Dedicated to Federico

Blieb stehen bücken den Stein
aufheben bestäubt von den Jahrhunderten
schien mir So also sieht aus sagte Stimme
ich meine Stein der Antike Ein Stein ja
erwiderte der andre Fachmann Archäologie
Museumskunde Berliner Institut hierher geschickt
neue Ausgrabungsfunde erforschen Er musste
es wissen Er zündete sich eine Zigarette an Blies
genüsslichen den Rauch mir ins Gesicht Solche Steine
fortfahrend finden Sie auch in Berlin Zweifellos
antwortete ich nur sind die nicht aus der Antike
Sie suchen also auch (der Kristalltag legte
sich um mich) nach ihr Lachte er Doch bitte
verschonen Sie mich Ich kann... (vor mir der Junge
mit dem weißen Sonnenhut) nicht ausstehen Was das
damit zu tun hat fragte ich mühsam den Anstieg
erklimmend die Verdräng... (was war das nur wonach ich
suche was nur warum) macht die Katastrophe wie
einer der Ihren schreibt Ich sag immer brabbelte er
fort man soll sich einer Frau oder einem Psychiater
hingeben Kommen Sie mir nicht damit – damit damit
damit tschilpte es in meinem Gehirn rin rin und
dachte wegen Büchner bestimmt nicht ich weiß
auch nicht warum ÜBERALL IST WESTBERLIN (vielleicht
der Mauerinschrift wegen in Charlottenburg
neben der Kneipe türkisch kein Platz frei du völlig
grundlos gingst mit mir nach Hause zeigen dass Bier
auch anders schmeckt die Farbe Rot deiner Lippen
grün aussieht du im Bett die Beste bist Mist
denn es klappte nicht ich kannte eine die es mir
besser besorgte obwohl ich einsam nicht überall
Westberlin ist diese durchlässig undurchlässige
Klospülung auch Astronomen Männer sind obwohl ich
doch ein Astronaut was soll's wahrscheinlich
ging's gar nicht um mich sondern um Leo im Garten von
Petershagen)

© Asteris Kutulas

Federico war für mich eine wichtige Bezugsperson in den achtziger Jahren, ich fühlte mich ihm sehr verbunden, sein Haus in Petershagen mit dem schönen Garten war mir stets ein intellektueller Hort und eine Art geistige Herberge. Sicherlich spielte es eine Rolle, dass uns eine mittelmeerische Gesinnung verband, immerhin hatte Federico eine hispanische Herkunft. Ich lernte bei ihm einige sehr interessante und aufregende Leute kennen, bewunderte stets seine große, schöne Bibliothek und verbrachte tolle Stunden in seinem verwilderten Garten. Ende der achtziger Jahre trennten sich unsere Wege. Sie führten uns nach Oobliadooh.
A.K.


Folgende kleine Rezension zu einem Büchlein von Fries schrieb ich während meines Germanistikstudiums in Leipzig Anfang der achtziger Jahre:

Geschichten für Gebildete

Fritz Rudolf Fries „Alle meine Hotel-Leben“, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1980

„Tatsächlich ist die Rekonstruktion einer Reise der eigentlich amüsante Teil einer Reise“, lesen wir und hoffen, daß uns keine „Konstruktionen“ vorgeführt werden, sondern erlebte Eindrücke und spannende Erfahrungen. Doch die Hoffnung, so nützlich sie auch wäre, darf nicht Maßstab werden, will man nicht die schon vertrackten Beziehungen zwischen Autor, Werk und Rezensenten noch mehr verwirren. Also lesen wir ohne Hoffnung (Erwartung bzw. Voreingenommenheit?) die fünfzehn Reisegeschichten; lassen uns in acht Länder geleiten, in drei Städte der DDR, wobei Leipzig durch die zweifache Beachtung von Fritz Rudolf Fries in den Mittelpunkt rückt, begegnen dem kubanischen Dichter Nicollás Guillén, erleben, wie Fries selbst in der DDR seine Heimat findet. Letzteres nicht nur durch die Darstellung seiner „Rückfahrt“ – die Überschrift der vierten Geschichte – aus dem Westen zum „Ausgangspunkt“ zurück, nein, die nationale Problematik der inneren prozeßhaften Heimatfindung, als solche literarisch in Anna Seghers „Überfahrt“ bewußt gemacht, zieht sich durch das ganze Buch, ist das interessant Erscheinende eines Inhalts, der sich dem Reisen (vor allem ins Ausland) widmet. In diesem Spannungsverhältnis wird Gesinnung von Fries deutlich, doch nicht nur Gesinnung, sondern auch Bewußtheit und Sensibilität gegenüber der Umwelt: ob nun der Autor mit der S-Bahn fährt – „ein Zug, ohne den Berlin eine Mystifikation wäre“ – und hier bemerkt, daß jeder jeden in Berlin kennt, vor allem kennen sich die, die weiter als Lichtenberg fahren, wo „die Luft besser, der Regen nasser“ sei, oder ob er in Brügge, wohin man kommt, „wenn man Rodenbach gelesen hat, um den Tod oder die Liebe zu finden“, versucht, diesen holländischen Schriftsteller einer amerikanischen Studentin zu erklären. Durch dieses ständige Sich-in-Beziehung-Setzen erfährt der Leser viel Interessantes über den Autor selbst. Eine Tatsache, die dem Buch in großem Maße Leben verleiht und es lesenswert macht.
Natürlich werden auch Land und vor allem Leute vorgestellt und dies in einer ausgefeilten, präzisen Sprache mit klugen und amüsanten Charakterisierungen. So gerät die „Madame mit ihren Gelüsten später Mädchen“ bei der Unterhaltung mit dem Autor über Albanien genauso ins ironische Kreuzfeuer wie – in dem slowakischen Kurort Piest’any – sein kurzweiliger Mitbewohner Willi S., der seinen Kofferinhalt „zu einem Stilleben des Wohlstands“ ausbreitete, gegen den Fries immer wieder in spöttischen Wendungen polemisiert.
Oft wird der berichtende Ton, wobei die Formen des Erzählens mehrfach wechseln, durch Reflexion unterbrochen. So muß man darüber nachdenken, ob „die Ehe eine Gesinnungsfrage ist“, wie Fries auf einer „gut organisierten Reise nach Polen“ behauptet und sich wehren (oder auch nicht), wenn er in einer spanischen Transvestitenbar von Barcelona die „Liebe“ nach einer Ent-Täuschung als eine „erotische Illusion“ charakterisiert.
Schopenhauer schrieb einst in einem Brief „Sehen und Erfahren ist so nützlich als alles Lesen und Lernen“, was Fries im vorliegenden Buch beherzigt und verbindet, jedoch (womit wir wieder beim anfänglichen Hoffen angelangt sind) überwiegt, ja dominiert das vom Autor Er-Lesene, Gewusste, so daß die Welt trotz ihres Willens sehr schwierig zur Vorstellung der Friesischen Aussagen gelangt – der berühmte Berg der Wissenschaft. Er mag es selbst gemerkt haben, denn er warnt – „am Anfang war das Wort, aber der Sinn kam später“, und nicht von alleine möchte man dazusetzen. Lexika bzw. gediegenes literarisch-künstlerisches Wissen sind notwendig. Ein kleiner Rezipientenkreis wird an dem Buch außerordentlichen Gefallen finden, für die Mehrzahl der Mitglieder unserer Literaturgesellschaft jedoch wird der Genuß höchstens „deprimierend“ sein.

© Asteris Kutulas, Leipzig 1982