Gerhart Hauptmann, Blut & Boden

I

Apollo macht aus dem zerstückelten Dionysos wieder einen ganzen, europäisierte ihn, den Asiaten, erlöst in von seiner Zerrissenheit. Und Pythia – Dionysos, dem Gott des Rausches untertan –, die, in Ekstase versetzt, die ganze Wahrheit sprach, zensiert von sieben Männern, Priestern des Apollo, die sie umhüllten mit apollinischem Kunst-Schein. Die Götter beanspruchten seit jeher die GANZE WAHRHEIT für sich. Das apollinisch-optimistische Grundprinzip wird siegen, als Leuchtreklame am Tempel der Athener, herabscheinend auf die Pilger und Touristen; die „Flucht vor der Wahrheit, um sie aus der Ferne, in Wolken gehüllt anbeten zu können“ – wie Nietzsche schreibt – als anerkannte Staatsdoktrin. So abgedrängt, rächt sich Dionysos beizeiten, es gleicht einem Spiel der Dialektik, diese Wendung nach zwei Seiten; dem geistigen Rationalismus antwortet der totale Irrationalismus, die totale Hingabe an das TIER IN UNS, der TOTALE KRIEG. Was nützt es, wenn Euripides in seinem letzten Stück, den „Bacchen“, den Vorhang aufreißt und den Blick freigibt auf die Kehrseite von Apollon: auf Dionysos, den Gott der Negation und Zerstörung? Was nützt es, wenn Goethe in seiner Iphigenie von der Gefahr einer wiederauferstehenden Parzenwelt warnt. Die selbstsichere technokratische Gesellschaft, zu sehr mit sich beschäftigt, achtet nicht auf solche „Feinheiten“. Darum der selbstverschuldete Zustand der Barbarei, plötzlich, von keinem gewollt; immer wieder stehen wir verständnislos vor dem so akkurat verdrängten und „gnadenlosen“ Bild:

„Nacht rauscht empor aus der kastalischen Schlucht der Phädriaden: schwarze Wasser ahnen
der Engverwandten gnadenlose Nähe,
der Nächtlich-Schönen, die den Tod regiert.
Wir sind nicht mehr: wir brauchen sie, die Götter,
doch sie nicht uns. Was sie verhängen, sind
grausame Martern, denen sie mit Lust
zuschauen: Martern über Mensch und Tier.“

Gerhart Hauptmanns delfisches Deutschland 1940. Die rebarbarisierte, in die vorapollinische Zeit zurückversetzte Iphigenie in Delphi. Ausgebrochen die unter dem Omphalon begrabenen chthonischen Kräfte der Dunkelheit, aus den Fugen geraten das Gleichgewicht in uns zwischen Acheron und Olymp, zwischen Apollo, dem Gott des Maßes, der Harmonie, des Lichts, und Dionysos, dem Prinzip der Hybris, des Rausches, der Ekstase. „Wir sind nicht mehr.“ Die Raserei der Unvernunft.

Auch das ist hinreichend bekannt. In Griechenland, wo nach Seferis selbst Dionysos ein Gekreuzigter ist, setzte sich der gefühlskalte Hyppolitos-Typ durch, treu ergeben der keuschen Göttin Artemis, der streng-jungfräulichen Schwester des Apollo, gefeit vor den dionysischen Anfechtungen der ihn liebenden Phädra. Diese schaut ihm vergeblich von ihrem Tempel aus zu und zersticht mit ihrer Haarnadel weiterhin aus ungestillter Liebeslust die Blätter eines Myrtenbaums. „Apollo herrscht und lebt!“, lautet der Wahlspruch des modernen Hyppolitos, obwohl er von Schopenhauer wissen müsste, dass Glück nur nach der Erfahrung von Leid und Unglück möglich ist. Wer herrscht heute auf dem Olymp? Welche Götter? In Athen jedenfalls: BIC-STRUMPFHOSEN in knalligem Gelb-Schwarz, früher OUZO 12, weiß-blau, die Nationalfarben für den griechischen Anisschnaps, prangten von großen Werbeplakaten über den Dächern der Stadt und versperrten die Sicht auf die Akropolis, wenn man mit dem Auto vom Flughafen ins Stadtzentrum fuhr. Nicht von Slogans einer gottlosen Welt verdeckt, aber dafür sehr verblasst der Spruch in Delfi: ... Erkenne Dich Selbst ... Als hätten wir eine kopernikanische Wende wieder dringend nötig. Oder die ebenso verblasste Erinnerung an jenen Philosophieprofessor in Jena, der den Hörsaal abdunkeln ließ und seine Studenten aufforderte, in sich zu gehen, um das eigene Ich zu ergründen – ein erster Schritt für die spätere Welt-Schau.

II

Ich lese Hauptmann.
Wort um Wort. Satz um Satz treibt das Schicksal erbarmungslos sein Spiel. Marionettenartige Bewegungen der Protagonisten, die alles andere, nur keine Agonisten, keine Kämpfer sind. Wieder auferstanden, die totgeglaubte Welt des Parzenliedes. „Aus Schlünden der Tiefe dampft ihnen, den Göttern, der Atem erstickter Titanen, gleich Opfergerüchen, ein leichtes Gewölk“ – viel schlimmer nur, entstellte Fratze, die sich Goethe nicht vorstellen konnte. Und dann fällt sogleich das Wort: „Barbarentum“, Barbaren, Nicht-Griechen, Nicht-Menschen im antiken und bürgerlichen Verständnis. Hellas, für Renaissance, Klassik, Romantik der Inbegriff für Humanität, Inbegriff irrationaler Raserei nun, moderne Deutung.

„Gewöhne dich: Wahnsinn herrscht! Sein fürchterlicher Herd – ganz Hellas; darauf verbrennt zu Asche, was Griechen dem Unflat der Barbarenwelt enthob. In ihren Blutsumpf kopflings er sich stürzt.“

Hauptmann schreibt seine „Iphigenie in Aulis“. Die Zeit und der Ort sind bestimmt, Variationen des Wortes „Wahnsinn“ in zahllosen Varianten und Adaptionen:

Gewöhne dich: Wahnsinn herrscht
Erscheine/ Kindraub/ Opfer der Herrscher –
Wahnsinn/ Selbstmordwahn/ Zusehends wächst
im Volk schwarzer Wahn/ Spricht der Wahnsinn,
sag wer bist du/ Dem eigenen Wahnsinn nachgegeben/
Ja, sofern nicht Wahnsinn meine Sinne trübt/
Wahnsinn nahgebracht dem König/ Abgeworfner
Wahn, deinen Puls spür!/ Ich verstand nicht, was du sagtest, es klang mir oft nach Wahnsinn./
Du trugst den Wahnsinn heim ins Haus!
verderblich frißt die schlimme Seuche um sich/
dumpf – der Fremde/ von Angst und Wut betäubt/
verworrend drohend stand, entstellt von Wahnsinn/
in wildem Wahnsinn heult er nach dem Tod

Hauptmann, der 1940, während des Lesens der Italienischen Reise von Goethe in einem Programmheft des Deutschen Theaters, zum Atridenstoff fand, schreibt seine „Iphigenie“. Die weißen, sauberen Wände eines Irrenhauses. Unzählige Gestalten, die sich im Kreis bewegen. Ich will nicht über Hauptmann schreiben. Vielleicht über die Nazis und die Juden, ein in sich unstimmiges Bild. Höchstens Modell. Iphigenie, die Tochter des Völkerhirten Agamemnon, wie er genannt wird, muß in Aulis geopfert werden, weil ihr Vater eine Hinde der Göttin Artemis in deren heiligem Hain mit einem Pfeil getötet hat. Die erzürnte Göttin versagt, mittels einer völligen Windstille, den griechischen Schiffen die Ausfahrt nach Troja. Sengende Hitze. Artemis fordert, behauptet der Priester Kalchas, Agamemnons liebste Tochter Iphigenie, auch Iphianassa genannt. Vor Durst verrecken die Soldaten. Nur eine Möglichkeit – ich weiß, eine willkürliche, rationale Interpretation – sie bei der Stange zu halten: ein Menschenopfer, ein – „altverruchter, heut verfluchter Brauch“, wie es im Stück heißt: sie in religiöse Ekstase versetzen, damit sie nicht den eigentlichen Verursacher ihres Elends erkennen: die Machtlüsternheit ihrer Führer. Agamemnon, im ersten Moment von den Worten des Sehers Kalchas überzeugt, läßt seine Frau Klytämnestra zusammen mit Iphigenie von Argos nach Aulis kommen, um diese angeblich mit Achill zu vermählen. In der Nacht, da die beiden erwartet werden, setzt das Stück ein. Es behandelt die Geschichte der Opferung, das Schwanken Agamemnons, nicht zwischen Vaterherz und Gemeinwohl wie bei Aischylos, sondern zwischen der Gefahr, den eigenen Machtanspruch einzubüßen und einem Verbrechen an der leiblichen Tochter, sich selbst für immer an den Krieg verlierend. Ein Drama über die Manipulation der Massenpsyche, ihrer primitiven Regungen. Die Tötung Iphigeniens, von allen gefordert und schließlich durchgesetzt, der Wille aller, sie zu morden – psychologische Kriegsvorbereitung, alle blutbesudelt, geistig vorbereitet für das große Schlachten. Die Kristallnacht von Aulis.
„Damit aber lautet die Frage einer Wiedergewinnung deutscher Macht nicht etwa: Wie fabrizieren wir Waffen?, sondern: Wie erzeugen wir den Geist, der ein Volk befähigt, Waffen zu tragen? Wenn dieser Geist ein Volk beherrscht, findet der Wille tausend Wege, von denen jeder bei einer Waffe endet. Daß durch die Regierung bei kluger und dauernder Anwendung einem Volk selbst der Himmel als Hölle weisgemacht werden kann und umgekehrt das elendste Leben als Paradies, ist klar,“ – Hitlers Sätze, monströse Konzeption, die Früchte trug. Bei Hauptmann kann man nachlesen, entrückt ins taurische Paradies, wie sie schmecken.

Bemerkenswert – Hauptmanns Lesart der Goethischen Iphigenie, Goethes aufklärerisches Postulat einer „ganz unbefleckten Seele“. Die Hauptmannsche Iphigenie wird ganz im Gegensatz zur Goethischen selbst barbarisch, selbst barbarisch, Symbolfigur einer Mörderin, völlig hingegeben ihrem „grausig-göttlichen Beruf“, „bewußtlos in Tauris Griechen mordend“. Ihre Bestimmung: Symbolfigur sein eines „sinnlos blinden Rachefeldzugs“, irrationalistische Leitfigur. – „Ich soll als Opfer sterben auf dem Altar ... Ich wußte nicht bisher, was Wahrheit ist! Allmächtig hat sie sich in mich hinabgesenkt ... Solche Wahrheit fühlen, heißt sterben oder aber auferstehn aus Menschenenge jauchzend in die Gottheit!“ Ihre Worte, ähnlich denen des todgeweihten jungen Freiwilligen der SS, der, als Hauptmann das schreibt, im Kessel von Stalingrad Durchhalteparolen drischt. Dort, genauso wie im Aulis der Insel Hiddensee, herrschte „finstre Wahnsinnswelt“. Während Hauptmann noch an der „Iphigenie“ schreibt, hallen durch sein Rundfunkgerät die Worte Agamemnons:

„Glaubt ihr mit dem Führer und mit uns an den endgültigen und totalen Sieg des deutschen Volkes? Seid ihr entschlossen, dem Führer in der Erkämpfung des Sieges durch dick und dünn und unter Aufnahme auch der schwersten persönlichen Belastungen zu folgen? Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?“

Und wie ein ferner Widerhall antworten die Stimmen der Soldaten in Aulis: „Auf! In die Schiffe! Auf nach Troja! – Setzt alle Segel! Laßt die Ruderbänke sich biegen unterm Ruderschlag der Fäuste! Auf in den Kampf! Auf in das Schlachtgewühl! Die Anker lichten! – Ilion ist unser!“ – „Führer befiehl, wir folgen!“

Hauptmann vollzieht in seinem Stück den Rückfall von Aufklärung in Mythologie, den Adorno und Horkheimer zur gleichen Zeit in einer fernen amerikanischen Stadt beschrieben. Ob das bewußt geschehen sei, wurde er 1945 gefragt, diese unheimliche Zeitnähe seiner Gedanken. Nein, sagte er, und wenn sie so deutlich in Erscheinung träte, so leugne er nicht die Möglichkeit hierzu, aber er sei sich ihrer nicht bewußt geworden. Das wird sicher so gewesen sein. Sein „Parzenlied“ jedenfalls ist eine bewußte Antwort auf sein klassisches Vorbild. 1943 herrschen nun einmal die von Goethe als Gefahr beschworenen alten Götter:

Die Erde hat gebebt. Der Menschen Städte
erzittern, fürchten ihren Untergang.
Was für die Ewigkeit gemauert schien,
zerbröckelt knisternd, knirscht und wankt im Grund.
Die Sterne werfen sich aus ihren Bahnen,
die Erde fiebert und der Mensch mit ihr.
Die Götter kommen wiederum zum Ansehn,
die man im Wohlergehen fast vergaß:
sie zeigen drohend sich allüberall
dem Menschenvolk, das nun voll jähen Schrecks
allüberall auf seine Götter stößt.
Vertrocknet und zersprungen glüht die Erde.
Der Würger Hunger mordet Mensch und Tier,
die Pest, wie eine Wölfin, neben ihm.
Es wird der Mensch sogar des Menschen Wolf
und stillt mit seinesgleichen seinen Hunger.
Vertrocknet sind die Quellen: statt des Wassers
hütet der Stromgott brennendes Gestein.
Was ist der Aufruhr anders denn im Heer
als todesangstgenährte Raserei?
Damit man gierig Speise wiederum
einschlingen könne, eifert jeder Mann,
den Göttern – die man für gefräßig hält
und denkbar – in Verzweiflung Weib und Kind
auf blutigen Altären hinzuschlachten.

Zwar wissen die handlungsunfähigen Handelnden im Stück noch zu fragen, wie Achill: „Wer lebt, dem nicht vor Menschenopfern graust?“ Aber alle sind von einem Wahn befallen: Sie kennen sich nicht mehr. „Ich weiß nicht, wer ich war, noch bin.“ – die stammelnde Iphigenie. „Ich weiß nicht, ob ich bin, noch, ob ich nicht bin“ – der in einen übernatürlichen Trancezustand versetzte Agamemnon. Alle Gewalt über sich verloren, nicht wissend, was sie tun, noch warum, ledig jeder Verantwortung. Agamemnons, des Führers, zynische Worte: „Ich bin ohnmächtiges Spielzeug grauenvoller Götter und Menschen“, und etwas später: „Ich bin von Gott berührt und sein ohnmächtiges Werkzeug.“

Fast 150 Jahre nach Goethes „Iphigenie“ wird der „Brauch vertierter Völker“ wieder eingeführt: das Menschenopfer, denn „Tod ist Wahrheit – Leben nicht.“ Um die Ferne seiner Welt von der Goethes zu bekunden, läßt Hauptmann Iphigenie feststellen: „Von den zwölf Olympiern ist keiner so hoch an Macht: sie stehn in Ohnmacht.“ Hauptmann griff nicht auf die Gestalt der jungfräulichen Schwester des Apoll, sondern auf die der Artemis mit minoischem Ursprung zurück, die in Verbindung stand mit der Großen Mutter Eileithia, aus der Zeit vor der Invasion der archaischen Dynastien. Später erst wurde sie hellenisiert, eingepaßt in die Hierarchie des Olymp – und so für Euripides und Goethe von Bedeutung. Aber Hauptmann fühlte sich bereits 1907, während seiner Griechenland-Reise, auch unter dem Einfluß von Nietzsches Schrift, mehr zu den dionysischen, zu den nicht-apollinischen Elementen der griechischen Mythologie hingezogen. Interessant ist die Eintragung in sein Reise-Tagebuch, wonach er in Griechenland nichts Exotisches, überraschend Fremdartiges, sondern das Bild der Heimat“ gefunden habe.

Zu den dionysischen Wurzeln gehören die matriarchalischen Gottheiten und Erdkulte, die Homer in seinem Werk ignorierte. Die matriarchalisch-mythische Welt. Die Göttin Hekate z.B., Herrscherin über Tauris, in den Quellen oft gleichgesetzt mit Artemis und Iphigenie. Die Verwandschaft Artemis’, Hekates und Iphigeniens mit der Mondgöttin, der Sichelgöttin, also auch der Todesgöttin in prä-logischer Zeit – als für alle weiblichen Gottheiten zutraf: der Mond, der die Regelung der Fortpflanzungsfunktion der Frau anzeigte, der „erste Zeitmesser“ überhaupt.

Noch deutlicher die Beziehung zwischen Artemis, Hekate, Persephone und Selene, die in vielen Überlieferungen nur für verschiedene Phasen des Mondes standen. Und nach Pausanias, dessen Werke Hauptmann sehr gut kannte, verwandelte Artemis die ihr in Aulis als Opfer dargebrachte Iphigenie in die Göttin Hekate. All diese Beziehungen und Verschränkungen aus der vorolympischen Göttertradition hat Hauptmann in seine Adaption einbezogen.

III Die Insel

Dann die Opferung, sie geschieht im letzten Moment vor einer Meuterei der Soldaten, die, in existentielle Not und Verzweiflung geraten, einen kurzen vernünftigen Gedanken haben:
„Die Fürsten sind Verräter allesamt! – Ja, sie belügen und betrügen uns! – Sie löschen ihren Durst mit unserm Schweiß, mit unserm Blut! Was ist unduns Ilion?! – und dies ist Kalchas, ein goldgieriger Wicht, ein Seher, der verborgne Schätze stiehlt und in den Kellern seines Hauses auftürmt! – Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Brot! – Der Pflug soll herrschen, blühen soll der Karst! – Auf, auf zur Heimat! – sind wir Fische! MeinNein! – Wir brauchen fetten Acker, nicht das Meer! – Tod, Tod den Fürsten! – Schlagt die Fürsten tot!“ (351)

Da kommt der Bote mit der Nachricht von der Opferbereitschaft Iphigenies. Die Suggestion ist überwältigend. Die Krieger verfallen in Ekstase. In einer Notiz vom 23.6.1942 schildert Hauptmann den Punkt des Umschlagens in die Massen-Psychose. Sie verdeutlicht die Manipulation:

Lokal Bezügliches: das Volk rast gegen Iphigenie. Man will sie aus Argos holen, man gibt ihr die respektlosesten, ekelhaftesten Namen. Man wird sie backpfeifen, ins Feuer werfen wie eine räudige Hündin. – Iphigenie erscheint. Alles ist perplex. Sie spricht einige zitternde naive Worte: sie ist bereit, den Opferaltar zu besteigen. Es gibt eine kurze Pause, das gleiche Volk, das sie steinigen und zerstückeln wollte, bricht in ein einziges konvulsivisches Weinen aus, rutscht auf den Knien zu ihr, küßt ihr die Hände.

Iphigenie wird nach Tauris entrückt, dort am laufenden Band Griechen zu schlachten. Verständlich, warum eine „Iphigenie auf Tauris“ für Hauptmann unmöglich. Dieser Auslegung widersetzte sich der taurische Mythos prinzipiell: daß Heilung von Blutschuld durch eine ohnmächtige Mörderin möglich sei. Denn auch als Utopie war eine Iphigenie zwischen 1940 und 1945, die durch Reinheit und Humanität Morde zu sühnen vermochte, undenkbar, ja, von der Wirkung der Goethischen Iphigenie, eingedenk ihrer Kraft, die Barbarei der äußeren – taurischen – und inneren Welt – in ihrer und Orests Brust – abzuwehren, ganz zu schweigen. Orest raubt im 1940 geschriebenen Stück „Iphigenie in Delfi“ seine Schwester mit Gewalt und gegen ihren Willen aus Delfi. Durch diese Tat, ausgeführter Befehl, erzwingt er seine Entsühnung. Einer der wichtigsten Momente bei Euripides und Goethe, die Wiedererkennung der Geschwister, entfällt. Bis zum Schluß erfährt Orest nicht, daß die aus Tauris entführte Priesterin seine Schwester Iphigenie ist.

© Asteris Kutulas, 1983