"Ich hört ein Sichlein rauschen ..." - Vom Geheimnis im Bild

Angela Hampel befragt von Asteris Kutulas (1989)


Kutulas: In einer Rezension zu deinen Bildern fiel – schon vor einiger Zeit – der eher pejorativ gemeinte Begriff "androgyne Körper". Ich würde ihn, bezogen auf die Gestalten, die du malst, nicht akzeptieren, da ich etwas anderes dahinter vermute. Nämlich die Verdrängung des zwischengeschlechtlichen Konflikts aus deiner Bilderwelt.

Hampel: Ich würde das zunächst unterscheiden, denn nicht alle Bilder oder Zeichnungen, die ich gemacht habe, rutschen ins "Androgyne". Ich habe ja zum Teil auch sehr deutlich bestimmte Geschlechterbeziehungen innerhalb dieser "vier Ecken" dargestellt.
Das Wort "androgyn" offenbart zusätzlich einen Blick von außen, nämlich die Empfindung der Leute – und das hat gar nichts damit zu tun, wie ich's gemacht habe. Das sind, glaube ich, zwei Ebenen. In dem Moment, wo die Leute sich eine Sache ansehn, kommt ihre Interpretation oder ihre Illusion zum Tragen. Das wird dann auf mein Bild draufgelegt. Dadurch wird der Ausgangspunkt "Bild" verdeckt.
Ich lebe ja nicht als androgynes Wesen, sondern als Frau. Und wenn meine Bilder entstehen, dann hat das ja auch mit dem Frau-Sein innerhalb dieser Gesellschaft oder innerhalb der Kunstwelt zu tun. Das ist aber vornehmlich kein Ausdruck einer Illusion oder Utopie, die ja etwas Gedachtes ist. Ich meine vielmehr, daß zwei verschiedene Wesen existieren: Männer und Frauen, die versuchen müssen, irgendwie miteinander auszukommen. Und ich suche einfach nach verschiedenen Möglichkeiten, die ich auch im Bild verarbeite oder besser: abarbeite. Daß es dann manchmal zum "Androgynen" tendiert, ist eine Folge dieser Auseinandersetzung.

Kutulas: Daß man deine Bilder so behandelt, hat vielleicht etwas mit der Erwartungshaltung dir gegenüber zu tun ...

Hampel: Ich erinnere mich an eine Diskussion, die die Zeitschrift "Bildende Kunst" initiierte. Da ging's um's "Androgyne". Es war intellektuelle Spielerei, in dieser Richtung eine Lösung für die Konflikte zu suchen. In der Realität funktioniert das nicht. Was du als "androgyn" bezeichnest, sind vielleicht die Zwischentöne, das, was du nicht genau festmachen kannst, was ich als Geheimnis im Bild bezeichnen möchte. Ein Indiz für ein gutes Bild, das ich unheimlich wichtig finde. Und das möchte ich mir auch offenlassen – aber gleich wird diese Stelle wieder mit einem Begriff besetzt, in meinem Fall mit dem Wort "androgyn".
Man kann's eben nicht genau erkennen: Hat sie einen Schwanz, hat er eine Brust? Sofort wird diese Vagheit intellektuell "analysiert" und mit Theorien belegt, was mich ein bißchen aufregt, weil ich dann erklären muß, daß alles ganz anders ist. Aber schon mit dieser Erklärung verbaue ich den Leuten den Blick auf das Bild. Weil ich es also offen lassen will, bin ich auch an so einer Diskussion nicht interessiert. Für mich befindet sich die Utopie ganz woanders, jedenfalls nicht im "Androgynen". Utopie ist für mich eine gesellschaftliche Angelegenheit, eine politische, oder weiß der Teufel was, jedenfalls keine, die von Hormonen oder von irgendeiner Gleichgeschlechtlichkeit abhängt. Also da sehe ich keinen geistigen Ansatzpunkt.

Kutulas: Spielen solche Überlegungen bei deiner Arbeit keine Rolle? Auch nicht im Unterbewußtsein?

Hampel: Wenn ich arbeite, und ich arbeite ja ausschließlich mit Figuren, dann gibt es immer Zwischenräume oder Zwischentöne, die ich nicht sofort besetze mit irgendeiner Projektion von mir. Und es gibt immer wieder Leute, die das als Leerstelle empfinden und sofort besetzen müssen. Die das nicht einfach mal nehmen und stehen lassen können.

Kutulas: Wobei das auch zur Profession der Kunstwissenschaftler gehört, Begriffe für etwaige Leerstellen zu finden, sie zu benennen ...

Hampel: Aber ich halte das an bestimmten Stellen für unsinnig. Ein Bild ist ein Bild; das hat eine Bildsprache, und da hast du im Normalfall mit anderen Sinnen darauf zu reagieren als nur mit dem Intellekt.

Kutulas: Du plädierst also für eine "essayistische" Betrachtungsweise von Kunst.

Hampel: Ja.

Kutulas: Gibt es eigentlich etwas, das du als sehr prägend für deine künstlerische Entwicklung bezeichnen würdest?

Hampel: Prägend für meine Arbeit war unter anderem die Hochschulzeit in Dresden, waren die relativ guten Arbeitsmöglichkeiten für mich, zum Beispiel weil ich bestimmter Sachen nie bedurfte. So mußte ich nie mit diesem Untergrundmalerinnentouch hausieren gehen, was damals natürlich auch wunderbar funktionierte. Das war nie mein Problem, weil ich immer machen konnte, was ich wollte ...

Kutulas: Ist schön, wenn du das so sagen kannst ...

Hampel: Das ist ein großes Problem, weil man/frau dadurch manchmal in schwierige Situationen kommt. Zum Beispiel auch was Reflexionen von KunstwissenschaftlerInnen betrifft, die meine Arbeit lieber im Untergrund angesiedelt hätten, dann aber merken, daß es nicht hinhaut – also ist das Ganze für sie nicht mehr attraktiv gewesen. Kunstbetrachtung hat ja auch mit dem gesellschaftlichen Kontext zu tun und oftmals gar nicht so sehr mit der Kunst. Da gibt es wunderbare Exemplare von Kunstwissenschaftlern, wo du genau merkst, wie die sich an die veränderte gesellschaftliche Situation anpassen, die auf einmal oder wieder – aber anders – botmäßig werden, artig und seriös, also dieses Schmuddel-Image ablegen. Und nun dem Markt huldigen.

Kutulas: Und dem Schlips ...

Hampel: Ja, das sind die simplen kleinen Dinge, die mir jetzt so auffallen. Aber diese Hochschulzeit in Dresden zwischen 1977 und 1982, um auf deine Frage zurückzukommen, die war schon ziemlich wichtig, weil ich da einfach das Gefühl gekriegt habe, daß ich diese Arbeit machen und zwar gut machen kann, daß ich mich in diesem Umfeld bewegen kann. Viele Beschränkungen – nicht politischer Natur, sondern solche für mein Selbstverständnis – kamen viel später. Ich habe aber an der Hochschule auch insofern Glück gehabt, weil zu meiner Zeit gerade Kettner als Rektor anfing und eine relativ liberale und offene Politik betrieb. Außerdem bestand ein ausgewogenes Mischungsverhältnis von Frauen und Männern, was ich für das allgemeine Klima als wichtig erachte, zumindest als Frau in dieser Branche. Und dann konnte ich ja, und das kommt noch dazu, relativ frühzeitig ins Ausland fahren. Und zwar 1985, glaub ich. Diese Dinge waren für mich schon sehr prägend.

Kutulas: Gilt das auch für andere Kollegen von dir?

Hampel: Inwieweit das nun deckungsgleich gewesen ist mit der Erfahrung anderer, da bin ich einfach überfragt, weil mich das so wahnsinnig gar nicht interessiert. Ich sehe natürlich Parallelen, was Bildinhalte oder formelle Sachen betrifft. Aber den Vorwurf zum Beispiel, daß wir so einen Nachklatsch der Neuen Wilden abgegeben haben, und ich insbesondere, den weise ich zurück. Er ist unsinnig, weil er Geschichte ignoriert.
In Dresden herrschte damals eigentlich ein relativ ruhiges Klima zum Arbeiten. Und dieses Was-Entwickeln-Können war einfach für die Leute, die in Dresden saßen, ein unheimliches Plus. Das klingt sicherlich jetzt auch schon wieder abgenuddelt. Aber für mich war es wichtig und für die Leute aus meiner Seminargruppe, glaube ich, auch, denn wir haben eine ziemlich hohe Quote von Leuten, die noch arbeiten: Ralf Kehrbach, Sandner, Steffen Fischer, Maja Nagel und noch ein paar andere.

Kutulas: Du stammst aber nicht aus Dresden?

Hampel: Nein, ich wohnte vor dem Studium in Kamenz, der Lessingstadt. Ich kam gerade frisch aus dem Wald – für mich war das ganz normal, diese Forst-Arbeit zu machen. Dann studierte ich an der Hochschule und hab viele Sachen so unbedarft angenommen und gemacht, mit einem Selbstverständnis, das ich später ein bißchen verloren habe, als ich merkte, daß mich viele Sachen viel mehr Kraft gekostet haben.

Kutulas: Bist du von der damaligen Dresdner Szene beeinflußt worden?

Hampel: An der eigentlichen Szene – die in der Neustadt saß, wie Kehrbach, Sascha Anderson, Helge Leiberg und Cornelia Schleime – war ich eigentlich nicht so dicht dran, weil ich ja noch relativ unbeleckt von diesen Dingen war. Ich wollte Bilder malen. Außerdem war ich mit meinem Privatleben sehr beschäftigt. Diese Leute waren für mich insofern wichtig, als es sie in meiner Umgebung gab. Das merkte ich vor allem, als sie weg waren ... Natürlich bin ich zu den ganzen Ausstellungen gegangen. Aber selbst Filme gemacht, wie es damals üblich war, habe ich nicht. Auch stand für mich das Problem des Nicht-Arbeiten-Könnens wegen irgendwelcher staatlichen Repressionen nicht, was aber für andere – betroffene – KollegInnen von Ausschlag war. Trotzdem wurde mir der Weggang dieser Leute schmerzhaft bewußt. Ich empfand ihn wie eine Ödnis, gar nicht so für mich privat, weil ich ja nicht so nah dran war, aber für die allgemeine Atmosphäre. Weil für mich so ein Gebrodel wahnsinnnig wichtig ist. Und wenn ein Teil der Leute, die etwas Beunruhigendes machen, weggeht, dann verrutscht die ganze künstlerische Produktion einer Stadt in die andere Richtung auf eine merkwürdige Art und Weise. Da geht die Ausgewogenheit und die Spannung der Kunstszene irgendwie verloren. Es ist ja auch notwendig, daß eine gewisse Konkurrenz da ist.

Kutulas: Brauchst du Konkurrenz, um gut arbeiten zu können?

Hampel: Mich hat immer gefreut, wenn andere Leute Sachen machen, die ich gut fand, die mich direkt oder auch unbewußt zu eigenen Dingen angeregt haben. Es ist ja nicht einfach so, daß du Dinge siehst und dann weggehst. Die Kunst kommt ja zum Teil auch von Kunst und nicht einfach aus'm Bauch. Das ist vielleicht so ein elitärer Zug an mir, daß ich denke, daß man gute Kunst nur machen kann, wenn man eine gute Konkurrenz hat. Das ist was anderes als der Markt. Ich meine die geistige Konkurrenz. Die ist wichtig für mich. Das hat mich immer inspiriert, wenn ich gute Sachen gesehen habe, egal was. Manchmal war ich auch traurig, weil ich mich mit ähnlichen Gedanken trug und dann hat das jemand schon gemacht und noch besser als ich's vielleicht gekonnt hätte. Dann kann man es sich auch sparen, bitteschön. Und wenn es dich aber drückt, es zu tun, dann tust du es trotzdem ...

Kutulas: Du warst dann nach dem Studium gleich freischaffend?

Hampel: Naja, da habe ich die VBK-Kandidatenzeit gemacht, drei Jahre, vierhundert Mark monatlich. Das war schon ganz gut. Da mußte ich eben rumkrebsen, hatte aber schon zu dieser Zeit relativ viele Ausstellungen, weil ich einfach auch ein bißchen Glück hatte.

Kutulas: Inwiefern?

Hampel: Ich war mit der Gabi Muschter befreundet, der damaligen Chefin der Galerie Mitte. Das war 'ne wichtige Galerie. Dort bekam ich meine erste Ausstellung, ziemlich früh also, was meinem Selbstbewußtsein sehr geholfen hat. Obwohl ich damals in schneller Folge viele große Fehler gemacht habe. Dazu gehörte, daß ich meine erste Ausstellung mit einem Mann zusammen machte. Das würde ich nie wieder machen, weil ich dadurch schnell mitgekriegt habe, wie mit dem Holzhammer ... was sicher auch eine gute Methode ist für solcherlei Dinge, daß das dort noch nicht funktionierte, daß er – Mann – und ich – Frau – Kunst zusammen ausstellen können in einer Galerie ... weil es ein anderes Wertesystem gab, ein anderes Betrachtungsverhalten. Und das hab ich damals schnell begriffen: Daß ich noch so gutes Zeug hätte machen können – abgesehen davon, daß ich ja nicht so gut war –, aber es ist eine andere Bewertung gelaufen. Das war ja eigentlich meine Ausstellung, und ich hab ihn eingeladen, weil ich damals in ihn verknallt war. Am Ende stellte sich heraus: Im Grunde genommen hatte er dort die Ausstellung, und da stellt noch irgend so ein Mädel mit aus. Und wenn du das so mitkriegst in einer Phase, in der man noch relativ unbedarft und selbstlos diese Dinge betrieben hat, ist das schon eine Ernüchterung.

Kutulas: Das ist ja eine sehr komplizierte Fragestellung: Den Unterschied von männlichen und weiblichen Kriterien in der Kunstgeschichte oder in den Kunstwerken selbst zu akzeptieren und damit umzugehen. Aber eigentlich finde ich das sehr unergiebig.

Hampel: Du hast mich nach meinen Sachen gefragt. Da gehören diese Erfahrungen dazu.

Kutulas: Das ist eine andere Frage. Man kann ja dieses Ideologem von "männlich/weiblich" wegnehmen, indem man die Kriterien innerhalb der Frauenkunst festlegt.

Hampel: Ja, wenn das so wäre. Da man aber als Betroffene kaum von dieser Realität abstrahieren kann, ist das nicht weg. Zumindest hier im Lande nicht. Das wird sich sicherlich auch verändern. Man sollte aber nicht so tun, als wäre das gleichrangig. Das habe ich schnell und ziemlich drastisch gemerkt, daß das nicht als gleichrangig angesehen wird. Das merke ich bis zum heutigen Tag. Als wir kürzlich eine Sezession gegründet haben, hieß es gleich: Da sind ja nur Frauen drin, das ist quasi ein Betrug. Die Leute lesen "Dresdner Sezession" und stellen dann auf einmal "entsetzt" fest, dazu gehören nur Frauen. Aber auf die andere Idee kamen sie nicht, daß alle Sezessionen vorher nur von Männern gegründet worden sind, die ja nicht im Traum auf den schwachsinnigen Gedanken gekommen wären, das nun als Männer-Sezession zu bezeichnen. So meine ich das mit der Norm und mit dem Blick.

Kutulas: Das wußten schon die alten Griechen: Die Männer sind im Gegensatz zu den Frauen Menschen.

Hampel: Das ist ja das Problem, vor dem wir eigentlich stehen – die Voraussetzung, unter der ein Bild angesehen wird. Und dabei weiß ich nicht einmal, inwieweit ich selbst diese "männliche" Betrachtungsweise verinnerlicht habe. Wer kann frei davon sein, wenn sie/er damit aufwächst?

Kutulas: Bei deiner Installation "Meine Herde" (aus Steinen und Fell) schien das so zu sein, als hättest du etwas aus dem Bauch heraus gemacht, ganz "naiv", "ohne Kalkül". Ich fand das sehr gut.

Hampel: Du mußt das jetzt nicht aufwerten. Wenn du sagst "aus dem Bauch heraus machen" und "ohne Kalkül", dann ist das schon eine Abwertung. Das ist ja nicht positiv besetzt, Kunst aus dem Bauch zu machen, mittlerweile, nach den Neuen Wilden ...

Kutulas: Da sind wir verschiedener Ansicht. Aber bestimmte Bilder von dir – ich bleibe dabei –, die mehr mit Kalkül zu tun haben, scheinen mir auch distanzierter und nicht so gelungen wie zum Beispiel die "Herde".

Hampel: Was ist denn für dich Kalkül?

Kutulas: Daß man bewußt ein "Thema" abarbeitet. Dann kommt so eine "verkopfte Kunst" raus.

Hampel: Ich mache diese Unterscheidung nicht. Wenn ich etwas mache, dann muß es gut sein. Ich hab ja auch meine verinnerlichten Qualitätsbegriffe, und insofern würde ich das Wort "Kalkül" da vielleicht gebrauchen, aber nicht in Bezug auf Inhaltliches oder Formales. "Aus dem Bauch" – das ist eine andere Sache. Ich male meine Bilder aus einem ähnlichen Antrieb heraus, aus dem auch diese Steine entstehen.

Kutulas: Vielleicht ist die Erklärung für das, was ich meine, dieses Neue, jenseits des inzwischen "bekannten" Strichs, der einem oft als eine Art Variation vorkommt ...

Hampel: Aber auch die Steine sind eine Variation, nämlich dessen, was ich in mir habe, was ich denke. Da gibt es für mich keinen Unterschied. Vom Machen her ist es für mich dasselbe. Nur die Form ist neu. Was ich sonst auf der Fläche dargestellt habe, gestaltet sich jetzt im Raum, zu dem ich ein anderes Verhältnis besitze.

Kutulas: Wie bist du auf diese Steine gekommen?

Hampel: Weiß ich nicht, jedenfalls ist das jetzt schwer zu rekapitulieren. Ich habe mich mit Installationen beschäftigt, und ich denke, das hat wieder was mit Sinnlichkeit zu tun, was mir aber erst im Nachhinein aufging, weil ich gar nicht auf die Idee kam, wie viel diese Sachen unter anderem mit Sexualität zu tun haben. Daß das so ablesbar ist, das habe ich nicht gedacht, es schien mir gar nicht so dominant zu sein. Ich hab dann rückgekoppelt und geguckt, was so in mir vorgeht. Das hat schon was mit dem Fell zu tun. Ich habe die Felle alle selber bearbeitet, habe mir die Steine ausgesucht und aus dem Steinbruch hergeholt. Ich habe also mit diesen Dingen ziemlich intensiv gelebt. Und das ist vielleicht das, was du meinst. Natürlich kommen die aus dem Bauch, aber die kommen auch aus meinem Grips.
Jedenfalls hat das immer so einen merkwürdigen Beigeschmack, wenn du sagst: "das kommt aus dem Bauch". Wenn du damit meinst, es kommt aus der Mitte, dann ist das vielleicht besser getroffen. Das ist ja unser Lebensproblem. Insofern würde ich das natürlich als etwas Positives annehmen können. Aber in dem Kontext, in dem du es sagst und in dem es auch irgendwo steht, ist es einfach die Frauen zugeordnete Sache. Deswegen springe ich vielleicht drauf an. Diese simplen Mechanismen, die dann einsetzen und gegen die du ankämpfen kannst, wie du willst. Es nützt nichts. Also: Wenn du Bauch sagst, würde ich von "Mitte" sprechen.

Kutulas: Einverstanden, doch zurück zur Produktion dieser Installation ...

Hampel: Ich lag früh im Bett, und da hatte ich dieses Bild vor Augen. Dann habe ich es genauso realisiert, wie es mir eingefallen war, weil ich dachte, es hat was mit mir zu tun und mit meinen Vorstellungen, meinen Bildern, damit, wie ich bin. Ich erzählte dir bereits, daß ich aus dem "Wald" komme, in der Forstwirtschaft gearbeitet habe. Das war mehr lakonisch, denn ein Teil von mir hat immer noch mit dem Wald zu tun, mit der Natur, den Tieren. Von all dem ist in dieser Installation mehr enthalten als in meinen Bildern.

Kutulas: Arbeitest du in der Richtung weiter?

Hampel: Ja. Ich habe eine neue Installation fertiggestellt. "Sense" – das ist mein Arbeitstitel. Objekte, Figuren aus Eisenbahnschwellen, versehen mit Sensenblättern ... Wieder so eine Sache "aus der Mitte".

Kutulas: Also, "Mitte" ist eine gute Umschreibung.

Hampel: Die neue Installation besteht aus Stoff, Holz, Eisen. Die Figuren haben auch Arbeitsnamen. Da ist zum Beispiel der Rettende Engel, der Liebhaber und ein Stehendes Heer. Dann will ich auch die "Herde" drinhaben, in einem ganz anderen Kontext. Mein Problem ist zum Beispiel auch, daß ich gern den Sachen Texte beigebe, nicht als Illustration oder als Erläuterung, sondern einfach meine Gedanken, die ich beim Machen hatte. Die hätte ich dann gern so akzeptiert. Der Text zu meiner neuen Arbeit ist eine Variation des Liedes "Ich hört ein Sichlein rauschen":

Ich hört ein Sichlein rauschen
Das verfolgt mich schon tagelang.
Wie: du holder Sensenmann
Wie: ist lang schon Krieg, mein Herz
Und auch:
Wohl Rauschen durch das Korn!
Aber, aber meine Liebe, sagst du
Ich hört mein Feinslieb klagen!
Aber wer wird denn, sagst du.
Es hätt sein Schatz verlorn!
Ich bitte dich, sagst du.

Das Sichlein rauscht. Ich steh am Feldrand mit Armen, die hängen wie zwei Dreschflegel an mir herab. Mir bricht der Schweiß aus. Ich will laufen, komme aber nicht von der Stelle. Das Geräusch kommt näher. Risch. Rasch. Risch. Rasch. Ich will mich umdrehen, aber es ist immer im Rücken. Langsam kriecht Kälte in mir hoch. Ich fange an zu zittern. Ich will rufen (ich habs ja gewußt!)

Ich hört ein Sichlein rauschen!
Da bin ich aufgewacht.
Was du nicht sagst.
Laß rauschen, Lieb, laß rauschen ...

Kutulas: Kannst du den Text etwas erläutern?

Hampel: Diese Worte, die mich da beim Machen begleitet haben, haben was mit meiner Situation zu tun, mit der politischen Situation, die ich auch mit dieser Installation zu erfassen versuche. Und das ist eine ziemlich böse Geschichte. Aber ich wollte, daß auch ein bißchen Humor drin ist und nichts Verbiestertes. Ich bin frustriert angesichts der Dinge, die jetzt passieren. Ich denke, ich werde nach dieser Sache andere Sachen machen, also nicht einfach andere in der Folge, Fortsetzung, sondern was wirklich anderes. Diese Installation ist für mich so ein Punkt, wo ich alles mal zusammengefaßt habe: meine Wut, meine Angst, meinen Frust, alles, was so an "Negativ"-Gefühl in mir drin ist. Ich vertraue einfach auf meine Intuition.

Kutulas: Ist bei dieser Installation nichts Gemaltes dabei?

Hampel: Ich habe eine ganze Rollofront gemacht mit sechzehn stürzenden Figuren. Das ist aber das Einzige, was so im bildnerischen Sinne figurativ ist.

Kutulas: Wie kommt es, daß du langsam die Fläche verläßt?

Hampel: Das hat was mit dem Raum zu tun. Wenn du an einer Sache im Raum arbeitest, ist es was anderes. Du nimmst sie mit anderen Sinnen auf. Und das ist das, was ich immer mit meinen Bildern erreichen wollte: daß die Leute mit ihren Sinnen an die Bilder herangehen. Aber zum Bild ist immer eine Distanz, du stehst hier, und dort ist das Bild. Egal, was du abgebildet hast, es ist eine Fläche. Während eine Sache im Raum ... ist eben eine Sache im Raum. Du mußt da reingehen, und das macht Töne, oder das riecht, oder du kannst es anfassen. Das ist für mich momentan eine viel größere Möglichkeit, weil mehr Kommunikation stattfindet und weil ich eigentlich aus einer eher konventionellen Ecke komme. Da gibt es diesen Spruch von Käthe Kollwitz, vom Wirken in der Zeit. Dem hänge ich auch ein bißchen an.

Kutulas: Ein bißchen ziemlich ...

Hampel: Ja, ein bißchen ziemlich.

Kutulas: Gehört das zu deinem Arbeitsprinzip, den kommunikativen Aspekt mitzudenken?

Hampel: Ich habe kein Prinzip in diesem Sinne. Kunst ist ja – neben Selbstbefriedigung – immer Dialog, setzt auf ein Gegenüber, bewußt oder unbewußt. Natürlich mache ich es in erster Linie für mich. Du hast nicht ständig ein imaginäres Publikum im Kopf. Aber die Art der Arbeit, die ich mache, hat ja mit meiner Moral zu tun. Wenn ich das anders anpackte, würde die Qualität meiner Sachen darunter leiden. Das Wissen darum, das ist mein Arbeitsprinzip. Vielleicht sollte ich nicht pauschalisieren, aber ich denke, daß es dort Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Kunst von Frauen meist viel existenzieller ist, das heißt, viel mehr mit dem Leben, mit ihrer realen Situation zu tun hat. Das ist mir wie auf der Haut drauf. Währenddessen ich einen Haufen Kollegen kenne, die müssen sich ihre Bildwelt immer wieder im Geiste produzieren. Sie gehen früh aus dem Haus, vom Kaffeetisch, ziehen sich ihr Kittelchen an und "machen" sich ihre Bildwelt. Sie sitzen dann im Atelier, hören sich noch irgendwelche scharfe Musik an, gucken vielleicht noch in irgendwelche Heftchen, einfach um wieder "reinzukommen", und malen dann ihre Sachen runter. (Gestatte mir die Simplifizierung.) Und dann gehen sie wieder heim. Dieser Bruch von Bildrealität und dem wirklichen Leben – den merke ich bei Männern viel eklatanter. Und das ist, denke ich, auch letztendlich ihr Problem: das nicht auf eine Schiene zu kriegen, Leben und Arbeiten. Ich merke, daß das bei Frauen viel mehr zusammengeht. Und das hat mit Moral, mit Lebens-Moral zu tun. Das, was ich mache, ist von meinen Stimmungen, meinen Gemütsverfassungen abhängig. Und mitunter von meinen vorhandenen oder nichtvorhandenen Liebhabern. Das wäre für mich ein Unding: wenn ich gar nicht so drauf bin, ins Atelier zu gehen und ein Bild zu malen, das mich an dem Tag weiß Gott nicht interessiert.

Kutulas: Ist Ruhm eigentlich wichtig für dich?

Hampel: Das ist ganz schwierig. Der sogenannte Ruhm ist mir insofern wichtig, als er mir einfach auch Selbstbewußtsein gegeben hat, das mir wiederum Anderes zu machen und zu leben ermöglicht hat. Auf der anderen Seite ist mir natürlich klar, warum das so funktioniert – was "Ruhm" bedeutet und welchen Regeln er unterliegt. Nur, ich akzeptiere einfach diese Bedingungen nicht, ich lebe aber in ihrem Umfeld. Ich kann die Gesellschaft nicht ändern, was ich gerne täte. Und der Ruhm hängt an dieser Gesellschaft dran. Ich merke aber, daß er mir auch zuarbeitet, also ist er ein kleines Plus für mich.

Kutulas: Auch ein Kompromiß.

Hampel: Ja, das ist eine Gratwanderung. Und ich denke, daß ich das bis jetzt relativ gut gepackt habe. Wie das jetzt wird, das weiß ich nicht. Bis jetzt ist mir das schon gelungen, nicht irgendwelche Sachen bedienen zu müssen, die ich nicht wollte. Andere Sachen hab ich dann wieder gemacht, weil ich überlegt hab: das wäre vielleicht doch gut, und ein Katalögchen ist auch ganz hübsch usw. Weil ich ja auch eitel bin. Und eitel mußt du sein. Wenn du nichts von deiner Arbeit hältst, dann brauchst du sie nicht machen. Ich meine damit die Sicherheit, daß das, was man macht und was man dann rausgibt, auch gut ist – zumindest für einen selber –, das ist wichtig, und das meine ich mit Eitelkeit.

Kutulas: Arbeitest du eigentlich tagsüber oder nachts?

Hampel: Wenn es mir kommt.

Kutulas: Und wann kommt es dir in der Regel?

Hampel: Tags oder nachts.

Kutulas: Brauchst du kein Tageslicht?

Hampel: Nein. Ich arbeite auch bei meinen miesen Lampen. Da hab ich mich drauf eingerichtet. Wie auf die Sonne.

Kutulas: Wechselt das immer oder gibt es Phasen, da du nur bei Tageslicht oder nur nachts arbeitest?

Hampel: Das wechselt immer. Aufgrund der anderen Sachen, die ich noch so treibe, gibt es nichts Konstantes. Ich möchte mir dieses Spielerische bewahren. Das Verbiesterte, dieses "Machen" – das kotzt mich an.

Kutulas: Arbeitest du auch morgens?

Hampel: Nein. Ich brauche eine ziemliche Anlaufzeit, bis mein Gehirn so auf Touren kommt; auch ich brauche das zum Arbeiten.

Kutulas: Trinkst du Kaffee, Tee oder andere Sachen beim Arbeiten?

Hampel: Ach, willst du wissen, ob ich mich anmache?

Kutulas: Nein.

Hampel: Ich brauche kaum Stimuli. Wenn das Gefühl nicht da ist, dann mache ich es nicht.

Kutulas: Gibt es KünstlerkollegInnen, mit denen du dich besonders verbunden fühlst, von der Lebenshaltung, vom Werk her?

Hampel: Was aber nicht heißt, daß man befreundet ist?

Kutulas: Nein, nicht unbedingt befreundet.

Hampel: Ja, da gibt es ein paar. Miriam C., Sarah H., Gerda L. und Gudrun T. Als Gleiche unter Gleichen, das ist wunderbar. Den Francesco C. mag ich auch, obwohl ich nur sein Werk kenne. Er macht etwas für Männer Untypisches. Er kann über sich selbst lachen, hat Humor, ab und zu einen Pimmel mit einem Lichtel drauf zu malen. Hier sehe ich von Künstlern nur reihenweise aufgeklappte Mösen. Dann guckst du dir ein Bild an – und kennst auch alle anderen. Aber bei Francesco C. habe ich Lust, die anderen Sachen alle anzugucken, weil da einfach das Spielerische drin ist, was ich für diese Arbeit als wesentlich erachte. Nicht dieses Auf-irgendwas-hinmurksen, und dann wird das letzte bißchen Grips noch aus sich rausgedrückt, nur damit noch was hingehängt werden kann. Das ist alles so angestrengt. Je effektvoller und brutaler, desto kunster. Das halte ich für Schwachsinn. Es muß doch auch Spaß machen, es muß erotisch sein und intellektuell anregend. Das finde ich schon wichtig, sonst brauche ich diese Arbeit gar nicht zu machen. Das ist einfach mein Anspruch an mich selber. Und ich hoffe, ich werde das schaffen und nicht auch anfangen, meine eigene Scheiße zu reproduzieren. Was ja nicht schwer ist.

© Asteris Kutulas, 1989


ANGELA HAMPEL: REDE 1988

Abgedruckt in Bizarre Städte, Sonderheft 2, Herausgegeben von Asteris Kutulas, Eggersdorf-Süd 1988

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich möchte einige Zeilen aus dem Entwurf des Statutes zitieren. Dort steht unter II., Punkt 8, Klammer 5:"Ausgehend von den gesellschaftlichen Möglichkeiten und entsprechenden rechtlichen Regelungen gilt den Frauen sowie den jungen Mitgliedern und Kandidaten besondere Unterstützung und Förderung."

Dazu habe ich einige Fragen:

Angenommen, mann hat sich tatsächlich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen weiblicher Künstler auseinandergesetzt, sollte mit Förderung also gemeint sein, daß in Zukunft, ab heute verstärkt auch Frauen in machtausübende Positionen gelangen? Daß an den Orten, die man gemeinhin als "obere Leitungsebene“ bezeichnet, Frauen und Männer paritätisch anzutreffen sein werden?
Sollte mit Förderung gemeint sein, daß Frauen angemessen in sämtlichen Jurys vertreten sein werden?
Sollte gemeint sein, daß wir in naher Zukunft bei Auftragsverteilungen stärker bedacht werden? Auch bei der Vergabe von Pleinair-Plätzen und Reisen?
Sollten wir annehmen können und dürfen, daß Künstlerinnen ab jetzt in gleichem Maße wie männliche Kollegen das Bild der DDR-Kunst bestimmen werden, nicht nur hier im Land, sondern und besonders auch im Ausland? Daß wir auch bei den repräsentativen Ausstellungen jenseits der Grenzen mit mehr als nur ein, zwei Alibikünstlerinnen vertreten sein werden?
Sollte das Wort Förderung beinhalten: Museen, Sammlungen, Galerien werden bei ihrer Ausstellungs- und Sammlungspolitik der Tatsache gerecht werden, daß zu allen Zeiten wesentlich mehr gute Künstlerinnen gelebt und gearbeitet haben, als eine patriarchalische Kunstgeschichtsschreibung uns weismachen will?
Sollte Förderung meinen, daß wir in die Lage kommen, uns unser Bild von uns und unserer Umwelt selbst zu machen – auch innerhalb der Medien?
Und: Sollte uns damit tatsächlich die Möglichkeit gegeben werden, unsere vielfältigen Interessen auch innerhalb von Privatinitiativen zu befriedigen – entsprechend den Erfordernissen?

Die die Förderung betreffende Formulierung im Statut, genau gelesen, bedeutet, daß die gesellschaftlichen Möglichkeiten der Ausgangspunkt des Förderungsstatus’ von Frauen sind. Es kann aber nicht um wohlwollende Zuwendungen für eine hilfsbedürftige Randgruppe der Gesellschaft gehen, und wenn doch, wäre es an der Zeit zu hinterfragen, wer uns in diese Bedürftigkeit gebracht hat. Es gehört viel Selbstgefälligkeit dazu, sich gegenüber einem Zustand, der seine Ursachen in den bestehenden Strukturen der Gesellschaft hat, in der Rolle des Schenkers, des Gabenverteilers wohlzufühlen.
Zugleich impliziert diese Formulierung die gesellschaftlichen Möglichkeiten als Grenze der Förderungen: nach einem Maß, welches nicht genau definiert ist. Eine grundsätzliche Neubewertung der Frauenfrage ist durch diese Formulierung nicht nur umgangen, sondern auch verhindert.
Meiner Meinung nach müßte der Satz heißen, wenn überhaupt: Ausgehend von den gesellschaftlichen Gegebenheiten... gilt den Frauen... eine solche Unterstützung und Förderung, die auf eine Erweiterung ihrer gesellschaftlichen Möglichkeiten zielt.

Dies müßte mit folgenden Forderungen untermauert werden:

  1. Eine horizontale und vertikale Geschlechterparität in sämtlichen Leitungen und machtausübenden Gremien. Das heißt, nicht nur auf den Verband bezogen, eine Beteiligung von Frauen, entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil.
    Unter diesem Gesichtspunkt dürfte auch die Zusammensetzung der Kandidatenliste für das Präsidium entweder ein Witz oder ein Fauxpas sein – mit einem Verhältnis von zwanzig Kollegen zu zwei Kolleginnen.

  2. Innerhalb des Verbandes ist darauf zu achten, daß Jurys, Auswahlkommissionen etc. gleichermaßen von Kollegen und Kolleginnen besetzt sind. Diesem Punkt gilt besondere Aufmerksamkeit, da das Bild einer Ausstellung, besonders was die Präsenz von Kolleginnen betrifft, davon entscheidend geprägt wird. Bei der X. Kunstausstellung bestand innerhalb der Jury ein Verhältnis von 43 zu 5.

  3. Es ist darauf zu achten, daß bei der Vergabe von Aufträgen, bei der Vergabe von Pleinair-Plätzen und jedweden Reisen Kolleginnen und bei letzterem in besonderem Maße Kolleginnen mit Kindern nicht benachteiligt werden. Wir fordern auch hier eine Parität.

  4. fordern wir, daß bei der Repräsentation von DDR-Kunst im Ausland auch Künstlerinnen dieses Bild entscheidend mitprägen können.

  5. fordern wir, daß innerhalb der Sammlungs- und Ankaufpolitik der Museen und Galerien unter anderem der Tatsache Rechnung getragen wird, daß in diesem Lande ein Großteil künstlerischer Qualität auch von Malerinnen, Grafikerinnen und Plastikerinnen erstellt wird. Zu hinterfragen wäre, ob dieser Gesichtspunkt bei der Auswahl dessen, was angekauft und gezeigt wird, eine Rolle spielt. Außerdem wäre es sicher lohnenswert, uns wenigstens ab und zu mit unseren Vorgängerinnen in den Depots bekanntzumachen.

  6. Wir fordern – auch und besonders als Künstlerinnen – mehr Platz in den Medien für Themen, die Frauen wirklich angehen: damit meine ich ganz und gar nicht den Umstand, daß in zunehmendem Maße ein Frauenbild erstellt wird, das weit mehr mit männlichem Wunschdenken als mit weiblicher Realität zu tun hat. Diese Realität schließt – neben Miss-Wahlen und Soft-Pornos – Probleme wie Mehrfachbelastung, steigender Alkoholismus, Gewalt (auch in der Ehe) usw. ein.

  7. fordern wir mehr Möglichkeiten, Interessen nachzugehen, die aufgrund der herrschenden Strukturen leider noch als "frauenspezifisch" bezeichnet werden müssen: darunter verstehen wir z.B. die Möglichkeit alternativer Kinderbetreuung, die gerade für Künstlerinnen dringend notwendig wäre. Darunter verstehen wir die Möglichkeit, Orte der Kommunikation zu schaffen, da die diesbezüglich bestehenden von Männern besetzt sind. Orte, an denen Frauen unbelästigt bleiben, an denen Frauen mit Kleinkindern kein Störfaktor sind und die ihnen gestatten, aus der familiären Isolation herauszukommen.

Die aufgezählten sieben Punkte setzen voraus, daß innerhalb der Gremien, die entscheidend an der Umsetzung dieser Forderungen beteiligt sind, ein Umdenken einsetzt, Umdenken in dem Sinne, daß unser Beitrag, der Beitrag von Frauen, zur Schaffung von Kunst und Kultur, einer menschlichen Gesellschaft überhaupt, nicht ausgeschlossen bleibt. Es geht hier nicht lediglich um eine Statusänderung, sondern um einen Wandel in der Gesamtheit der menschlichen Beziehungen. Es geht nicht um eine formale Gleichberechtigung. Diese führt lediglich zur Gleichheit innerhalb eines Systems, dessen Strukturen von Männern – und nur von Männern – errichtet sind.
Es geht darum, und hier möchte ich Roger Garaudy, Professor für Philosophie und Kunstgeschichte in Paris, zitieren: "...daß die Ursache unserer weltweiten Misere in der jahrtausendelangen männlichen Dominanz in Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion liegt. ... daß ohne eine ausgleichende Feminisierung der Gesellschaft die gesamte Menschheit mit buchstäblich überhaupt keiner Zukunft mehr zu rechnen hat."

© Angela Hampel, Dresden 1988