Über Seferis

Eins der letzten Gedichte von Giorgos Seferis, es heißt "Verwitterte Inschrift", besteht aus nur einer Zeile:

... Tote Wörter. Warum habt ihr sie getötet? ...

Die epigrammatische Kürze und der Titel, so kann man vermuten, sollen eine antike Tafel assoziieren, auf der die in pendelischen Marmor gehauenen Buchstaben, archaisch streng, dorisch, kaum noch zu entziffern sind. Oder aber die Orchestra eines Theaters mit dem Ein- und Ausgang des Chores und zwischen den stillen Unendlichkeiten der drei Punkte: ein leises Murmeln. Weiter nichts. Doch meint der Dichter keine Urworte antiker Barbarei, sondern die Parolen der 1968 herrschenden Junta: Griechenland Griechen Christenheit. Wie oft in unserer phantasmagorischen Epoche, wie sie Franz Fühmann nannte, kein Paradoxon frei nach Tertullian: Unter einem eisenstarrenden Himmel und wehenden Transparenten mit der Aufschrift "Griechenland Christlicher Griechen" fahren 1967 in Athen Panzer auf. Und obwohl Seferis zeitlebens jeder öffentlichen Stellungnahme ausgewichen war, wendete er sich im März 1969 mit einer offenen Erklärung gegen das Militärregime: "Zwei Jahre sind bereits vergangen, seitdem uns ein System aufgezwungen wird, das im krassen Gegensatz zu den Idealen steht, für die unsere Welt, für die so aufopferungsvoll auch unser Volk im letzten Weltkrieg gekämpft hat."

Diesen Zwiespalt ist er niemals losgeworden: Die Achtung vor dem "Volk", dessen Kultur ihm als lebendige Quelle für die künstlerische Inspiration gilt und zum andern das Wissen um das manipulatorische, skrupellose Funktionieren der Macht in Griechenland, die er aus nächster Anschauung als Angehöriger des Diplomatischen Korps (1926-1962) kennengelernt hatte. Seine Erfahrung mit der praktischen Politik erzeugt in ihm eine tiefe Abscheu ihr gegenüber – zusammen mit der Illusion, Politik an sich sei, unter der Voraussetzung, man habe als Regierender das richtige Verantwortungsbewußtsein, moralisch unanfechtbar zu praktizieren – und führte zu einer ihn quälenden Resignation und zum Glauben, auch das "Volk" sei korrumpierbar.

Natürlich, Seferis war Empiriker; für ihn sind die weltanschaulichen Ideen, egal ob bürgerliche oder kommunistische, und ihre politischen Vertreter, einzelne Politiker oder Parteien, abgeschlossene ideelle Phänomene, die er nicht nach den sie treibenden wirtschaftlichen oder sozialen Interessen beziehungsweise Kräften hinterfragt. Um es einfach zu sagen: Er hat sicher, wie Thomas Mann, in der geistigen Wirklichkeit die primäre gesehen.

Hinzu kommt seine Einsamkeit. Er, der mit unserem "tyrannisierten und zerstückelten Jahrhundert" in der kleinasiatischen Stadt Smyrna als Sohn eines Rechtsanwalts und Dichters Geborene, der nach Abschluß eines Athener Gymnasiums mit seiner Mutter und seinen beiden andern Geschwistern 1918 dem Vater nach Paris folgt, in der französischen Hauptstadt von 1919 bis 1924 Jura studiert und anschließend London seine Englischkenntnisse verbessert, kehrt 1925 nach Athen zurück und versucht – vergeblich, wie man seinen Tagebüchern entnehmen kann –, Griechenland als geistige Heimat zu finden. Noch 1936 ist Griechenland für ihn "ein Alptraum mit wenigen lichten Augenblicken voller schwerer Sehnsucht. Sehnsucht haben nach deinem Land, da du in deinem Land lebst; es gibt nichts, was bitterer ist".

Solche Sätze kann man immer wieder finden. Dieses Allein-Sein hat ihm schwer zu schaffen gemacht, denn Seferis, der zu allen politischen Parteien ein gebrochenes Verhältnis hat, der schon früh die Fatalität erahnt, die Europa in den zweiten Weltkrieg treibt, dient ab 1926 als Attaché, Pressesprecher und, später, Botschafter diesem Staat, mit dem keine Identifikation möglich, und in einem politischen System, dessen verbrecherische Verantwortungslosigkeit er sarkastisch umschreibt: "Es ist einfacher, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr paßt, als daß ein griechischer Politiker Griechenland begreift". Das notierte er im Dezember 1937, zu einer Zeit, da er bemüht ist, durch die Loslösung der Idee des "Hellenismus" vom realen Hellas, sich einen neuen theoretischen Zugang zu seinem Griechenland zu verschaffen. Und um jedes Mißverständnis von vornherein auszuräumen, erklärt er: "Hellenismus – als Idee der menschlichen Würde und Freiheit, nicht als archäologische Idee."

Doch die politische Realität hatte ihn längst wieder eingeholt: Bereits 1936 war der faschistische General Metaxas durch einen Putsch an die Macht gekommen und beschwor die "Dritte Hellenische Zivilisation", das "Neue Perikleische Zeitalter". Die herrschende Morbidität, ein Wort, das Seferis selbst verwendet, begleitet ihn sein ganzes Leben: 1941 die Zusammenarbeit vieler ehemaliger Regierungsbeamter mit der deutschen Besatzungsmacht, 1944 der organisierte Bürgerkrieg, Mitte der fünfziger Jahre die englische Zypernpolitik, 1967 der Militärputsch der Obristen – und gibt dem bekannten (ironisch gefärbten) Vers von 1937 eine gleichsam prophetische Bedeutung:

Wohin ich auch reise, Griechenland verwundet mich.

Man muß dieses Leiden an Griechenland nicht unbedingt als strukturbestimmend für seine Lyrik annehmen, es übt aber einen großen Einfluß auf sie aus; sein Schreiben erhält einen zunehmend autobiografischen Charakter, bis hin zur Konsequenz, drei seiner Gedichtbände „Logbücher“ zu nennen. Man könnte ihn als einen eigenwilligen Chronisten bezeichnen, der die im Athen der dreißiger Jahre verbreitete Poesie pure ebenso wie die aus dem konsequenten Surrealismus stammende automatische Schreibweise als für seine Zwecke ungeeignet ablehnt, jedoch ihre Errungenschaften systematisch ausbeutet. So drängt authentische Erfahrung immer stärker ins Gedicht, ganz im Gegensatz zu den Produktionen der literarischen Mode-Bewegung des "Kariotakismus", die besonders seit dem Ende der zwanziger Jahre noch einmal voller Weltschmerz und Dekadenz sind.

Die bohrende Suche nach Griechenland, nachzulesen in Seferis' Gedichten und Essays, die für ihn etwas Notwendiges war, ein Orientierungspunkt in einer für ihn undurchschaubaren Welt, führt zu einem Pessimismus, der keinen Augenblick des Nicht-Schmerzes oder – gefühlsmäßig – des Nicht-Verlustes zuläßt. Wir werden in keinem seiner Gedichte den hymnischen Ton eines Palamas, Sikelianos oder Varnalis finden, aber auch nicht Momente einer fast mystischen Entfremdungslosigkeit wie zum Teil in der Lyrik von Giorgos Sarandaris oder die pantheistische Übereinstimmung mit der Natur wie in bestimmten Gedichten Ende der dreißiger Jahre zweier so unterschiedlicher Dichter wie Odysseas Elytis und Jannis Ritsos. Man stößt wohl bei Seferis auf kaum eine Zeile, die seelische Ruhe oder unbedrohte Freude vermittelt – und wenn, dann nur als Ausdruck eines längst entschwundenen Zustands der Kindheit.

Hinter den geschliffenen, gleich Marmorblöcken hingesetzten Worten schon seines ersten Gedichtbandes „Wende“ (1930) verbirgt sich eine selbständige, an Laforgue, Moreas, Verlaine, Poe und Valéry geschulte Stimme, aber eine Stimme, die unverbrauchte Bilder mit den für die sprachliche Intensität wichtigen Möglichkeiten der griechischen poetischen Tradition verbindet (z.B. Kornaros, Solomos, Kalvos). Doch nicht das macht einen Dichter aus, jedenfalls nicht nur das. Eher die Gestaltung, die Verdichtung seiner skeptischen Sicht auf die Welt, an deren Sinnhaftigkeit Seferis seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr glaubt. Und so antwortet er auf die Aufforderung von Paul Valéry, dessen Dichtung einen großen Einfluß auf ihn ausgeübt hatte, den Elfenbeinturm wieder aufzubauen, unmißverständlich: "In einer Epoche, in der sogar die Götter orthodox geworden sind und eine lebendige Blutspur hinterlassen, bin ich sehr neugierig zu erfahren, was wir in diesem Gebäude überhaupt machen sollen." Seferis schlägt vor, dem Elfenbeinturm einen anderen Namen zu geben: den der "Werkstatt" – einer Werkstatt, wo der Dichter anständig seine Arbeit machen könne. Die parnassische Atarxie ebenso wie die schwelgende Sentimentalität haben keinen Platz für den Haß auf die Welt und für die Liebe zu ihr, keinen Platz für die Zerrissenheit und das Fragmentarische der menschlichen Erkenntnis, keinen Platz für eine elementare Kommunikation und Verständigung mit den andern. Um aber diesen mehr stillen Räumen eine gültige poetische Aussage zu entreißen, bedarf es einer riesigen Anstrengung, die Seferis mit "Präzision" umschreibt. Denn unter den Bedingungen des Verfalls der Zivilisation "in einer sehr dunklen, unerträglichen Zeit" scheint dem Dichter die Präsentation des Gedichts als formale oder inhaltliche Totalität, als ein lyrisch intaktes Weltbild, äußerst demagogisch und verantwortungslos zu sein. Die "Werkstatt" wird zur "Poetik" ausgebaut: Seferis arbeitet nicht nur Verse und andere Notizen aus seinen Tagebüchern in entstehende Gedichte mit ein, sondern auch seine Schwierigkeiten mit dem Text selbst; das Metrum wird immer freier und zerfasert, der Reim taugt nur noch in Einzelfällen zur formalen Klammer für die scheinbar oder tatsächlich zusammenhanglosen Momente des zerfließenden, sinnentleerten Lebens.

Seferis – ein kritischer Realist also, dem es stets um die größtmögliche Genauigkeit des Ausdrucks geht, doch nicht um des Ausdrucks willen. Seine Texte charakterisiert – anders als die seines berühmten Zeitgenossen und Freundes T.S. Eliot –, trotz Pessimismus und Resignation, ein idealistischer Glaube an das Gute oder, anders ausgedrückt, ein Moment des Utopischen, das 1963 während der Rede anläßlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur ausformuliert wird: "Wir müssen den Menschen suchen, wo er sich auch befindet." Und genau diese Suche, die Hoffnung, im Menschen (bzw. Leser) vielleicht oder gerade durch die Kunst einen Widerstand gegen alles Unmenschliche (das Nicht-Leben im weitesten Sinn) aufzubauen, ist der Punkt, worauf die Anstrengung des Dichters abzielen soll. Möglicherweise ist das Bild vom – historisch belegten – Kampf der Katzen gegen die Schlangen in dem Gedicht von 1969, unmittelbar nach jener andern "Versswitterten Inschrift" entstanden, eine Metapher für das bürgerliche Ringen eines Mannes, der in seinen Gedichten versucht, das Prinzip des Bösen mit den zwar beschränkten, angeschlagenen, aber ehrlichen Mitteln zu bekämpfen, die ihm zur Verfügung stehen.


Giorgos Seferiadis, der sich später Seferis nannte, wurde am 13. März 1900 in Smyrna geboren, einer kleinasiatischen Stadt, die, größtenteils noch von Griechen bewohnt, zum türkischen Reich gehörte. Sein Vater, Stelios Seferiadis (1873-1951), arbeitete dort als Jurist, nachdem er in Frankreich studiert hatte und Dozent an der Juristischen Fakultät in Paris gewesen war. Nebenher beschäftigte er sich mit Dichtung und übersetzte vor allem Gedichte und Stücke aus dem Altgriechischen und Französischen ins Neugriechische. 1902 wurde Seferis' Schwester Ioanna geboren und 1905 sein Bruder Angelos.

In Smyrnas Vorort Skala, wo die Familie die Sommerferien verbrachte, wuchs Seferis' Leidenschaft für das Meer, das später zum wichtigsten Topos seiner Lyrik wurde. In Seferis’ Erinnerung verband sich Skala – "der einzige Ort, den ich Heimat nennen kann" – mit einer Harmonie, die sich niemals wieder einstellen sollte. Als Seferis 1951, also fast vierzig Jahre später, diese Gegend besuchte, hielt er in seinem Tagebuch fest: "Das Gedächtnis arbeitet mit absoluter Präzision: Ich habe das Gefühl, erst vor einem Jahr hier gewesen zu sein..."

1914, kurz nach Ausbruch des 1.Weltkriegs, zog die Familie nach Athen. Der Ehrgeiz des Vaters, sein Sohn möge in der Schule und im Studium der Erste sein, und der daraus erwachsende Druck überschatteten die nächsten Jahre des jungen Seferis. Die aufflammende Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des Königs, der an einen Sieg der Deutschen glaubte, und den Anhängern des republikanischen Politikers und mehrmaligen Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos, der zur Entente hielt, spaltete die griechische Gesellschaft. Dieser Streit bestimmte die griechische Politik bis Mitte der dreißiger Jahre. Seferis – wie sein Vater Venizelos-Anhänger – war in zunehmendem Maße bestrebt, sich aus dieser Auseinandersetzung herauszuhalten, welche ihm allerdings bereits die Ansätze für seine spätere Theorie von den "politischen Orthodoxien" lieferte, die in vielen Essays durchschimmert: Für eine allein von Rhetorik und Egoismus getragene politische Kultur, die für ihn mehr mit Fanatismus als mit Vernunft zu tun hatte, empfand schon der junge Seferis nur Abscheu. Als 1935 nach einem Putsch von Venizelos-Anhängern die demokratischen Strukturen in Griechenland für Jahrzehnte beschädigt worden waren, wandte er sich endgültig vom "politischen Spiel der Parteien" ab. Aus Seferis’ Ablehnung jeglicher Ideologisierung von Kunst erklärt sich auch seine These: "Die Autonomie der Kunst ist ein Axiom", die ihn aber nicht zum Anhänger der l’art pour l’art-Bewegung macht.

Der Vater, der in Paris als Rechtsanwalt großen Erfolg hatte, holte die Familie 1918 nach. Seferis blieb in der französischen Hauptstadt und studierte bis 1924 an der Sorbonne Jura, während seine Familie 1919 nach Athen zurückkehrte. Sehr bald entdeckte er die Dichtung von Jules Laforgue, den er einen "zehn Jahre älteren Bruder" nannte. In dieser Zeit kam in Paris der Surrealismus auf. Seferis, der diese literarische Entwicklung in Frankreich und in Griechenland – von wo er sich regelmäßig Bücher und Zeitschriften kommen ließ – genau verfolgte, bewunderte die Dichtung Paul Valerys, die von den Surrealisten abgelehnt wurde, stimmte aber nicht mit dessen Theorie der reinen Poesie überein. Seine Skepsis gegenüber der automatischen Schreibweise und der Hegemonie des Unbewußten bewahrte Seferis sich bis in die dreißiger Jahre, als er sich im "Dialog" und im "Monolog über die Dichtung" von der konsequenten Methode auch des griechischen Surrealismus distanzierte. Doch im literarischen Griechenland der zwanziger Jahre, wo uneingeschränkt Kostis Palamas herrschte – der 1931 in einem Brief sein Unverständnis im Hinblick auf Seferis' Dichtung artikulierte –, gab es noch keine avantgardistische Bewegung. Seferis, für den bereits um 1920 feststand, daß er Dichter werden wollte – was für ihn mit Sprach-Arbeit zu tun hatte –, stellte sehr bald desillusioniert fest: "Um sich der Sprache widmen zu können, braucht man Geld". Sein Broterwerb war fortan die Diplomatie.

Dieser Zwiespalt und ein Gefühl tiefer Einsamkeit, das Seferis nie mehr verließ, versetzten ihn in einen derart melancholischen Zustand, dass dieser auch in seinen ersten poetischen Versuchen und in den Briefen, die er in jenen Jahren schrieb, sehr deutlich wahrzunehmen war. In seinen Tagebüchern ist diese Grundstimmung sogar später noch vorherrschend: "Absoluter Punkt: meine Einsamkeit" (8.8.25). Seferis’ Hoffnung, mit Hilfe der Literatur aus "dieser schrecklichen Isolation, dieser Verlassenheit, die Selbstmord in kleinen Raten bedeutet", ausbrechen zu können, erfüllte sich nicht. Er übersetzte John Keats und Theodore de Banville, las Homer, Rimbaud, Apollinaire, Lautréamont, Poe, Verlaine, Barbey d'Aurevilly und Jean Moreas, über den er 1921 seinen ersten Vortrag im Klub griechischer Studenten hielt. Er begann, auf Französisch zu schreiben – wofür er sich in einem Brief selbst verdammte – und war bestrebt, alles, was in seiner Dichtung romantisch angehaucht wirken könnte, auszumerzen, weshalb er Dutzende seiner griechischen Texte vernichtete: Von den Gedichten, die er zwischen 1924 und 1930 geschrieben hatte, nahm er nur siebzehn in seinen ersten Band "Wende" (1931) auf. Seferis beschäftigte sich ausgiebig mit der französischen Literatur – von Racine und Malherbe bis Baudelaire und Proust –, in der er sich immer mehr heimisch fühlte, was ihn in seiner poetischen Entwicklung nachhaltig beeinflußte und ihm später eine besondere Stellung innerhalb der griechischen Dichtung verschaffte. Die europäische Tradition gehörte seitdem in Seferis' Selbstverständnis zum unabdingbaren Erbe eines jeden griechischen Schriftstellers, genauso wie die antike Tradition und wie jene Tradition, die mit den Evangelien begonnen hatte und in die demotische Literatur mündete. Angeregt durch seine Auseinandersetzung mit der französischen Lyrik setzte er sich mit dem Problem der "musikalischen Dichtung" auseinander, entwickelte eine meditative Beziehung zur Musik – vor allem zu Bach, Debussy, Strawinsky, zum späten Beethoven –, aus der er bis in die dreißiger Jahre hinein zeitweise mehr schöpfte als aus der Dichtung. In einem Brief an die Schwester vom 4.1.1921 beschrieb er seine Verfassung wie folgt: "Alles, was ich sehe, wird in mir zu einem Thema, zu einer tragischen Konstellation, die ich ausdrücken möchte. Leider bringe ich nur meine Ideen aufs Papier und wiege sie womöglich in einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt. Mein Schubfach ist zu einem Friedhof geworden... Von früh bis abends denke ich nur an die Kunst, alles andere ist für mich nebensächlich, und trotzdem sind die Resultate nichts, nichts, nichts. Denk dir, wie schön ich schreiben würde, wenn ich ein Dichter wäre".

Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Unterdrückung der Griechen durch den türkischen Staat bedrohliche Ausmaße an, zumal sich immer mehr griechische Gebiete gegen das osmanische Reich auflehnten und nacheinander von ihm abfielen. Der nicht-chauvinistische Gedanke an ein Griechenland, zu dem – wie in der Antike – auch Kleinasien gezählt wurde, wurzelte tief im Denken aller kleinasiatischen Griechen.

Seferis erfuhr im Sommer 1922 von der Kleinasiatischen Katastrophe – einem Ereignis, das, nach eigener Aussage, wie kaum ein anderes seine psychische Struktur und seine Geisteswelt erschüttert und geprägt hat. Die griechische Armee, ausgezogen, um die "Große Idee" zu verwirklichen und Kleinasien wieder nach Griechenland „zu holen“, wurde in der Türkei von den Truppen des Kemal Atatürk vernichtend geschlagen. Der Friedens-Vertrag von Lausanne, 1922 unterzeichnet, zementierte die noch heute gültigen Grenzen zwischen Griechenland und der Türkei und vereinbarte einen Bevölkerungsaustausch, der 1,5 Millionen Griechen zwang, ihre kleinasiatische Heimat zu verlassen und sich in Griechenland niederzulassen (und fast eine Million Türken aus Griechenland in die Türkei überzusiedeln). Für Seferis bedeutete dieses Ereignis den tiefsten Einschnitt in der Jahrtausende alten Geschichte des griechischen Volkes: "Das, was man für gewöhnlich als ‚griechische Diaspora’ bezeichnete und wir das "Genos der Hellenen" nannten, war verschwunden. Zum ersten Mal war das gesamte Griechentum, von einigen Ablegern abgesehen, innerhalb der Grenzen des griechischen Staates konzentriert." Noch 1947 schrieb Seferis, auf dieses Phänomen zurückkommend: "Wir sind uns dieses Ereignisses und seiner Auswirkungen noch immer nicht ganz bewußt".

So begriff Seferis die Kleinasiatische Katastrophe als eine nationale Wunde, die Folgen auch für das schöpferische Denken und das Schreiben zeitigen mußte. Für die Politiker, so meinte er, leite sich ohnehin eine größere Verantwortung ab. Nur aus dieser Überlegung heraus läßt sich Seferis' Einsatz für Zypern in den fünfziger Jahren erklären, als er in seiner Funktion eines Sonderbotschafters maßgeblich an der Lösung des Zypern-Konflikts beteiligt war. Auf Zypern – "wo die Wunder noch funktionieren" – "empfindet man (plötzlich) Griechenland weiter, größer. Das Gefühl, daß es eine Welt gibt, die griechisch spricht; griechisch ist. Die nicht von der Griechischen Regierung abhängt, was dieses Gefühl der Weite überhaupt erst ermöglicht." (6.11.53) Der Zypern gewidmete Gedichtband "Logbuch III" – der zwei der schönsten Gedichte von Seferis enthält: "Helena" und "Gedächtnis II" – und der Briefwechsel mit dem zypriotischen Maler Adamandios Diamandis zeugen vom Stellenwert dieser Insel in Seferis' "Griechenland"-Verständnis.

Auch der als schicksalhaft empfundene 2.Weltkrieg und der diesem folgende griechische Bürgerkrieg – der im Dezember 1944 zwischen der linken Einheitsfrontbewegung EAM und den von englischen Truppen unterstützten profaschistischen Bataillonen offen ausbricht und den Seferis im Exil vorausgesehen hatte – reihten sich für den Dichter ein in seine „tragischen Visionen“, um eine Formulierung von Giorgos Savidis zu gebrauchen. Nach den wiederholten Enttäuschungen im Außenministerium, dem für Seferis schmerzlichen Tod von Venizelos 1935, dem Putsch des Generals Metaxas 1936 und der Erfahrung von der Unfähigkeit der griechischen Regierung, im Verlauf des 2.Weltkriegs Entscheidungen im nationalen Sinne zu treffen, löste der Bürgerkrieg bei ihm eine große persönliche Krise aus. "Griechenland: ein gekreuzigter Körper, den alle tollwütig ans Kreuz nageln", notierte er am 21.12.1944 und am 1.1.1945: "Nichts Schrecklicheres als die letzten zwei Monate". Selbst ein Jahr später verfolgte ihn der Alptraum des Dezember: "Besser sterben, als das noch einmal sehen müssen". (6.12.46)

In dieser "dunklen und mysteriösen Welt" (6.7.42), deren herausragendes Merkmal die sinnlos verstrichene Zeit war, konnte auch die Literatur nicht mehr als totalitäres, in sich abgeschlossenes, ästhetisches System aufgefaßt werden. Seferis versuchte, vielleicht, um sich zur komplexen Realität poetisch in Beziehung setzen zu können, in seinen Gedichten eine "körperliche Haltung", die "Anwesenheit des menschlichen Körpers", wie er es ausdrückte, zu bewahren: "Wenn sie mich einst verurteilen werden, dann wegen meiner Sensualité" – dieser Satz aus den Tagebüchern könnte das Credo seines dichterischen Konzepts der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre sein. Im modernen Ausdruckstanz fand Seferis das verwirklicht, was seiner Meinung nach ein ideales Kunstwerk ausmachen müßte: Bewegung und Bewegtsein. Nach einem Besuch des Balletts "Frühlingsopfer" von Strawinsky, in der kargen und präzisen Choreographie von Vaslav Nijinski, schrieb Seferis 1932 das Gedicht "Nijinski", in dem die Figur des Tänzers mit der des Dichters verschmilzt. Diese Sehnsucht nach einem wirklichen Bewegtsein, poetisch verarbeitet u.a. in den Gedichten "Raven" und "König von Asine", beherrschte ihn bis zu seinem Tod. Doch auch in seinem letzten Gedichtband "Drei geheime Gedichte" (1966) blieb diese Sehnsucht ungestillt – blieb Sehnsucht:

Du mußt diesem Schlaf entkommen;
dieser gepeinigten Haut.

In diesem Sinne sind Seferis' Gedichte und Texte, die er seit Anfang der zwanziger Jahre bis zu seinem Tod schrieb, als "work in progress" zu sehen, Variationen zu einem Thema, das als Konstante seines Schaffens verstanden werden kann: zum Thema der Verantwortung des Dichters, die sich in dessen Verantwortung gegenüber der Sprache zeigt. Die Konzentration auf die Sprache, bei Seferis wegen der äußeren Umstände und seiner psychischen Befindlichkeit vor allem Anfang der zwanziger Jahre zwingend notwendig, führte zu einer neuen poetischen Ausdrucksweise und befähigte die neugriechische Lyrik – wenn man an so unterschiedliche Dichter wie Ritsos, Elytis und Gatsos denkt – neue Sachverhalte auf originäre Weise zu verarbeiten. Nicht zuletzt profitierten auch oder gerade die Nachkriegsautoren (wie z.B. Takis Sinopulos, Manolis Anagnostakis und Nasos Vagenas) mit ihrer desillusionierten Weltsicht von der Präzision einer anti-rhetorischen Sprache, in der ein jedes Wort seiner Gewichtigkeit zwischen den anderen Wörtern gerecht werden muss – was vor Kavafis und Seferis nicht der Fall war.

© Asteris Kutulas


Mit Seferis, dem Literatur-Nobelpreisträger von 1963, habe ich mich relativ spät beschäftigt, seine Texte jedoch sehr gemocht, vor allem seine Essays und seinen wunderbaren Roman „Sechs Nächte auf der Akropolis". Hier die Ausbeute dieser „Zusammenarbeit" in Buchform:

  • Giorgos Seferis. Poesiealbum, Auswahl von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris Kutulas und Steffen Mensching, Verlag Neues Leben, Berlin 1988

  • Giorgos Seferis. Alles voller Götter. Essays, Herausgegeben, übersetzt, mit Nachwort, Anmerkungen und Register von Asteris Kutulas; Reclam-Verlag, Leipzig 1989 Dieses Buch ist ein Jahr später als Lizenzausgabe bei Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M. 1990) erschienen.

  • Giorgos Seferis. "Drossel". Mit Original-Illustrationen von Gottfried Bräunling, Herausgegeben und übertragen von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1990

  • Giorgos Seferis, Sechs Nächte auf der Akropolis, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übersetzt von Asteris und Ina Kutulas; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1995