Guten Morgen Deutschland, süße Heimat

Gala Breton schreit um Hilfe und ich bin zur Stelle
Zersplitterte Gedanken einer Westmuschi & eines Süßwassergriechen im Einheitsjahr 1990

Gala: Erstaunliche Statistiken über das Rammel- und Knutschverhalten eastandwestwärts tauchten in den Monaten seit dem Fall der Mauer immer wieder auf, verfaßt von staatlich bezahlten Voyeuren, die ein fasziniertes Interesse am Sexualverhalten von Ost- und Westbürgern an den Tag legten und wie Preisrichter bei Sportveranstaltungen ihre Bewertungen abgaben. Kopulationstechniken mikroskopisch ausgewertet - wie öde. Seitdem Schmetterlinge und Bienen ausgedient haben, muß das Mensch unters Messer. Um eines Tages das Guinnessbuch der Rekorde sowie etablierte Sexualforscher zu befriedigen, würden dann absurde Rekorde wie z.B. der der Orgasmusfähigkeit eines ost-west-deutschen Paares im Freien, bei Nowosibirsk, bei Außentemperaturen von 30 Grad Minus aufgestellt werden. Könnte man das zur Not auch in einem kalifornischen Labor simulieren? Wird es länger dauern, wenn die Frau im Zuge der Emanzipation auf dem Manne sitzend herumreiten darf? Wohl etwas zu weit vorgegriffen, aktualitätsbezogener ist wahrlich die Frage, wie viele Kindlein am 3.10.90 gezeugt wurden. Unverhältnismäßig viele mehr als beim letzten Black Out in New York City?

Asteris: Sie dachte, was er will. Und sagte, beruhig dich. Die andern sind nicht mehr da, du kannst wieder aufstehn, dich waschen, deine Zigarette rauchen, deine Angst ablegen. Diese Maske, dachte sie. Und flüsterte, oder schlaf einfach. Du mußt nichts tun. Keiner wartet mehr auf dich. In seinem Gehirn überschlugen sich Bilder, er tastete unentwegt den leeren Raum ab, schrie, Erbarmen! Habt Erbarmen mit uns! Mit uns?, fragte sie, schaute ihn an, stand auf, sich gegen seinen Wahn zu wehren, irgendwie. Er aber starrte nur, verstand ihre Frage nicht. Das ist so, erklärte er, sie schüttelte damals die Furcht ab und schritt langsam durchs Wohnzimmer, das sie schon seit Jahrhunderten umgab. Er versuchte vergeblich, diese Assoziation zu verdrängen, es riß ihn tiefer und tiefer in den Sumpf.

Gala: Für mich hat sich das Verhältnis der Geschlechter im Puff am klarsten offenbart. An diesem heimeligen Ort, wo man Fleisch gegen bare Münze eintauschen kann, wo Männerherzen beim Kontaktieren mit Sexpertinnen jeglicher Couleur höher schlagen. Heaven on Earth, na ja, fast ... In hierarchisch durchgestylten Gesellschaftssystemen erhöht man sich, indem man Feindbilder erschafft und, je nach Usus, vor die kurzsichtigen Äuglein hält. Auf der Beliebtheitsskala rangieren bei uns ganz oben die drei "P's": der Polizist, die Prostituierte und der Penner (als Neutrum). Die ewigen Nigger, der stete Abschaum, praktische Fußabstreicher. Links, rechts oder politische Mitte, da ist doch für jeden etwas dabei: Greifen Sie nur zu! Das ganze Jahr über Sonderangebote ... Im Puff jedenfalls sind es keine ungewohnten Klänge, wenn ganz offensichtlich: "Du Stück Scheiße, ich Herrenmensch!" durchschimmert. Durch simple Geldscheine wird legalisiert, wenn der Meister die Sau rausläßt und der Frau endlich zeigen kann, wo's langgeht! Da es den Männern meist an Phantasie mangelt, geht’s zwar nicht weit, aber doch tief genug, auf den berüchtigt schlammigen Grund der Urvotze, da, wo Frau (nur) noch Votze sein darf, wo Mann allen Unrat, Frust, Scheiß, Anspannung, Druck, Ärger, Haß abladen darf. Ein großes, allseits bereites Klo-Becken. Einmal an der Strippe ziehn, der Nächste, bitte!

Asteris: Sie legte ihren noch warmen Kopf auf den marmornen Sockel, ich bin nicht Maria!, klang es dann aus ihrer Kehle, nein, nur ich, ich allein trieb mich und ihn, aus mir heraus. In mich hinein will ich gehen! Das Flüstern sprang ihr von den Lippen, drang ihm langsam ins Fleisch, ließ langsam steif werden seinen Penis, die zuerst langsame Bewegung, der rhythmische Flügelschlag des Vogels, sie, in dieser Stellung, vor ihm, onanierend. Ihr Kitzler schwoll an, pulsierte in rhythmischen Stößen. Er sah nur zu, hilflos, alleingelassen. Weiter hinten, am blauen Horizont, oder war es nur der dunkle Hintergrund, das Bild von einem Bild, sah sie ein leises Zittern. Es erzeugte in ihr das Gefühl, die Kulissen der Insel, der außerhalb ihrer eigenen Insel eingeschlossenen, würden sich auftun und alle Wahnsinnigen herauskommen, die Verkrüppelten, Besessenen, Erwachenden, Lethargischen, Eunuchen, kurz, alle Gekreuzigten und zum Schluß auch Er. Doch Er sah schön aus, das lange blonde Haar fiel Ihm auf die Schultern, die schlanken Hände hingen ein wenig traurig an Ihm herab. Sie waren einsam, hatten noch keinen andern Körper begriffen, kannten kaum die Umrisse des eigenen Körpers, kannten sich selbst noch nicht. Die gefleckte Natter hat mich gebissen, sagte Er, ich bedankte mich und gab ihr zurück das Gift. Ich will heraus aus meiner Wüste, überall nur heißer Sand, und die Wüste überall, überall seltsame Erscheinungen, sie jagen mir nach, quälen mich, stoßen mich in ein grelles Nichts, in dem ich geblendet umhertappe und versuche, herauszukommen aus dieser Dunkelheit, plötzlich ein schwarzer Lichtstrahl am Horizont...

Gala: Am Horizont zeigte sich plötzlich Frischfleisch und reihte sich willig in den munteren Reigen. Süße Sächsinnen, traute Thüringerinnen, Leipziger Lolitas, Magdeburger Mägdeleins und Brandenburger Busenwunder. Professionelle Aids-Verhütung wurde bis dato von den DDR-Medien nur spärlich angegangen, und so nimmt es nicht wunder, daß sich die meisten Importe blanko anboten. Angebote, die abgewichste Westfreier nur allzu gern an sich rissen, bot es doch Möglichkeit, in unwissendes, quasi jungfräuliches Fleisch zu dringen. Daß die Valutaladies ganz unprofessionell die Preise drückten, machte sie doppelt begehrenswert.

Asteris: Obwohl sie ihn haßte wegen seines ekelhaften Aussehens, seiner gewöhnlichen Art, seines langweiligen, von anderen im Voraus festgelegten Schicksals, obwohl sie ihn sofort getötet hätte, wäre der Befehl erteilt worden, wußte sie nichts von ihm, kannte nicht ihren Feind, er war ihr gänzlich unbekannt, unerkannt hätte er sich ihr nähern können, sie hätte sich womöglich in ihn verliebt, hätte sich ihm hingegeben, ihm ihre Schenkel geöffnet, aber nein, das wäre unmöglich gewesen, ihre Insel und seine Wüste waren zu weit voneinander entfernt. Übergangslos ... durch perfekte Grenzen geschieden, allen Normalen der Zugang versperrt, nur wenigen der Übertritt gelingend, und der mit Verlusten verbunden, mit Schmerzen. Bist du ein Zuhälter, was bist du?, schrie sie ihn an.

Gala: Die Zuhälter hätte ich beinah vergessen, diese letzten Bastionen verlorengeglaubter Männlichkeit! Bis sich die Dinge institutionalisieren, werden die profittragenden Claims, die Goldgräbermuschigebiete Ost wie West mit Sicherheit von der herrschenden Unterschicht geographisch aufgeteilt und abgesteckt worden sein. Warten wir also mit Amüsement innerhalb des Milieus auf Verbrüderungsszenen hüben wie drüben. Wenn ostdeutsche Luden westdesignt ans Licht der Öffentlichkeit treten, können wir davon ausgehen, daß sich gesamtdeutsche Einigung auch im Untergrund vollziehen wird. Spätestens dann wird gemeinsam gegen den naheliegenden Feind – jenseits der Oder – Stellung bezogen, der uns seine „Heerscharen rassiger Polenbräute samt Anhang schon seit Jahren auf den Hals schickt“. Sie sind einfach nicht beliebt, diese slawischen Heuschrecken. Verbrennt sie!, skandieren einige wieder...

Asteris: Auf der Straße vor dem großen Haus beobachtete ich einen Mann, der einen kleinen Kanister aufschraubte und sich mit Benzin übergoß. Die Passanten erstarrten, einige glotzten auch neugierig, vielleicht aus Lust oder Angst oder aus einer Mischung dieser beiden Gefühle, warteten ab. Der Mann stellte den Bezinkanister wieder neben den Stuhl, dunkelbraun und verziert mit seltsamen Schnitzereien aus der Jugendstilzeit. Nackte romantische Frauen hatte ich schon oft gesehen. Warum also diese Konzentration in solch einem Augenblick auf diesen Stuhl, da ich niemals zuvor (und danach auch nicht) auf so etwas geachtet. Der Mann, offensichtlich verrückt, trotz seiner klaren blauen Augen, nahm aus der Westentasche eine Schachtel, zündete mit ruhiger Hand ein Streichholz an, rief mit sonorer Stimme das unbegreifliche Wort: Nostalgia! und führte das brennende Streichholz an seine Jacke. Das zischte und erlosch. In diesem Moment herrschte völliges Schweigen. Er sprach langsam und deutlich: Ein Mann wird kommen und mit ihm die Hoffnung ... Amen! schrien die anderen. Amen! Amen! Ich dachte an eine Filmszene, fühlte mich bedrängt von der schamlosen Menschenmasse, verloren im Osten.

Gala: Während Polen ausblutet, raffen sie hier noch, fassen ab, und das mit einer Vehemenz, die uns zarten Westlern fremd ist. Vielleicht ein Maskeradespiel des Schreckens, vergleichsweise harmlos gegen die Dimensionen innerdeutschen Horrors, die uns noch ereilen werden, wenn der Aussiedlertraum zu einem Trauma wird. Zwanzigköpfige Familien mit wenig Hab und Gut aus Rußland, Rumänien und anderswo kamen in den Wunderwesten und wurden wie ALLE der harten Mark unterworfen. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo diese Leute aus ihren Ghettos kriechen, die Jugendliche ihre Familienbibeln weit hinter sich werfen und Fun haben wollen, ohne sich jahrelang in triste Schlangen auf dem Arbeitsamt einzureihen, werden sie schlichtweg mit ihren Traditionen brechen. Wird es zu solch ergreifenden Szenen kommen, daß ein ehemaliges Banater Schwabenmädel in Stöckelschuhe steigt und etwas unbeholfen auf den Strich wackelt? Vorgeschichten finanzieller Not sind meist ganz simpel gestrickt. Ihr Mann wurde wahrscheinlich arbeitslos, bis dahin wurden mindestens drei Kredite aufgenommen, nun, die zwei Kinder und die Oma hinterm Kachelofen wollen auch noch ernährt werden usw. usf. Vorprogrammierbare Tragödien, aber danach fragt man nicht, es heißt, die Zähne zusammenbeißen in einer Gesellschaft, die langsam aber sicherlich von einem Zwei-Drittel-System in ein Drei-Viertel-System kippt.

Asteris: Besser unpolitisch, besser interesselos, sonst ginge gar nichts mehr. Um mich herum das wahre Chaos, entrollte Fahnen, hupende Autos, maskierte Terroristen, die wild ihr Idol umtanzten oder ihre Religion oder nur ihren Chef. Was weiß ich, hörte ich jemanden rufen. Die Gruppe, in die ich eingekeilt war, wurde von fröhlichen Helikoptern umkreist. Überall computergesteuerte Riech-, Tast- und Sehsonden, fahlgesichtige Frauen, die schwarze Tücher und Schürzen trugen und uns mit ihren spitzen Fingernägeln bedrohten. Ich floh, rannte in die Leere des Bahnhofs, auf die verlassenen Bahnsteige. Seltsame Stille. An den roten Mauern zerfetzte, herabhängende Plakate. Ein Bettler im schwarzen Anzug, sind denn alle wahnsinnig geworden, fragte ich mich, fuhr sich mit rauer Zunge über die Lippen. Nichts weiter. Nur noch eine Fliege im grauen Licht und eine alte Zeitung, vom Wind hin- und her geschoben. Beim Hinausgehen sah ich wieder den Mann mit dem Bezinkanister auf dem großen Platz. Vor ihm eine andere schweigende Menschenmenge. Afrikanische Buschmänner in Lendenschürzen mit gewaltigen Blasrohren in den Händen und dunkelhäutige Geschäftsleute mit dunklen Sonnenbrillen und karierten Krawatten. Du kannst dir vorstellen, daß ich schnellstens nach Hause wollte, diesem bunten Treiben der Werbeindustrie irgendwie entkommen. Aber sag selbst, ist das noch ein Leben? Und wo bleibt die Ehrfurcht vor den Toten? In was für Zeiten wir geraten sind.

Gala: Vielleicht erklingt eines Tages ein trauriger Wiener Walzer im Vierviertel-Takt zum Niedergang eines ausblutenden, sterbenden Europa, aber ... Zurück zu uns. Wir Deutschen erfuhren nicht die Gnade des Vergessens, wozu auch, wir erfuhre die Gnade des Erinnerns! Wenn deutsche Blut- und Bodenromantik wieder aufersteht, wenn auf Ackerschollen rotwangige Maiden mit schweren Ährengarben in durchtrainierten Armen, gülden schwerbezopft, lächelnd und so furchtbar fruchtbar schreiten, werden die geschmacksverwöhnten Gaumen unserer Männer leise schnalzen. "Endlich ein richtig deutsches Weib!", werden sie jubeln, während kleine Schlesiermäuse dazu artig nicken. Guten Morgen, Deutschland, Süße Heimat.

© Gala Breton & Asteris Kutulas