Berlin, JOT WE DE, 1990

Gespräch von Dimitris Koutoulas mit Marina Bertrand, Thomas Bischoff und Asteris Kutulas - Redaktionsmitgliedern der Zeitschrift „Sondeur“ - über Berlin am Tag, da die deutsche Einheit beschlossene Sache war... Dimitris Kutulas versuchte damals (vergeblich) unsere Zeitschrift SONDEUR zu retten, obwohl er BWL auf Chios studiert hatte. Es half nichts. Jedenfalls schaffte er es wenigstens, uns beim Italiener in der Nähe vom Check Point Charlie (während die Vorspeisen verschlungen wurden) eine entscheidende Frage zu stellen, nämlich die über unsere (zweite) Heimat Berlin:

Dimitris Kutulas: Ihr seid „Berliner“. Was fällt Euch ein zu: Berlin? Was lohnt sich, hier zu sehen?

Marina Bertrand: SONDEUR natürlich.

Asteris Kutulas: Also, Berlin ist einfach super. Einfach super.

M.B.: Lecker.

A.K.: Vor allem der Lützow-Platz. Da ist die Stiftung Warentest. Ich kann nur sagen: Hin zum Lützow-Platz, rein in die Stiftung Warentest und guckt Euch die schönen Zeitschriften an! Das ist einfach super. Dann Hotel 'Esplanade'. Mit der wahnsinnigsten Suite von ganz Berlin, 107 qm groß, mit Flügeln drin, mit zwei Stereoanlagen, einem großen Fernseher und einem kleineren Fernseher. Und das Bad! Von oben, von unten, von hinten, von vorne ... Alles zusammen: Man wird durchmassiert in Berlin, von allen Seiten durchmassiert. Vor allem seit der Währungsunion. Aber davon kann uns der Autor Tom Bischoff am meisten erzählen.

Thomas Bischoff: Das Ding dreht sich ja wirklich!

A.K.: Und sie dreht sich doch! Das sagte schon vor einigen hundert Jahren Galileo Galilei. Brecht. Ich sag nur: Brecht. Durch die Mauer!

T.B.: Was soll ich denn sagen zu Berlin?

M.B.: Er ist der typische Berliner. Der aus Schwarzheide, bei Cottbus gelegen. Aber eigentlich ist er Magdeburger.

A.K.: Magdeburger! Wie Ina.

D.K.: Das kann kein Zufall sein.

A.K.: Jetzt verstehe ich übrigens einiges: Die drehende Scheibe der Welt ist Magdeburg.

Ina Kutulas: Juchhuuuuuuuuu!!!!!

M.B.: Dein Part, Tom!

A.K.: Jetzt wird er empörfleckig wie Lothar Walsdorf.

M.B.: Die langen Haare wellen sich.

A.K.: Und die langen Nägel werden weich und weicher.

T.B.: Ich wollte nur mal sagen, daß ich was sagen sollte, aber ich habe gar keine Gelegenheit dazu. Ich gebe jetzt wieder weiter an die Damen und Herren des Tisches. Ich weiß nicht, was Du überhaupt hören willst.

I.K.: Sicher was über Spree-Athen.

M.B.: Was typisch Berlinerisches.

T.B.: Also, ick bin een Berlinar.

A.K.: Icke ooch.

M.B.: Vom Ende der Welt.

I.K.: Vom Himmel hoch ... Und hinterm Horizont geht’s steil bergab.

A.K.: Friedensstadt Berlin. Stadt des Friedens – von Erich Honecker begründet.

T.B.: Na, von mir nicht.

M.B.: (Das war Walter Ulbricht!)

A.K.: Nein, von Tom Bischoff nicht, aber von Mielke, von Erich Mielke. Hieß der auch Erich?

I.K.: Schon vergessen??? Na, das kommt wieder mit der Zeit ...

M.B.: Walter Ulbricht!

A.K.: Nein, nicht von Ul... Von ... Bricht wie Brecht. Brecht die Mauer entzwei! Kampfgruppen vor! Und Tom Bischoff hinterher!

M.B.: Glotzt nicht so romantisch!

T.B.: Ich weiß nicht, was die gegen mich haben. Aber die haben was gegen mich.

I.K.: Weil du Magdeburger bist.

M.B.: Berlin Berlin ...

A.K.: Neue deutsche Welle.

M.B.: Berlin Berlin... da gibt’s kein Tabu.

A.K.: Berlin Berlin. Die Schule brennt. In Berlin.

D.K.: Was bedeutet eigentlich: jot-we-de?

M.B.: Janz weit draußen. Jot-we-de.

A.K.: Quatsch!

M.B.: Doch!

D.K.: Das habe ich irgendwo gelesen und wußte nicht, was es bedeutet.

M.B.: Jot-we-de. Du kannst zum Beispiel sagen: Asteris wohnt jot-we-de. Janz weit draußen.

A.K.: Ick steh auf Berlin. Jot-we-de.

M.B.: Da gibt es ein Bild, wo Lakis Tsialtzudis Tine als Punker frisiert und sie fotografiert hat. Und da steht drauf: Ich steh auf Berlin. Mit dem Palästinensertuch.

A.K.: Also, um mal hier als richtiger Berliner zu spreche: 'Atze' gefällt mir einfach.

T.B.: Habe ich mich nich jestern, muß ich als Machdeburjer mal saren, hab ich mich nich jestern aufe Straße jewacht!

M.B.: Wir sind das Volk.

T.B.: Wir sind das Volk ... ist erstmal Scheiße.

A.K.: Ich bin für Atze. Es lebe Atze! Und ich bin für die Zeitschrift ATZE.

T.B.: Ich habe mich immer jesacht: Jehe nich mit die Proletarier an een Tisch. Hab ich mich immer jesacht.

A.K.: Proletarier aller Länder vereinigt euch!

T.B.: Mein Großvater hat mir schon gesagt: Laß dit weg! Wirklich. Sag ich jetzt mal auf dies Tonband.

A.K.: Kennst Du FRÖSI?

T.B.: FRÖSI ist was ganz anderes. Aber Berlin ist ja ne Eurostadt.

A.K.: Du kennst also FRÖSI. Und in der FRÖSI, da war mal ein Hund, der hat gesagt: Also ich als Hund... Mir gefällt der Fernsehturm.

I.K.: Ich kann mir denken, warum.

A.K.: Wegen dem FRÖhlichsein und SIngen?

T.B.: Gestern bin ich mit Fahrrad mitten durch die Stadt durchgefahren nachs Kino. Hab ich doch vor einem Plakat gestanden...

A.K.: Kennst du die '49', Straßenbahn '49' nach Pankow?

M.B.: Da wohnt Heinz Florian Oertel.

A.K.: Da brüllte doch neulich einer: „In Afrika sterben die Kinder und ihr fahrt Straßenbahn!“

M.B.: Das ist typisch Berlin.

A.K.: Der schimpft und schrie: „Ihr ollen Säcke! In Afrika sterben die Kinder und ihr fahrt Straßenbahn!“ So ist’s hier. Das muss doch mal gesagt werden. Jetzt seid Ihr verstummt, was?!

T.B.: Das sind alles intelligente Leute, die hier gesprochen haben ...

I.K.: Allerdings.

A.K.: Vor allem der Tom Bischoff. Kennt Ihr den? Sein Text erscheint jetzt auch im SONDEUR. Mit Sex im Theater. Naturalsex. Von vorn und von hinten auf der Bühne. Der inszeniert solche schweinischen Sachen als Regisseur. Das ist ein echter Berliner. Den müßte man ...

M.B.: Und ich, ich bin in der alten Charité geboren worden. Drei Wochen zu spät.

A.K.: Drum.

T.B.: Ich will mal sagen, was ein Berliner ist. Wenn ich mir die Kröte anhöre, die hier neben mir redet und quatscht, daß mir das Grüne aus den Ohren läuft, will ich Dir mal sagen, was ein Berliner ist: Wenn Du ein Berliner bist, dann bin ich sonst was ...

A.K.: Richtig. Du bist „sonstwas".

T.B.: Jeh nach Hause! Schließ Dir ein! Und meld Dich nicht mehr zu Wort hier! Wir möchten gern zahlen!

A.K.: Ja, weil wir hier nicht beim Berliner, sondern beim Italiener sind, mit Knoblauch. Zahlen mit Knoblauch! Fünf Tonnen!

M.B.: Makkaroni-Mafia.

A.K.: Also das ist typisch für Berliner, daß die Italien immer mit Mafia verbinden. Typisch für Nicht-Berliner. Für Pseudo-Berliner.

T.B.: Weißt Du Kumpel, wenn ich mir einen Berliner angucke und einen Italiener, das ist wie Paris und Brieske. Also, ich sag Dir, daß Brieske in Italien liegt.

A.K.: Ich wollte schon fragen, wo Brieske liegt.

T.B.. Das habe ich mir gedacht.

M.B.: Oberhalb des Nabels von der Frau.

A.K.: Jetzt wirds schreck-xuell. Jetzt müssen wir gehen!

M.B.: Unterhalb ist Paris.

A.K.: Brieske ist oberhalb, Paris ist unterhalb. Jetzt verstehe ich alle, die sagen: Ich will nach Paris.

M.B.: Genau.

D.K.: Das war eine gute Schlußfolgerung.

A.K.: Also, wer Berlin kennenlernen will, muß einfach mal nach Magdeburg!

I.K.: Und wieder zurück.

D.K.: Danke Euch für die Beantwortung meiner Frage. Nun weiß ich, wie Berlin ist.

Dimitris Kutulas sprach mit Marina Bertrand, Ina Kutulas (Redaktionsmitarbeiterinnen der Zeitschrift „Sondeur“), Asteris Kutulas (Chefredakteur), Tom Bischoff (Autor).


Ich dulde normalerweise keine Gastkommentare in meiner Homepage, aber zu dem folgenden bin ich gezwungen worden (auf der Grundlages des „Brother Law“):

Gegendarstellung

Dieses weinselige Interview fand am 22. August 1990 im tollen italienischen Restaurant „Rita“ am Checkpoint Charlie statt (ich arbeitete zu dieser Zeit an einem Berlin-Artikel für ein griechisches Reisejournal). Zum Auftakt hatten wir gerade Weinbergschnecken und den leckeren Spinat mit Gorgonzola und Knoblauch vertilgt.

Was Du nicht gut in Erinnerung hast, ist, dass im Sommer 1990 und für ein weiteres Jahr der Verlag sehr gut lief. Also kann nicht von vergeblichen Versuchen zur Rettung des SONDEUR die Rede sein. Ganz im Gegenteil: Ihr hattet damals ein sehr gutes Geschäftsmodell und der SONDEUR verkaufte sich prima.

Die Probleme meldeten sich erst Mitte 1991, als der ostdeutsche Pressevertrieb Pleite ging. Obwohl wir dieses Problem rechtzeitig besprochen und analysiert hatten, gab es dann doch keine sich rentierende Vertriebsalternative für den SONDEUR.

„Rita“ schien auch Probleme zu haben, da sie kurz nach unserem Besuch schloss.

Dimitris Koutoulas