Im Dialog über einen „Dialog“

Gespräch mit Elli Alexiou über Jannis Ritsos, 1983

Kutulas: Frau Alexiou, was hat Sie und Ritsos zusammengeführt?

Alexiou: Unsere Lebensumstände waren ähnlich, weil wir gleichen gesellschaftlichen Idealen anhingen. Schon sehr jung lernten wir uns kennen, ohne eine gewöhnliche zwischenmenschliche Beziehung zu haben, sondern eine aufgrund gleicher gesellschaftlicher Ideale. Wir veröffentlichten unsere ersten Bücher bei einem linken Verleger, beide noch unbekannt und schüchtern. Aber wir beide wußten, daß wir zwei verwandte Seelen sind.

Kutulas: Wann sind Sie sich zum ersten Mal begegnet?

Alexiou: Es war wohl 1936, 1937 ... beim Govostis Verlag, der gerade mein drittes Buch, "Menschen", herausbrachte. Ritsos hatte, wie alle, kaum Geld und arbeitete deshalb im Verlag als Lektor. Aber Govostis, obwohl kein Literat, hatte damals schon Ritsos’ Bedeutung erkannt, stellte ihn an und veröffentlichte von da an auch seine Bücher.

Kutulas: Wie war Ritsos damals?

Alexiou: Immer ein guter Mensch! Immer höflich, immer stolz, bedacht in seiner Wortwahl, so wie auch heute noch, ein großartiger Freund; aber nicht nur ein Freund der Kunst, sondern ein geborener Künstler. Zur Kunst ist er nicht gekommen, sondern er trug sie schon immer in sich.

Kutulas: In einem Essay schreiben Sie, daß Dostojewski, Belojannis und Ritsos die für Sie bedeutendsten Persönlichkeiten sind ...

Alexiou: Ja. Und sie haben Gemeinsamkeiten. Denke ich an einen von ihnen, gesellt sich bald der andere dazu. Denke ich an Dostojewski, wird Ritsos in mir lebendig. Denn im Grunde haben beide progressive Gedanken, sind bereit, sie mitzuteilen, nach ihnen zu handeln, sie zu leben. Ohne an Gefahren zu denken. Auch Dostojewski, der arme, ist gerade noch im letzten Moment gerettet worden. Sie hatten ihm bereits den Strick um den Hals gelegt, um ihn zu hängen. Und im letzten Augenblick – ich glaube, das war eine List der Herrschenden – kamen Reiter herangesprengt, vom Zaren geschickt, mit seiner Begnadigung. Und diese Begnadigung rettete Dostojewski vor dem Strang. Ich betrachte ihn immer als einen Menschen, der bereits des Todes war. Die Begnadigung sagt nichts aus, denn die Agonie hatte er bereits durchlebt. Dasselbe Ritsos. Sicher, er sollte nicht gehängt werden. Doch sind vierzig Jahre Leben voller Gefahren und Verbote nicht gleich dem Tod durch Erhängen? Das psychische „Erhängen“ ist ein permanentes Sterben und ein qualvolles. Dagegen ist eine Hinrichtung die Erlösung von solcherart Leben, ein guter Tod.

Kutulas: Ich las den Text, den Ritsos 1978 über Sie geschrieben hat.

Alexiou: Ja, als wir zusammen wohnten, kam die Zeit der großen Gefahren, einer der schwierigsten Lebensabschnitte. Ich nahm Ritsos zu mir, in mein Haus in Kalithea, das den Behörden damals nicht so bekannt war; das war während der schwarzen Tage, die der Befreiung von 1944 folgten, einer Zeit, die man den Großen Dezember genannt hat – ich nenne ihn den Tragischen Dezember. Denn zu wissen, daß dein Leben täglich von den Fremden bedroht wird, und dann, während du diese Freude angesichts der Befreiung von der deutschen Okkupation empfindest, daß du dann erleben mußt, dass dein Leben von den eigenen Leuten, den Griechen, bedroht wird, das ist so bedrückend kaum auszuhalten. Also in den Tagen, da uns Gefahr von den Griechen drohte, wohnten Ritsos und ich zusammen in meinem Haus, wo wir natürlich ärmlich lebten, was Essen und Komfort betraf. Und immer der Gefahr gegenwärtig, daß es an der Tür klopfen und man nicht wissen konnte, ob es ein Spitzel war ... Das waren tragische Tage.

Kutulas: Erinnern Sie sich an bestimmte Begebenheiten aus jener Zeit?

Alexiou: Das, was ich gern erzähle und auch in meinem Artikel schrieb, ist, daß andere Menschen, die ich damals traf, in ständiger Angst lebten. Bei Ritsos war das anders – ich weiß natürlich nicht, was in ihm vorging –; jedenfalls sah ich ihn immer schreiben. Wenn es an der Tür klopfte, schraken alle zusammen, nur Ritsos nicht, er hob nicht mal den Bleistift vom Block, in den er gerade schrieb. Dieses mutige Den-Gefahren-Begegnen lernte ich bei Ritsos sehr lieben, und darum sehe ich ihn in Gemeinschaft von Dostojewski und Belojannis.

Kutulas: Sie erzählten vorhin über die Dezemberereignisse von 1944. Wann trafen Sie Ritsos wieder, unter welchen Umständen?

Alexiou: Nach den Dezemberereignissen ging ich fort, nach Frankreich, wo ich ein Stipendium vom französischen Staat erhielt, und so trennten sich unsere Wege. Ich traf Ritsos Anfang der sechziger Jahre wieder, als er nach Bukarest zu Besuch kam, wo ich damals zeitweilig lebte. Wir hatten leider keine Zeit für eine intensivere Begegnung, denn Ritsos reiste mit einer Schriftsteller-Delegation an, und diese Gruppe ging überall geschlossen hin. Doch auch da erkannte man Ritsos’ besonderen Charakter. Denn es waren noch andere dabei, nicht so angenehme Menschen. Der Romancier Mirivilis beispielsweise: Trotz seines Bemühens, nicht aufzufallen, suchte er im Grunde immer nach etwas, was er an Rumänien kritisieren konnte. Terzakis äußerte sich nicht, war stumm, aus einem anderen Grund, aus Feigheit. Loudemis war ein charakterschwacher Mann. Er hatte immer Angst, etwas könnte seiner Persönlichkeit Abbruch tun oder daß wir ihm nicht die ihm gebührende Achtung entgegenbrächten oder daß er vielleicht nicht den ihm gebührenden Platz bekäme – das waren für andere menschliche Schwächen, ich fand es sehr abstoßend.

Kutulas: Und wie verhielt sich Ritsos in dieser Gruppe?

Alexiou: Ritsos war völlig unangestrengt, folgte der Gruppe. Wenn die Besten in seiner Gesellschaft sein wollten, dann weil sie ihn liebten, nicht weil er ihnen nachjagte. Loudemis dagegen lief allen möglichen Leuten hinterher. Er wollte neben einer berühmten Persönlichkeit sitzen, in der ersten Reihe im Theater, und wenn ihm nicht ein besonderer Platz reserviert wurde, beschwerte er sich. Also auch da nahm man Ritsos’ besonderen Charakter wahr. An solchen Tagen, wo er sich in eine Gruppe einfügen mußte und sich nicht hätte hervortun können durch seinen Habitus, seine Worte, seine Art. Selbst da wurde sein besonderer Charakter offenbar.

Kutulas: Sie kehrten 1962 nach Griechenland zurück.

Alexiou: Als ich aus Rumänien zurückkehrte, nach dem Tod meiner Schwester, begegnete ich Ritsos natürlich überall. Wir hatten da allerdings niemals sehr engen Kontakt. Was uns verband, waren geistige Freundschaft und gegenseitige Achtung. Andererseits trennte uns der Altersunterschied; ich bin viel älter als Ritsos, und die Freundeskreise entwickelten sich entsprechend. Unsere Beziehung war nichts Erzwungenes. Es war eine Freundschaft, die aus einer ehrlichen gegenseitigen Achtung und Liebe entsprang, wo es nicht darum ging, daß sich einer von uns hervortun wollte. Auch nicht darum, sich durchzusetzen. So, wie die Tauben zusammen in der Gruppe umherlaufen, so waren auch wir zusammen, wie geboren für denselben Freundeskreis.

Kutulas: Welche Werke von Ritsos gefallen Ihnen besonders?

Alexiou: In vielen seiner Werke findet man Gedanken und Formulierungen, die ich für einzigartig halte, woraus ich schlußfolgere, daß ein Dichter nicht viel schreiben muß, um als bedeutend eingestuft zu werden. In vielen Gedichten von Ritsos lese ich Wendungen, auf die nur ein großer Dichter kommt. Zum Beispiel die Stelle, wo er sagt, daß die Toten die Glocken der Auferstehung läuten werden. Das ist sowohl als Intuition als auch als Bild wahr und großartig. Darauf kann nicht jeder kommen. Du mußt in dir die Fähigkeit haben, dich inspirieren zu lassen. Von all seinen Werken habe ich die "Mondscheinsonate" am liebsten.

Kutulas: Eine wunderschöne Gedichtkomposition über eine nicht-erwiderte Liebe.

Alexiou: Ich erinnere mich noch, wie ich sie zum ersten Mal hörte. Ich war bei jemandem zu Gast und wurde gefragt, ob ich etwas von Ritsos hören wolle. „Wir haben eine neue Platte, wo er selbst liest.“ Noch bevor ich die Platte zuende gehört hatte, fühlte ich, daß ich mich in „gefährlicher“ innerer Unruhe befand. „Gefährlich“ in psychischer und physischer Hinsicht. Obwohl ich in jenem Hause fremd war und zum ersten Mal zu Gast, stand ich auf, lief wie in Trance im Salon hin und her und schrie. Ohne zu überlegen, wo ich war, weswegen ich da war, rief ich immer wieder: „Du bist der Größte, du bist der Größte.“ Heute sage ich mir, die Leute müssen gedacht haben, ich sei durchgedreht, denn das alles kam für sie völlig überraschend - daß ich hin und her lief und so rumschrie: „Du bist der Größte!“ Ich glaubte tatsächlich daran: daß man sehr stark sein muß, um so ein Werk schreiben zu können. Es ist ein Dialog, ohne Dialog zu sein. Es ist eine passive Liebeserwiderung, ohne Liebeserwiderung zu sein. Es ist etwas, das die Inspiration auf sehr emotionale und originäre Weise beinhaltet. Darum, denke ich, gehört es zu Ritsos’ besten Werken. Ich habe es so lieb gewonnen. Als ein eigenständiges Werk. So wie ich auch bei anderen großen Autoren bestimmte Werke am meisten mag und dann immer sage: Auch wenn sie nur dieses eine Werk geschrieben hätten, wären sie bedeutend, z.B. Kazantzakis mit "Rechenschaft vor El Greco", Varnalis mit "Einer, alle", Sikelianos mit "Heilige Straße".

Kutulas: Aber einen Künstler macht doch nicht ein einziges Werk aus ...

Alexiou: Die Menschen, die Künstler - wenn es ihnen gelingt, mit auch nur einem Werk sozusagen den Himalaya zu besteigen, dann war’s das. Denn nicht jeder kann den Himalaya besteigen. Wenn ich es schon mit einem Zweizeiler schaffe, dann unterscheide ich mich von anderen Menschen. Diese Menschen, über die ich gerade sprach, haben mit diesen ihren Werken den Himalaya bestiegen. Dort oben sehe ich sie jetzt thronen, dank ihrer Werke.

© Asteris Kutulas, 1983


Die Grande Dame der griechischen Literatur lernte ich 1968 an der griechischen Schule von Bukarest kennen - als eine meiner Lehrerinnen, wusste aber kaum etwas über sie als einer der wichtigsten Romanschriftstellerinnen meiner Heimat.
Ich traf sie dann wieder 1978 in Athen, ich war damals noch blutjung, aber bereits infiltriert von der „Literatur als Lebensform“, hatte auch schon einen oder zwei ihrer Romane gelesen. Sie, 1894 geboren, hatte bereits viel durchgemacht, kam aus intellektuellem Elternhaus, emanzipierte sich früh, ihre Schwester Galatia heiratete Nikos Kazantzakis, in den auch sie verliebt gewesen war. Lebte u.a. in Frankreich, später in Rumänien. Für mich ist sie die griechische Anna Seghers – von ihrem Schreibstil her, von ihrer politischen Gesinnung. Voller Lebensweisheit, freundlich, gebildet, klug, zierlich, weißhaarig, eine schöne Frau, selbst als Mittachtzigerin. Ich besuchte sie 1983 wieder, als wir unseren Ritsos-Film drehten, und führte das hier veröffentlichte Interview, das allerdings auch sehr viel über sie selbst verrät.

Kürzlich erst las ich einige Lieder und Gedichte in ihrem Kinderbuch „Ich singe und tanze“, das sie mir am 9.9.1978 schenkte und es meinen (zukünftigen) Kindern widmete. Und viele Jahre davor – ich glaube, es war 1965 – kam mein Großvater Asterinos aus Sernikaki bei Delphi nach einer langen Reise völlig erschöpft und ohne das Geld für ein Taxi in Bukarest an, um seinen Sohn, meinen Vater, dort zu besuchen, hatte aber keine Adresse bei sich. Mein Großvater lief übermüdet, durstig und ratlos durch die Stadt und begegnete an einem Platz einer Frau, die ihm weiterhalf. Das war Elli Alexiou. Kein Wunder, dass diese Frau für mich etwas Engelsgleiches hat. Sie war nicht nur der Schutzengel meines Großvaters an einem mörderisch heißen Sommertag in Bukarest, sondern auch ein Schutzengel der guten neugriechischen Literatur in dunkelster Zeit. A.K.