt doch etwas nicht!“ Wie besser kann man diese Situation hier in dieser DDR ausdrücken? Ich komme mir arm vor. Wahrscheinlich stimmt es, daß man schwierige Momente durchgemacht haben muß, um tief und wahr fühlen zu können. Und dann kann man endlich schreiben, sich entleeren, diese gelebte Gefühlstiefe ausdrücken. „Doch was lernen unsere Kinder? Leistung, Konsum, Stillhalten, Konformismus, Egoismus ...“ (76) „Ich weiß ja, wie schwer es allen wird, irgendetwas zu sagen, aber ein bissl Anteilnahme erwartet man halt doch, ist leider so, und nicht nur das allgemeine stumpfe Schweigen!“ (48) Sie hat recht, so recht. Ganz aus dem Herzen gesprochen. Warum sind viele Menschen so blind gegenüber sich selbst? Warum nur weitet sich ihr Sein nicht, nimmt nicht alles auf? Heute auch bei Fichte in „Vorlesungen über den Gelehrten“: Wir, die mit Passion den Beruf des Gelehrten ausüben, haben noch das Glück, in dieser Hinsicht ungeteilt zu sein! Haben so die Möglichkeit (theoretisch!), uns zu erahnen, vielleicht die beiden Ichs ein wenig mehr zu vereinen.
Maxie Wander: „Das, was wir hier betreiben, Tanja, daß Menschen sich lange Briefe schreiben oder nächtelang ernsthaft diskutieren, das ist doch ein Luxus! Du beklagst Dich mit Recht, aber die Tatsache, daß Du in der Lage dazu bist, das nötige Bewußtsein hast, spricht für Deine privilegierte Situation, im Weltmaßstab gesehen.“
Ich quäle mich beim Lesen. Es geht mir sehr ans Herz. Manchmal könnte ich heulen. „Aber Menschen sind nun mal keine Tomaten.“ (69)
Erinnert mich an Brecht, Tagebuch 26. März 1921
„... Alles, was ich nicht gelebt habe, die tiefe Trauer über ungelebtes Leben, wieviel Schönheit uns verlorengeht, für immer. Und wir lebten manchmal so, als ob wir unermeßlich viel Zeit hätten!“ (77) Ich glaube, daß ich das mit dem Wissen und dem Lernen ganz gut packe, mich aber schwertue, was Vergnügen und echten Lebensgenuß angeht. Bis jetzt fehlte mir auch der Partner. Und das ist wichtig. Maria – ich denke noch an Dich. Du bist unwirklich geworden: zu weit, zu fern, entrückt ... ich habe zu lange gewartet. Du hattest es leichter. Oder? Seite 78 hat mich betroffen gemacht: unsere Kinder: „gezähmte Elefanten“ (Neruda) „Ich bin traurig. Traurig über unsere jungen Menschen, die von ihrer eigenen Kraft keine blasse Ahnung haben. Und offenbar nicht haben sollen!“ (S.79)
„Sie ist schwer zu ertragen, diese Einsamkeit unter den Menschen.“ „Warum bin ich so bitter, warum bin ich so hell?“ (92) „Mach nur weiter, das ist vernünftig, normal und notwendig, das alles wird von Dir verlangt, nicht denken, nicht daran rühren, mach nur so weiter, du wirst schon sehen, es geht, probiere!“ „Und es ist nicht nur das Mitleiden, nicht nur der Schmerz, nicht nur die Verlorenheit in der Welt, es ist die Grausamkeit, Irene, das Gefühl der Grausamkeit hinter allen Dingen.“ (93) Langeweile als „Preis für soziale Sicherheit“...

25.2.81
Oft – beim gestrigen Lesen – habe ich an meine Beziehung zu I. gedacht. Hoffentlich hilft mir das. Denn ich denke das Ende schon sehen zu können: wackliger Grund, dazu mein sinnender Geist. Weiter mit Maxie Wander: „Es genügt doch, mit Freunden zu essen, zu trinken, sich anzusehen und zu verschweigen, was man eigentlich hat sagen wollen.“
„... die Trauer und Empfindsamkeit sind keine Durchgangsstationen, die überwunden werden müssen, sie sind in dieser Welt unüberwindbare, notwendige Lebensgefühle.“ (107) Interessant auf S. 119 die Feststellung: die Forderung sich zu erkennen, die Suche nach dem eigenen Ich, sei seltsam (Goethe) und nicht anzustreben!
„Der Krebs der Gesellschaft sind diese miesen Beamtentypen, jede Gesellschaft bringt sie hervor, warum nicht auch unsere. Wir müssen uns von der utopischen Vorstellung befreien, daß die Beschäftigung mit dem Marxismus automatisch die Menschen reinigt und bessert.“ (S.131) „Wie gut es uns geht, wir sind so an die schönen, einfachen Dinge gewöhnt, daß wir sie nicht mehr sehen und soviel Fragwürdiges fordern, wünschen, erstreben ...“ (135) „Dieses blöde Fernsehen. Die schlechten Eigenschaften wuchern, wenn man nicht pausenlos an sich arbeitet und Widerstand leistet. Man verroht, verwildert, verdummt, verkommt.“ (137) „Stimmen sind wichtiger als Mitteilungen!“ (142) „Auch ich komme langsam zu der Einsicht, daß man überall leben kann. Nicht das, was wir leben, sondern wie wir es erleben, macht unser Schicksal aus.“ „Welchen Wert hätte ewiges Leben, ohne Spannungen, ohne Widersprüche, ohne Anfang und ohne Ende?“ (146) Hier: eigenartige Assoziation zu gestrigem Vortrag. Vieles wurde nicht ausgesprochen, eins aber zum Hauptpunkt gemacht: das Erlebnis des Todes unmittelbar in der Anschauung (Dostojewski). Bewußtwerden der Kostbarkeit der Zeit, des sinnerfüllten Lebens.
„Nur die Lebenden zählen. Nur die Gegenwart. Nur der Augenblick.“ (146) „Menschen leben eigentlich immer in diesem blinden Glauben, unsterblich zu sein. Das Kostbarste, Teuerste in meinem Leben war zur Selbstverständlichkeit geworden, und das ist schlecht.“ (148) DDR – „(Ein abstrakter Begriff? ... Aber vielleicht muß ein Landesname Jahrhunderte Zeit haben zu wachsen?)“ (156)
Schöne Gedankengänge – warum bin ich nicht von selbst darauf gekommen?
„Und ich lache und weine innerlich.“ – Dieses Gefühl macht reich, ja, will es nicht missen, es macht einen zum Menschen. Bin auf noch etwas aufmerksam geworden, was mein Gefühl mir schon sagte und ich dann auch bei Fred Wander fand, der offenbar das Gleiche meint: Reisen als Ausbruch, als Möglichkeit, nicht Alltagsmensch zu werden. Schon bei meinem Gespräch mit A. hatte ich das Reisen als zu meiner zukünftigen Familie gehöriges Phänomen angesehen. Einer meiner größten Wünsche und nicht nur ein Ideal: in der heutigen Zeit und auf heutige Art sich selbst und dem Partner nahe zu kommen. Mir wichtig, vor allem wenn man intellektuell leben will.
Seite 174 erinnert mich an Frau Dr. Träger / T. Williams wird zitiert: „Die Zeit stürzt auf uns zu mit ihren Medikamententischen voll zahlloser Betäubungsmittel, während sie uns doch schon vorbereitet auf die unvermeidliche, die tödliche Operation.“
Bin Frau Dr. Träger sehr dankbar für die Erfahrung des letzten halben Jahres.
„Erst in der Erinnerung leben wir!“ (183) „Man muß auch nicht alles bis ins letzte verstehen, man muß lieben.“ Ja, das Leben ist immer abrufbar: Nikos.
Oft habe ich ähnlich gefühlt wie Tolstoi, der zitiert wird (211): „In diesen beiden Jahren beharrlicher geistiger Arbeit entdeckte ich eine einfache Wahrheit, die ich aber nur so kenne, wie niemand sie kennt: Ich entdeckte, daß es Unsterblichkeit gibt, daß es Liebe gibt und daß man für den anderen leben muß, um ewig glücklich zu sein!“
„Es kommt mir immer mehr darauf an, ein Mensch zu werden als Gegenentwurf zu den Bombenbauern.“ (235) Immer wieder interessant die Feststellung, daß man aus Erfahrungen und Einsichten wenig macht und sogar vergisst. Mein Problem.

26.2.81
Stendhals „Rot und Schwarz“. Madame de Rênals Meinung über Männer: „Roheit und brutale Unempfindlichkeit für alles, was nichts mit dem Interesse an Geld, Beförderung oder Auszeichnung zu tun hatte; blinder Haß gegen jeglichen Einwand, der ihnen widersprach ...“ (44)
- Verhältnisse in der Provinz: „Die Spitzbuben suchen eine Stütze bei der Kongregation; u. die Heuchelei hat selbst in den liberalen Klassen die schönsten Fortschritte gemacht. Die Langeweile wächst. Es bleibt kein anderes Vergnügen als Lektüre und Landwirtschaft.“ (30) - Juliens Anfangsbeziehung (Pflichtgefühl) zu M. „Der furchtbare Kampf, den die Pflicht mit den Hemmungen ausficht, war zu quälend, als daß er fähig gewesen wäre, etwas in der Außenwelt wahrzunehmen.“ (60) Als das Napoleon-Bild gefunden wurde (Julien): „ ... mein guter Ruf ist doch alles, was ich lebe nur durch ihn ... und doch, großer Gott, welch ein Leben!“ (66)
- Sobald er Verviéres verläßt: „Die reine Luft dieser hohen Berge spiegelte sich in der Zufriedenheit, ja Fröhlichkeit seines Gemütes.“ (69) / noch total mit sich eins, denn wenn er handelt, ist er sich dessen bewußt, daß er tut, was die anderen schon als wesenseigenes Leben (Heuchelei) angenommen haben! (Er ist zufrieden mit sich, weil er nicht heuchelt, wobei er eben wahrnimmt, dass die anderen heucheln und das für sie schon völlig selbstverständlich geworden ist ... ) M. Rénal: „Plötzlich erstand vor ihr das furchtbare Wort: Ehebruch ... Sie sah sich selbst als Verworfene. Dieser Augenblick war schrecklich, ihre Seele geriet in unbekanntes Land. Am Vorabend hatte sie ein unerhörtes Glück gekostet; jetzt fand sie sich plötzlich in bittersten Kummer gestoßen. Sie hatte keine Vorstellung von solchen Leiden (wie vorher von solcher Liebe – A.K.), ihr Verstand verwirrte sich ... Sie wurde von den widersprechendsten und schmerzlichsten Vorstellungen hin und her geworfen. (Sie konnte im Gegensatz zu Julien nicht heucheln / in dieser Weise auch total). Bald fürchtete sie, nicht geliebt zu werden, bald peinigte sie der entsetzliche Gedanke des Verbrechens, (und jetzt kommt das Ausschlaggebende: die öffentliche Meinung) als wenn sie am nächsten Morgen auf dem Marktplatz von Verrières an den Pranger gestellt werden sollte mit einer Tafel, die dem Volke ihren Ehebruch darlegte.“ (73/74) / Öffentlichkeit der Privatsphäre oder Selbstzerfleischung im Geistigen?

27.2.81, Berlin
Premiere „Mann ist Mann“ von Brecht im Berliner Ensemble gesehen.
Nein, Maria, ich habe Dich nicht vergessen. Nur – meine Worte sind mir ausgegangen; die Leidenschaft hat sich verkrochen in einen stumpfen Winkel, wartet, wartet...
Daß Du zu mir gehörst – wie wäre es anders – ein Teil bist von mir; jetzt Legende: oft denke ich an Dich, wie an eine verzauberte Fee: als Ideal? Soll ich es mir wünschen?
Du bist fern – das Leben fließt, nimm mich mit – habe viel gelernt.
So hast Du mir also sehr geholfen – am Anfang, ohne daß ich es merkte, jetzt habe ich es verstanden.
Wenn ich spreche – werde ich verstanden? Wenn ich nicht spreche – sage ich Dir nicht viel mehr?

1.3.81
War heute bei Elektra und Jochen. Privat-Party: Claus, Marlies, Thomas... bis 4 Uhr früh – viele politische Gespräche. Ein interessanter Gedanke dabei: Feudalsozialismus in der DDR – ein in Gebiete und unter einem hierarchischen System von „Bonzen“ aufgeteilter Staat.
Tagsüber Schinkel-Ausstellung besucht. Schinkel-Winkelmann-Ideal: „Blick in Griechenlands Blüte“. Sogar die arbeitenden Menschen – einen Tempel erbauend – werden als schöne „Menschen“ dargestellt, als arbeiteten sie nicht arbeitsgeteilt, sondern freiwillig, mit Lust, ohne sich vom Arbeitsprodukt zu entfremden, als wären sie ungeteilt! Wie kann man solche Ideale unter den konkreten historischen Bedingungen entwickeln?

22.4.81
Seminar bei Frau Dr. Träger: Jeder Generalsekretär der SED versuchte, den Kommunismus einzuführen. Am schizophrensten die 10 Gebote von Walter Ulbricht. Proletkult: es ist nichts aus dem Nichts zu schaffen. Aber in 8 Tagen zu schaffen: der Kommunismus. Das ist die Illusion einer jeden aufstrebenden Klasse: die Notwendigkeit ist relativ.

24.4.81
Gestern mit Angela im Kino (Casino) gewesen: „Der Richter und sein Henker“ von Maximilian Schell und Dürrenmatt.
Vom 3. bis zum 10.5. war ich in Berlin. Unter anderem „Dantons Tod“ von Büchner am Deutschen Theater, sowie Hauptmanns „Einsame Menschen“ und Gogols „Revisor“ am Maxim Gorki Theater gesehen.

Friedrich Nietzsche
Lange Freundschaft mit Richard Wagner. Professor für Philologie in Basel. Ab 1890 geistig umnachtet. 1900 gestorben (an Syphilis).
- erster Philosoph, der das liberale Bürgertum angreift und kritisiert - Verzicht auf ein System, aber innerer Zusammenhang seiner Konzeption: „Umwertung aller Werte“. Nietzsches Zeitdeutung: Nihilismus, Dekadenz - seine Zeit und ihre Ideen/ die geistige Kultur: nihilistisch! (Wirklichkeit gleich Leben) - Losungen der Französischen Revolution nicht verwirklicht / auch nicht möglich / da Brüderlichkeit, Gleichheit etc. für Nietzsche durch Christentum geprägte falsche Werte darstellen / daraus entspringt die Notwendigkeit, neue Werte zu schaffen („Der Antichrist“) - Umwertung: Rückgriff auf Sokrates / Beginn des Nihilismus / man muß aktiver Nihilist sein! (z.B. Schopenhauer) / nicht positiver Nihilist! drei Kasten:
1. die Geistigen / herrschen
2. die Muskelstarken
3. die Mittelmäßigen
zu 3. alle Arbeitenden (weiter Begriff) / Grundlagen für Ausnahmen in der Gesellschaft (auch Kunstproduzenten)
- aus erster Kaste rekrutieren sich die Übermenschen - Polemik gegen Rousseaus Staatsvertrag Thomas Mann: 1947 / Ästhetizismus Nietzsches (50 Jahre vorher schon bei Franz Mehring)
- Bezugspunkt für Umwertung aller Werte: das Leben, das Dasein / schon bei Schopenhauer, aber Willen zum Leben bejahen bzw. verneinen ... gegen Willen zum Leben: Wille zur Macht (z.B. durch Kunst und Wissenschaft), siehe: Götzendämmerung (Ausbeutung wird ins Leben hineinversetzt / Natürlichkeit) - Lebensphilosophischer Pragmatismus (Elite aus erster Kaste) - alle Erkenntnisse, auch künstlerische vom subjektivistischen Standpunkt: „Es gibt viele Wahrheiten, also keine.“ - Kritik: immer Kritik am geistigen Zustand

19.5.81
Lese Biografie Schopenhauers von Dr. O. F. Damm (Reclam jun. Leipzig, 1912)
„Sehen und Erfahren ist so nützlich als Lesen und Lernen ...“ (177)

Schopenhauers Einteilung d. Menschen:
- 5/6 von Natur aus Pech gehabt - 1/6 vorzügliche Menschen (die im Alter zu Misanthropen werden)

„Ehe ist Krieg und Mangel“ – fast alle echten Philosophen seien ledig geblieben. (103) „Schon in früher Jugend habe ich an mir bemerkt, daß, während ich alle Anderen nach äußeren Gütern streben sah, ich mich nicht darauf zu richten hätte, weil ich einen Schatz in mir trug, der unendlich mehr Werth hatte als alle äußeren Güter, und daß es nur darauf ankäme, diesen Schatz zu heben, wozu geistige Ausbildung und volle Muße, mithin Unabhängigkeit die ersten Bedingungen wären ... meine Sorgfalt auf die Erhaltung meiner selbst und meiner Freiheit zu richten, nicht auf irgendein äußeres Gut.“ (201) Diese Aussage könnte ungefähr so von mir stammen... - zu Schopenhauer in den letzten Tagen gelesen: Theodor Schwarz „Sein, Mensch und Gesellschaft“ mit zwei Arbeiten über Schopenhauer und Nietzsche, Frankfurt/M. 1973, sowie Walter Wolf, Kritik der Vernunft, Weimar 1947 - Schopenhauers Werke literarisch verwertet durch Wilhelm Raabe in „Abu Telfan“, „Die Leute aus dem Walde“, „Schnüdder....“ und besonders „Stopfkucken“, „Ein Frühling“; Schopenhauer als handelnde Person in „Eulenpfingsten“. - beschäftige mich auch mit Marx’ „Zur Judenfrage“; in Verbindung mit „Die entfremdete Arbeit“ (Ökonomisch-philosophische Manuskripte) komme ich langsam dem Phänomen der Entfremdung bei - und noch was viel Wesentlicheres – im Passus über Menschenrechte wird der Egoismus in denselben gezeigt! / hier ist es zu fassen, das Problem des Nicht-freien-Reiseverkehrs der Bürger der DDR, zum Reisen ist „Freiheit“ notwendig und wo nimmt man die her?! - Schopenhauer hörte während des Studiums Vorlesungen bei Fichte & Schleiermacher, kam in Weimar in Berührung mit Wieland - wichtig für das Erfassen seiner Philosophie: 1. Band „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Anhang: „Kriterien der Kantischen Philosophie“) sowie 2. Band „Parerga u. Paralipomena“(siehe auch Kapitel „Über das Sehen u. die Farben“) / „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom unzureichenden Grunde“

29.5.81
Lese Wilhelm Raabes „Abu Telfan“. Auch eine Möglichkeit für mich wäre, das zu tun, was Nikola (für einen Tag) tat: „Mein Herz habe ich begraben und die Welt angenommen, wie sie ist; ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben!“
Was ist denn das, was mich treibt? Und ich fühle es ja! Ist es wirklich das, was ich gestern früh bei einem Kaffee Oliver in der Pizza-Stube erzählte? Mein Bewußtsein, mit Griechenland tief verbunden zu sein, immer daran denkend? Noch mal Raabe: „... sich ‘tot zu stellen’ in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das Vernünftigste und Bequemste.“

1.6.81
Ein schönes Wochenende mit I. verbracht. Aber diese Unsicherheit ...
Lese Schopenhauer, heute über die Grundwahrheit in „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Bereits in diesem Sinne Schrift „Über die Weiber“ von Ernst Brandes von 1787, zitiert von Friedrich Schlegel (Bd.1, S.19).

26.6.81
Philosophie-Prüfung bei Lorenz mit 1 gemacht. Mit Kants Ethik und Hegels Anmerkung der Doppelmoral drangekommen.

2.6.81
War vorgestern beim Konzert der „Engerlinge“ in der Moritzbastei. Anschließend unterhielt ich mich länger mit Gunther Krex, dem Bassisten. Vorher hatten wir DDR-Literatur-Seminar in der HB mit Dr. Hartinger. Über „Wundertäter“ bzw. über Initiativbewegung in der DDR. Gestern zusammen mit L. einen angenehmen Abend verbracht. Waren in „Bis daß der Tod euch scheidet“ von Heiner Carow und sind anschließend ins „Regina“.
Karl Marx „Zur Judenfrage“ (1843) gelesen: es geht um die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung. Vergegenständlichung ist die Verwirklichung des Menschen, aber im Kapitalismus wird Arbeit als fremde, bedrohende Macht angesehen / da der Arbeitende mit steigenden Arbeitsjahren immer mehr Wert/Wesen an die Produkte seiner Arbeit abgibt / Entfremdung.
So ist die an-sich-Verwirklichung eine Entwicklung des Menschen und für ihn selbst wird die Arbeit zur Zwangsarbeit und die Freizeit (Essen, Zeugen) zur eigentlichen anzustrebenden Spähre des Menschlichseins. Somit wird das Tierische das Menschliche und das Menschliche das Tierische. ... auch Problem der freien Ausreise

12.6.81
DDR-Literatur-Seminar bei Dr. Hartinger – über Verhältnis Einzelner-Gesellschaft: Grundfigur des gesellschaftlichen Lebens (Ideal/Verwirklichung – Mittel/Zweck) - Jürgen Kuzcynskis Brief an Hermann Kant: keine Entwicklung mehr in der DDR, nur noch „Bewegung“ („Fortschritt“ wird als trivial abgetan)
- DDR-Kultur-Politik seit Anfang der siebziger Jahre: Kontinuität seit 8. Parteitag SED / neue Orientierung: neue Qualität 70er Jahre im Vergleich zu den Sechzigern „Sinn des Sozialismus“ seit dem 8. Parteitag neu definiert: „alles für Wohl des Menschen“ damit Kritik an den sechziger Jahren / Vertauschung Zweck und Mittel (Schriftsteller/Produktion) - der „positiven Held“: Bitterfelder Konferenz - seit dem 8. Parteitag: Wirklichkeit, so wie sie ist, zu sehen: mehr Sozialanalyse, soziales Milieu, verstärkt die „Arbeiterklasse“ im Mittelpunkt – unglaublich, wie weltfremd die Parteioberen sind... in welcher Welt sie leben. Langwierigkeit des Prozesses erkannt / dadurch geschichtliches Bewußtsein des Schriftstellers geprägt (Überprüfung d. Begriffes „Gegenwartsliteratur“). Vermittlung von Geschichte (z.B. an Schulen) Geschichte ist ein fortlaufender Prozeß (?), Bezugspunkt Gegenwart.
6. Parteitag: Kommunismus als Ideal: Aufgeben der These von der relativen Selbständigkeit der Gesellschaftsformation des Sozialismus
7. Parteitag: davon nichts mehr, sondern:
- Betonung der Spezifik der künstlerischen Aneignung / da in den sechziger Jahren Wissenschaft im Vordergrund künstlerische Produktion hat Kollektivcharakter / Fernsehen als Vorbild
- Anna Seghers: 7. Schriftstellerkongreß: wenn Schriftsteller arbeitet, ist er allein: Subjektivität muß sich entwickeln, außerdem: Interessen der Leser sind unterschiedlich - Veränderungen in 70er Jahren / schwierige Kulturpolitik, auch politische Differenzierung bei Schriftstellern (Biermann-Affäre und die Folgen) 9. Parteitag: künstlerische Verantwortung im Sozialismus ist künstlerische Verantwortung für Sozialismus (vor allem unter den Bedingungen des Feudalsozialismus)
10. Parteitag – Kontinuität und neue Akzente: nicht nur Wirklichkeitsnähe, sondern „Wirklichkeitswahrheit“ / Objektivisten, Realisten
- erhöhte Wirkung der Kunst für „sozialistische Lebensweise“ - Vergangenheit als Erfahrung für Gegenwart (Nationalbewußtsein) - stärkere Orientierung an jüngerer Generation - Betonung der Vertrauensbildung zwischen Schriftsteller und Partei (zumindest „sehr spannungsgeladen“ ...), Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik

8.6.81, Leipzig
Testat bei Dr. Hocke in französischer Literatur gehabt und überstanden. Anschließend mit Angela und Bernd im Czardas gegessen.

„Liebeslied“ von Wolfgang Borchert Weil nun die Nacht kommt
bleib ich bei dir.
Was ich dir sein kann
gebe ich dir!
Frage mich niemals:
woher und wohin –
nimm meine Liebe
nimm mich ganz hin!
Sei eine Nacht lang
zärtlich zu mir.
Denn eine Nacht nur
bleib ich bei dir.

6.8.81, Moskau
Zweiter Tag in Moskau. Gestern Abend angekommen und schon so viele Eindrücke – nachts gleich in die Stadt getrampt (!) und uns um 23.00 Uhr die Wachablösung angesehen. Auf der Rückfahrt wurden wir von drei westlich aussehenden sehr jungen Leuten auf Jeans and others angesprochen. Dann Diskussion bis um 4.00 Uhr, zuerst mit Susanne, Victor und Michael, später ging Susanne schlafen und wir unterhielten uns über die Wesensverschiedenheit der weiblichen Psyche. Und dabei ist der Wodka geflossen ...
- Lenin besucht ... dieses kleine Gesicht, diese Hände und diese riesigen Ideen. - Säule der Revolution: Bakunin, Proudhoun, August Bebel ... - im Puschkin-Museum am Nachmittag, Ausstellung „Moskau-Paris 1900-1930“: Renoir, Antoine Burdel, Korowin, C. Monet, P. Signac, Repin, Sirkow/Surikow, Picasso („Drei Frauen“, „Ambroise Vollart“), Gabor Nesterow, Wodkin, Brubel (u.a. „Siren“), P. Buar (Tryptichon), Popowa, Altmann, Archipenko, Matischin, Albert Marquet, Kees van Dongen, Raoul Dufy, H. Rousseau, Malevich, H. Matisse („Drei Schwestern“), George Braque (Geiger, Fenster), Fernand Leger, Chagall, Kandinsky („Der See“, „Komposition Nr. 6“, „Komposition Nr. 7“), Modigliani („Totott“), L. Survogel, Bunuels „Ein andalusischer Hund“, Sonja Delenay, Jean Cocteau ... - Chagalls „Die Muse“ (1917/18) sehr beeindruckend. In blau-grau gehalten. Muse, die versucht zu schreiben, ihr fällt offenbar nichts ein ... Trennung ... Muse hat ihren Fuß schon ins Graue gesteckt ... ob sie aber kommt ... oder selbst traurig geht, bleibt vage. - unglaublich visionär (und macht mich traurig): Wladimir Tatlins „Denkmal für die III. Internationale“ von 1919

Wolgograd
Verflucht seien die Stunden ... Fotoapparate klicken: „Für unsere Heimat“ – das Lachen über einen Witz. Zwischen den Trümmern in einen verkohlten Balken eingehauen: „Nach Berlin“. Dazu wie ein Singsang die Erklärungen der Reiseleiterin.
In der steinernen Brust – ein Loch. Wie paßt das zusammen? Steinerne Gesichter, steinerne Herzen, in Stein eingehauen – Lenin, steinerne Tropfen rauher Bitterkeit – es regnet, und auch ich verloren. Totenköpfe: „Alles für die Front. Alles für den Sieg!“ Totenköpfe, lebende Köpfe und „Wir sind Touristen und machen keine Politik“. Alles ist verständlich – auch das eigenmächtige Besteigen der Treppe: 200 Stufen.
„Ja, wir bezahlten mit dem Tod und es wird wenig von uns zurückbleiben, aber jeder hat seine patriotische Pflicht gegenüber dem Vaterland getan.“ Der Schrei erstarrt in der Luft, bleibt auf den Lippen – nein, es hallt (wider) über diese Stadt: Stalingrad. Oder auch der Wind.
- Verzeiht mir. Was ist? Warum klopft es so laut? Meine Ohren dröhnen. Was ist. Warum ist eine so große Stille? Mir platzt der Schädel. Was ist? Warum spricht der Wind? Mein Körper bebt. Die Toten klopfen und ich muß laufen. Die Toten schweigen und ich muß laufen. Der Wind nimmt das Klopfen und das Schweigen mit sich fort und ich muß laufen. Verpasse mich selbst. Als würde eine Hand den Himmel festhalten und das Schwert der Toten ihn durchbohren Schwert ihn durchbohren. So regnet es Blut, so, nein, es stinkt. Wir laufen zum Bus. Es regnet Blut. Wir laufen zum blauen Bus. Die Toten klopfen in ihren Särgen. Laut, laut, laut. Das Souvenirgeschäft hat viel anzubieten. Zwischen anderem auch grammweise Bewußtsein. Das wird zum Hindernis. Der blaue Bus muß warten. Als wir dann doch ankommen, gibt es keine Fenster mehr – nur noch schwarze, blinde Augen. Sie schauen mich an. Was kann ich denn dafür? Was? Was? Was?

Mamajew Hügel
Wolgafahrt und Verteidigungsmuseum und Wasserkraftwerk / Sohn von Ikarus war Komsomolze und kam im Kampf gegen die Faschisten ums Leben. In Stalingrad.

10.9.81, Athen
Hab vor ein paar Tagen „Philoktet“ von Sophokles gesehen und ein Konzert mit John Mc Laughlin, Al di Meola, Paco di Lucia auf dem Lycabettus-Hügel besucht. Die Majakowski-Poeme gelesen.

3.3.82, Leipzig
Bin gerade mit der Ritsos-Übersetzung fertig: 336 Monochorde. Einer davon: „Eine gute Maske für schwierige Zeiten, der Mythos.“ Jetzt beginnt die Feinarbeit ...
Über Uwe lernte ich auch Udo kennen, einen angehenden, abgefahrenen Philosophen. Ich liebe diese Voyeure des Geistes, diese hirngeborenen Praktiker. Alles durcheinander in ihren Köpfen: Existenzialismus, Kommunismus, Neukantianismus, die freie Liebe, der junge Marx, die DDR, Max Weber, Sehnsucht nach irgendwas, vielleicht nach Freiheit.

25.10.82, Leipzig
Heute früh Verteidigung von Uwes Doktorarbeit. Dr. S., sein Mentor, versteht die Ausmaße seiner Arbeit nicht. Viele Dozenten sind geduckte Geister. Anschließend mit Uwe und Stefan essen gegangen und Wein getrunken. Unterhielten uns über die Kulturkonferenz der FDJ, die gerade in Leipzig stattgefunden hat. Spürbare Reaktionen überall. Allgemeine Unruhe und kritische Distanz, viel Unbehagen und Protest in studentischen Kreisen. Aber auch bei einigen Professoren großes Unverständnis. Man kann nicht Heiner Müller und Volker Braun auf diese plumpe Art kritisieren. Öffentlich anprangern. Und das im Namen von Brecht! Im Namen der „Jugend“! Mein Gott, wie bescheuert und dumm muß man sein. Und dabei reichen die Kritiker den Kritisierten nicht mal bis zum Knie ...
Es heißt immer: Keine einfache Zeit. Wirtschaftliche, moralische, außenpolitische Krisen machen Verhärtungen wohl „notwendig“: „Jahre werden kommen, gelb im Flor ... und das Blut der Jugend wird schuldlos altern.“ Denn, obwohl man Brecht zitiert, will man ihn nicht „verstehen“: Man schuf eben KEINE „dialektischen Institutionen, die veränderlich sind“. Alles Worthülsen. Heuchelei.

28.10.82, Leipzig
Die letzten zwei Tage mit Uwe in meiner Wohnung gearbeitet: Rede (für morgen auf der Philosophischen Arbeitstagung) „Drei Modellfälle zum Zusammenhang von Literatur und Philosophie. Skizzierung eines Problemfeldes“ ausgearbeitet. Ich liebe meinen Schopenhauer.
Dabei viel in Lukacs’ Vorwort zur „Eigenart des Ästhetischen“ gelesen. Da steht: „Denn die genaue Analyse der Tatsachen wird hier besonders deutlich zeigen, daß die gedankliche Bewußtheit über das im Gebiet des Ästhetischen praktisch Geleistete immer hinter diesem zurückgeblieben ist.“
Heute 45 Minuten-Unterhaltung mit Prof. Werner über Ritsos-Projekte. Trank mit B. einen Gin-Tonic und verknallte mich in sie. Was wird Uwe dazu sagen?
Sah mir anschließend im Casino-Kino Faßbinders „Katzelmacher“ von 1969 an.
Lese nachts weiter bei Lukacs: „Es kommt dabei natürlich auf die Entwicklung der objektiven ästhetischen Tatsachen an, nicht darauf, was ihre Vollstrecker über ihr eigenes Tun gedacht haben. Gerade in der künstlerischen Praxis ist die Divergenz zwischen Tat und Bewußtsein über sie besonders groß.“ Auch sehr interessante Darlegung seiner verwendeten Methode („der Bestimmungen im Gegensatz zu der der Definitionen“). Hinweis auf Lob von Max Weber sehr bezeichnend. Werde morgen Uwe frage, was er davon hält.

30.10.82, Dresden
Mit Gisela, Peter und H. Lappe in der Versöhnungskirche gewesen zur Gedenkfeier für Korczak. Jalda hat gesungen. Walther Petri, Jürgen Rennert und Stephan Hermlin haben gelesen. Sprach länger mit Petri und Rennert. Sagte dann noch Hermlin, daß ich ihn angerufen hatte – wegen Ritsos. Sein Kommentar: „Ja, ich habe Ritsos vor Jahren kennengelernt.“

5.1.83, abends, Leipzig
Heute in Berlin gewesen bei Prof. Heise: er ist damit einverstanden, mich zu betreuen – im Falle einer Promotion in Berlin. Gestern bei Mine und Janni, Privatier war auch da und auch Achim kam und gab mir den Ritsos-Film-Vorschlag.
Gestern begann Prof. Schumann sein Seminar mit einem Glückwunsch an den Ritsos-Übersetzer Kutulas. Er hatte die „Monochorde“ in „Sinn u. Form“ gelesen.

28.1.83, Leipzig
Gestern Georg-Lukacs-Vortrag, gehalten im Oberseminar von Prof. Claus Träger. Er lobte mich … unterschwellig, nun ja. Für mich war es ein echtes Erlebnis. Träger meinte dann, dass das Thema anders hätte gar nicht gepackt werden können und besser auch nicht, derweil es etwas ist, was uns nicht mehr unmittelbar betrifft. Zur Orientierung könne man noch die „Theorie des Romans“ lesen, jedoch ist es sehr zähes Zeug und äußerst abstrakt. Heute müsse man viel konkreter, anhand von Literatur, sich mit ästhetischen Problemen auseinandersetzen. Ich hätte mich davon betroffen gefühlt, das ganze ernst genommen und es so historisiert und vollkommen verstanden. Heute könne man damit nicht viel anfangen. Und im Grunde, da erinnerte ich mich an Uwe G., zehren die ganzen Leute von Schiller, Goethe und Hegel. Alles, was später kommt, ist ohnehin nur Modifizierung.

28.3.83, Leipzig
Eine sehr aufschlußreiche Lektüre, jetzt, da ich mich mit dem absurden Theater beschäftige, ist Hans Rudolf Picards „Wie absurd ist das absurde Theater?“ Darin der sehr prägnante Satz: „Für Camus entsteht das Absurde aus der Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, und der Welt, die vernunftwidrig schweigt. Der vitale Anspruch der Vernunft auf Sinn wird von einer Welt verhöhnt, die keinen erkennbaren Sinn von sich aus preisgibt.“
Die Absurdität sei früher eine Bedingung für religiöse Gewißheit gewesen, in der heutigen Zeit sei sie jedoch „Ausdruck religiöser Ungewißheit“. Das bezieht sich sicherlich auf einen meiner Lieblingssätze: „verum est, quia absurdum est“, den Kirchenvater Tertullian im 4. Jahrhundert tatsächlich gebraucht hat, um die christliche Religion zu charakterisieren: „Sie ist wahr, weil sie absurd ist“.
Für Camus bedeutsam: das „Entbehren“, die Qualität des Entbehrens, „ja sogar die Erfahrung, daß uns die Stillung eines angeborenen Bedürfnisses nach Sinn willkürlich vorenthalten wird.“
- so beruhen die Theaterstücke z.B. von Camus und Sartre auf einer Philosophie der Absurdität, sind aber nicht „absurd“ - Theorien von Beckett und Ionesco sprechen nicht über Absurdität, sondern stellen sie dar (in zahlreichen Fällen durch die Vernichtung die Kohärenz der Sprache, ohne aber die Kohärenz der Handlung in Frage zu stellen) „Das Absurde dieses Theaters ist die Darstellung der Inkohärenz der wahrgenommenen Welt und hängt ursächlich mit archetypischen Situationen der menschlichen Existenz zusammen, wie Angst, Einsamkeit, Todesfurcht und Bewußtsein der metaphysischen Leere.“ - Die Subjektivität ist „hinüber“ ... - Den Figuren fehlt ihre subjektive Wahrheit... - Ein solches Als-ob des Tuns ist nun aber die Ursituation des kindlichen Spiels... Die Folge dieser Analyse: keine Kommunikation mehr, Sprachwillkür nicht erst bei der Kommunikation zwischen zwei oder mehr Personen, sondern bereits in der Rede ein und derselben Person.
Dann kommen auch etwas selbstverliebte Aussagen wie z.B.: Die „Absurdität“ der Wirklichkeit lebe folglich aus der Illusion sich selbst genügenden Innenraums.
Oder: „Die Beziehung zum Publikum ist auch im absurden Theater nicht absurd, sondern ist als eine ästhetische Aussage anzusehen, die über das intendierte Objekt – eine fiktive absurde Wirklichkeit – neue Bedingungen stiftet.“ Es ist schön, ein Theoretiker des Absurden zu sein.
Auch das nicht schlecht: „Das absurde Theater bringt die formalen Strukturen des Theaters zum Sprechen, auch da, wo es die Sprache der diskursiven Bedeutungsvermittlung beraubt hat.“ Das Publikum ist also:
- betroffen ernst (Beckett-Stücke) oder - amüsiert (Ionescou-Stücke) Die „formale“ Komik sei keine, die ein befreiendes Lachen auslöst. Es ist eine Komik der Schwebe, eine Art Verwirklichung von ästhetischer Ironie.
1) eine sogenannte literarische Makrostruktur (kohärente Handlung) wird als nicht mehr leistungsfähig in Bezug auf die zu vermittelnde Wirklichkeit empfunden und deshalb als irreführend zurückgewiesen
2) deshalb seien nur noch Mikrostrukturen möglich: psychische Vorgänge, intersubjektive Verhältnisse etc.
- die Zeit wird als stillstehend empfunden - Versuch: experimentell menschliches Verhalten zu gestalten - der schrittweise Abbau der Bühnenillusion ist hier das Instrument des schrittweisen Aufbaus einer intensiven Bewußtheit in der Lebenswelt (sehr konsequent: Peter Handtkes „Publikumsbeschimpfungen“) - absurdes Theater erweist sich als eine ästhetische Antwort auf eine religiöse Aporie „ludo ut absurdum non sit“ – „Spielen, damit das Absurde nicht allmächtig wird“ (Ionescos „Rhinozeros“) - absurdes Theater: Anspruch, (als ästhetisches Gebilde) als positive Handlung, als Revolte gegen die Sinnlosigkeit, vernommen zu werden - absurdes Theater: autonome Kunst (für Ionesco ist sie „Forschung“), die nur feststellen und experimentieren will

2.6.83, Leipzig
Im Nationaltheater Weimar mit B. die Schweriner „Faust“-Inszenierung (Faust I und II) gesehen. Am Tag darauf „Reineke Fuchs“ von Goethe im Elzhoftheater zu Gotha von Eberhard Esche vorgetragen – phantastisch! Das war Freitag. Am Sonnabend besuchten wir den Park in Weimar, wo auch das Shakespeare-Denkmal (Prof. Träger verweist immer darauf) und Goethes Sommerhaus, das wir besichtigten, stehen. Auch das Römische Haus von Karl August: darin Zeugnisse von Goethes Beschäftigung mit Gartenbaukunst und ähnlichem. Ein Schriftstück „Über den Dilettantismus“, 1799 zusammen mit Schiller geschrieben; bezogen auf Gartenanlagen. Siehe auch die langen Passagen in den „Wahlverwandtschaften“ zu diesem Thema: als Ausdruck der gegenseitigen Abhängigkeit von Mensch und Natur (und Entsagung?).
Abends die Abschluß-Gala in der Weimarhalle mit üppigem Essen und Tanz. An einem Tisch gesessen mit Familie Klingenburg, Prof. Mieth und Dr. Oehlers. Es war recht lustig. Gestern Schriftstellerkongreß eröffnet. Als ich am Montag Fries anrief, meinte er: „Das werden drei sehr sehr langweilige Tage!“ Er lud mich nach Berlin ein zum Mittagessen und später zum Film und zur Diskussion. Als ich am bei ihm in Petershagen ankam, empfing er mich mit griechischen Rebetiko-Liedern. Wir tranken reichlich Whisky.

9.7.83, Leipzig
Am 4.7. hatte ich bei Dr. Weber Sprachwissenschafts-Prüfung: machte eine glatte 4. Nun ja, kein Kommentar. Ein Desaster. Gestern las ich „Das Gemälde“ von D. Granin aus. Letzte Woche, in Vorbereitung auf die Literaturwissenschaftsprüfung, führte ich mir eine Reihe von Büchern erneut zu Gemüte: „Die Geliebte der Morgenröte“ (3 Erzählungen) und „König Ödipus“ von Franz Fühmann, „Tod in Venedig“ von Thomas Mann, „Stechlin“ von Fontane, Lessings „Miss Sara Sampson“, Drostes „Die Judenbrücke“, Grillparzers „Der arme Spielmann“, Hauffs „Das kalte Herz“, E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“, Novalis’ „Hymnen an die Nacht“, Hoffmannsthals „Eine Reitergeschichte“ .

27.10.83, Leipzig
Am Montag zog ich bei Uwe ein. Dann tranken wir Whisky. Ziemlich viel, glaube ich. Nabil war kurz da. Seit vorgestern übersetzte ich zehn Seiten vom Tonband: das Ritsos-Interview für „Sinn u. Form“. Las in den letzten Tagen alles mögliche von Euripides: „Die Troerinnen“, „Helena“, „Elektra“, „Iphigenie auf Tauris“. Doziere stundenlang über meine „Entdeckungen“ – Uwe hört geduldig zu und macht seine weisen Bemerkungen. Überflog heute wieder Ritsos’ Roman „Was für eigenartige Dinge“. Eine Fundgrube!
Von Uwe entdeckt, für mich aufgeschrieben: „Das Reich der Vernunft ist das Reich der Freiheit und keine Knechtschaft ist schimpflicher, als die man auf diesem heiligen Boden erleidet. Aber viele, die sich ohne innere Befugnis darauf niederlassen, beweisen, daß sie nicht freigeboren, bloß freigelassen sind.“ Friedrich Schiller, 13. Juli 1793

19.1.1984, Leipzig
Traf heute Quang, der gerade die “Mondscheinsonate” ins Vietnamesische übersetzt. Konfuses Gespräch über die volksfront-poetische Potenz in Ritsos’ Iphigenie-Gestalt. Und: Was interessierte Goethe an Iphigienie? Die Bewahrung, Erhaltung, Ausstrahlung einer elementaren Humanität in einer sie bedrohenden (und damit die Humanität an sich bedrohenden) Umwelt. In solch einer Lage sah sich wohl auch Goethe selbst befangen, zumindest dürfte er das aus der italienischen Distanz so reflektiert haben. Man braucht nur die Tagebücher und Briefe von Anfang 1779 zu lesen. Tasso ist der andere direktere Verweis auf das existenzielle (geistige) Problem eines humanistischen Künstlertums, das die politische Emanzipation als menschliche postulieren muß ... Ausdruck dieses poetischen Konzepts ist Fürstenerziehung einerseits und Hinwendung zum Volk andererseits. Die Seele eines Menschen zu berühren und den Humanismus in ihm zu stärken, unabhängig davon, ob er Bauer oder Fürst ist, Linker oder Faschist. Iphigenie als Symbol dafür, den Humanismus in einer inhumanen Welt bewahren und behaupten zu können! Das ist wohl schon bei Euripides angelegt. Also “Iphigenie” nicht als Problem der UTOPIE, sondern als reales “politisches” Problem des Dichters.

23.5.1984, Dresden
Vorgestern in Leipzig Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ritsos, den Eri begleitet. In seiner kurzen Ansprache machte er auf einen merkwürdigen Zufall aufmerksam: “Die Leipziger Universität wurde 1409 gegründet, und ich wurde 1909 geboren, also genau 500 Jahre später. Sie feierten in diesem Jahr das 575jährige Bestehen Ihrer Universität und ich meinen 75. Geburtstag. Ich bin in gewisser Weise ein Altersgenosse Ihrer Universität, nur 500 Jahre jünger. Rechnet man mir die griechische Tradition zugute, aus der ich komme, bin ich natürlich ein paar Tausend Jahre älter. Auf jeden Fall bin ich stolz darauf, Ehrendoktor einer Universität zu sein, an der ein Lessing, ein Leibniz und ein großer, ein sehr großer Autor, nämlich Goethe, studiert haben. Und auch weil mein Freund Pablo Neruda den Titel eines Ehrendoktors hier erhalten hat.”

24.5.1984, Dresden

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
Du bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû mmost auch immêr darinne sîn.

Good bye, Germanistik-Studium. Was bleibt, ist das Mittelalter in unserer Seele.

Nachtrag

9.4.1987, Leipzig

Der deutsche Geist Gerhart Hauptmanns in Hellas, dessen “finstre Wahnswelt” im Stück “Iphigenie in Delphi”. Vielleicht ist die dunkle Seite der Welt gemeint, die Voraussetzung, die Grundlage für unsere. Und bei Hauptmann wieder der Endpunkt der Geschichte. Wieder angekommen in den “kannibalischen” dunklen Jahrhunderten, lange vor Christus. Die noch nicht – durch den griechischen Logos – “geoffenbarten Antinomien”, wie Ritsos es im Gespräch mit uns formuliert hatte. Und Hauptmanns Iphigenie wählt den Freitod in Delfi, denn sonst hätte die finstre Welt, die sie repräsentierte, weiter bestanden. Hauptmann läuft ein Jahr nach Beendigung der Arbeit an dem Stück durchs zerbombte Dresden.

© Asteris Kutulas